Warum werden Sie Diakon, Herr Schäfer?

St. Ludger Selm

Harald Schäfer (52) wird Diakon in der katholischen Gemeinde St. Ludger in Selm. Am Wochenende (23. November) steht die Weihe im Dom zu Münster an. Im großen Interview verrät Schäfer, warum er das tut, wie er die Kirche in der Gegenwart sieht und was seine Rezepte für mehr Akzeptanz sind.

SELM

, 19.11.2014, 11:01 Uhr / Lesedauer: 8 min
Harald Schäfer will sich in St. Ludger Selm noch stärker engagieren: Er wird im November zum Ständigen Diakon geweiht und dann neben dem Vollzeitberuf als Lebensmittelkontrolleur für die Gemeinde arbeiten.

Harald Schäfer will sich in St. Ludger Selm noch stärker engagieren: Er wird im November zum Ständigen Diakon geweiht und dann neben dem Vollzeitberuf als Lebensmittelkontrolleur für die Gemeinde arbeiten.

Nein, das steht so vielleicht in einigen Büchern. Aber Berufung ist ein Prozess. Die Grundhaltung, die dahinter steht, ist: Das Diakonat ist ein Versuch, ein bisschen zurückzugeben von dem, was mir im Leben positiv widerfahren ist. Dazu braucht es sicherlich nicht unbedingt das Diakonat, aber es eröffnet einem andere Möglichkeiten. Das Amt öffnet die Möglichkeit, sichtbarer für die Menschen zu werden. Das Bistum Münster prägt einen schönen Begriff: Der Diakon ist an den Hecken und Zäunen. Also das Bindeglied zwischen dem Pfarrer und der Gemeinde. Die Hemmschwelle ist viel niedriger. "Den kennen wir, der ist genauso wie wir, den können wir fragen", sagen die Leute. Und es ist tatsächlich so: Zu mir kommen Menschen, die das Gespräch suchen. Und das sind nicht die Leute, die im Mainstream der Kirche schwimmen. Gerade mit denen ist es spannend, ins Gespräch zu kommen. Was über Glaube und Kirche durch die Presse geht, ist ja eher negativ. Aber wenn man mitbekommt, wie der Papst sich öffnet, um auf die Menschen zuzugehen, dann ist das schon sehr positiv zu sehen. In Berufung steckt ja das Wort Ruf...

Es gibt begleitende Gespräche. Eines war in Münster bei der Leiterin des Institutes für die Ausbildung. Darin ging es überwiegend um die Motivation. Wenn es jemandem um Geltungsdrang oder Karriere geht, dann wird sie das ziemlich schnell erkennen. Nein, es ist eine dienende Haltung, etwas zurückzugeben, sich ein Stück weit zu verschenken und den Menschen nah zu sein.

Das würde ich so nicht sagen. Aber die Möglichkeiten, auf die Menschen in ihren Lebenswenden zu treffen, also in der Trauer, bei der Eheschließung oder der Taufe, sind ganz andere. Wenn man es da schafft, Kirche positiv darzustellen und die Leute neugierig zu machen, dann hat das noch eine andere Wirkung, als wenn man als Laie mit ihnen spricht.

Ich glaube, das eine schließt das andere nicht aus. Bewahrend auf der einen Seite und immer zu gucken: Was bedarf der Reform? Ich bin wirklich kein Mensch, der sagt, man muss immer mit dem Strom schwimmen. Man sollte auch durchaus gewillt sein, gegen den Strom zu schwimmen. Luther hat aber so schön gesagt: dem Volke aufs Maul schauen. Also was bewegt den Menschen? Weniger: Was ist dogmatisch, was sagt das Kirchenrecht? Sondern eher die Frage: Was ist kompatibel mit dem Evangelium? Wie hätte Jesus Christus jetzt gehandelt? Was hätte er dazu gesagt?

Geschiedene wiederverheiratete Menschen, die an der Eucharistie teilnehmen, dokumentieren ja, dass sie Interesse haben. Wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt und eine Einsicht spürt, dass der Menschen auch mal scheitert - und das tut er ja -, dann muss man ihnen die Hand reichen können. Das sollte nicht in Beliebigkeit ausarten, denn es geht ja um den Gottesbund zwischen Mann und Frau, und der sollte Bestand haben. Aber man muss das Scheitern einkalkulieren. Scheitern ist nichts Verwerfliches. Dann braucht es ein Stück Barmherzigkeit, ohne in eine Beliebigkeit abzudriften und den Bund der Ehe abzuwerten. Wenn jemand gescheitert ist und der Wunsch ist da, an der Communio teilzunehmen, dann sollten wir dem Menschen die Hand reichen.

Homosexuelle Menschen sind Menschen, Abbilder Gottes. Ausgrenzung ihnen gegenüber ist Homophobie. Ich sehe keine Begründung, diese Menschen auszuschließen. Die Kirche muss sich dem, was die Menschen leben, zuwenden.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich frage, woher die Leute, die dagegen wettern, die Begründung ableiten. Eine lautet, dass im Abendmahlssaal keine Frauen anwesend waren. Wer will das wissen? Dahinter steckt Angst in dieser männderdominierten Welt. Aber ich glaube, dass das nicht die vordringlichen Fragen sind, die sich die Kirche zu beantworten hat.

Wichtig ist für mich die Frage: Wie definieren wir das Volk Gottes? Wen haben wir als Kirche überhaupt im Fokus? Wenn ich jetzt die Überlegungen zur Zusammenlegung pastoraler Räume sehe, dann werden da Berechnungen zugrunde gelegt, die resultieren allein aus der Zählung der Gottesdienstbesucher. Wenn ich sage, dass das das Volk Gottes ist, dann springe ich zu kurz. Papst Franziskus sagt, wir müssen an die Ränder und uns überlegen, wie wir die Menschen erreichen können, die nicht in die Kirche gehen. Wie gehen wir auf sie zu und welches Gesicht hat Kirche bei ihnen? Auch diese Menschen haben Anfragen. Das habe ich jetzt hier schon häufiger erlebt.

Ja, zum Teil sogar sehr sympathische. Das zeigt mir oft, dass das Menschen sind, die das reflektiert und darüber nachgedacht haben. Das ist für mich eine spannende Aufgabe: Mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen ohne den inneren Zwang einer Katechese. Ich will den Menschen nicht in Form eines Aufweises klar machen, worum es geht, sondern in ihnen Fragen wecken, auf die es nicht sofort eine Antwort gibt.

Nein, das glaube ich nicht. Es braucht eine Offenheit für diese Fragen. Dann spielt sich der Glauben in der Begegnung ab. Ich glaube nicht, dass wir die Leute in die Kirche bringen, indem wir ihnen klarmachen, dass es für Gott gut ist, wenn sie einen Gottesdienst besuchen. Es ist andersrum: Die Messe brauchen wir. Wenn die Menschen in Lebenswenden auf die Kirche zukommen, dann ist entscheidend, was wir daraus machen. Wenn wir dann in der Liturgie (Gottesdienstgestaltung, Anm. d. Redaktion) etwas zulassen und nicht so starr sind, dann haben wir Chancen, dass die Leute sagen: "Das war gut, da hat sich Kirche mal anders gezeigt."

Wir haben das neue Gotteslob, da sind ganz viele tolle Lieder drin. Im Gottesdienst müssen wir sehen, dass wir die Menschen erreichen. Da muss es in der Predigt nicht hochtheologisch zugehen. Wir müssen klar machen: Was sagt mir das Evangelium heute? Es gibt unterschiedliche Formen von Gottesdiensten: für Kinder, Jugendliche, nur für Frauen, für Ältere. Da ist nichts starr. Wir haben den Liturgiekreis, der daran arbeitet, dass sich etwas verändert. Und mit unserem Pfarrer haben wir einen Teamspieler, der für viele Dinge offen ist. Da ist vieles möglich.

Ich glaube, dass Angst da ein schlechter Begleiter ist. Ich gehe hoffnungsvoll an die Arbeit mit den Menschen. Ich mache mir weder über Kirchensteuerzahler noch Besucherzahlen große Sorgen. Ich sehe nicht die vordringliche Aufgabe der Kirche darin, die Leute in die Messe zu ziehen. Ich differenziere auch nicht zwischen katholisch und evangelisch. Wir sollten nicht auf die Kirchtürme schielen in Bezug auf die Gemeindefusion, sondern die Menschen insgesamt im Blick haben. Wenn die Menschen kommen und wir sie erreichen können, dann kommt es drauf an.

Im ersten Fall habe ich Verständnis dafür, wenn Menschen vom Glauben abfallen. Das geschieht meistens nicht ohne Grund. Wer sagt, er hat Zweifel, und nähert sich dem Unglauben, der hat ja schon mal geglaubt. Glaube ist kein statischer Prozess, sondern ein dynamischer. Ich hätte Angst vor einem Menschen, der mir sagen würde: "Das mit dem Glauben, das hab ich jetzt drin."  Das gibt es nicht. Die Frage, die oft im Raum steht, ist: Warum lässt Gott Elend in der Welt zu? Dazu kann ich nur sagen, dass all das passiert, weil die Menschen ihre Freiheit haben. Wir brauchen keinen Gott, um Kriege zu führen und die Welt zu vernichten - das schaffen wir schon ganz gut alleine… Aber gleichwohl ist die Frage da. Gott handelt in der Welt, aber befindet sich nicht in ihr. Wir versuchen immer, ihn zu begreifen, aber letztlich schaffen wir es nicht. Das heißt: Diesen Menschen müssen wir begegnen, und zwar nicht mit der Motivation, sie zu überzeugen und einen Beweis zu führen - das haben schon schlaue Köpfe versucht. Anders: Wir neigen als Menschen dazu, zu sagen: "Warum hat Gott das Elend zugelassen?" Das Glück an sich, dass das Leben gelingt, von guten Gesprächen und Freundschaften, das ist etwas, was viele Gott nicht zuschreiben - das ist dann einfach so.

Ich habe eine verbindliche Aufgabenbeschreibung mit Pfarrer Themann vereinbart. Darin steht, dass ich als Bestandteil des Seelsorgeteams meine Telefonnummer veröffentliche. Ich möchte in die Predigt-Rotation, möchte Taufen, Trauungen und Beerdigungen machen, wenn es die Zeit zulässt. Ich möchte die Aktion "Urlaub ohne Koffer" für Menschen, die finanziell nicht in der Lage sind, Urlaub zu machen, eine Woche lang betreuen. Und dann habe ich vor, für Einzelgespräche zur Verfügung zu stehen. Momentan begleite ich schon einen vereinsamten Menschen, den ich regelmäßig treffe.

Das kann jeder Mensch machen, ja. Aber das ist mein Punkt: Ich will den Menschen nahe sein, einfach da sein. Man muss nur zuhören können, viel mehr braucht es nicht.

Es ist ein Amt, wie das des Bischofs oder des Priesters. Diakon ist eine Haltung. Berufung mag drin sein, aber es ist in erster Linie eine dienende Haltung, den Menschen offen gegenüber zu stehen. Ich hab am Anfang das Wort für mich gewählt: "Ich möchte als Diakon der Hörende, Sehende und Helfende für die Bedürftigen in der Gemeinde sein." Das ist weit gefasst; mir ist auch klar, dass ich nicht alles retten oder heilen kann. Aber in meinem kleinen Rahmen und Umfeld möchte ich das gerne tun.

Darüber haben wir im Kurs auch gesprochen. Aber es war nie so, dass in den vier Jahren bei mir oder in der Familie ein Zweifel war, ob das, was ich tue, richtig ist. Sich infrage zu stellen, das gab es schon. Dafür gibt es aber einen geistlichen Begleiter, für mich Pfarrer Themann.

Nein. Aber der Zweifel, die Frage der Berufung, bin ich das jetzt wirklich, ist das okay, das ist natürlich da. Es ist kein Weg gewesen voller Elan und Selbstbewusstsein. Die Mühlen des Studiums auf mich zu nehmen, das habe ich gerne gemacht. Das war für mich auch eine Chance, eine persönliche Bereicherung. Ich wurde schon mal von Bekannten nach dem Bonus gefragt für das, was ich tue. Das ist in dem Fall ein anderer. Er liegt für mich in den Begegnungen mit den Menschen. Es kommt immer mehr zurück, als Sie selbst geben.

Klar. Ich habe erlebt, dass ein Nachbar mich ansprach: Verdienst du dann mehr Geld? Oder willst du dich beruflich verändern? Ich tue es einfach nur so - das ist schon selten. Aber wenn man den Menschen die Hintergründe erklärt, dann verstehen sie es und finden es toll.

Ja, ich mache in Vollzeit weiter. Unser Abkommen in der Familie war: Nach den vier Jahren Studium hast du auch noch eine Frau und einen Sohn… Der Bischof hat als erstes gesagt: "Frau Schäfer, Sie müssen darauf achten, dass Ihr Mann nicht unter die Räder kommt." Ich will dafür sorgen, dass ein Dreiklang daraus wird: Beruf, Familie und das, was ich in der Gemeinde sichtbar mache.

Das wird so sein und ist auch wichtig. Vincent ist 14 Jahre alt. Ich bleibe weiterhin Vater und Ehemann. Aber das Diakonat wird ja auch in der Familie gelebt. Die Weihe und der Einführungsgottesdienst werden noch mal Außenwirkung haben und richtig toll - und dann wird es ruhig. Dann werden auch Fragen kommen: Wo ist er denn jetzt? Was macht er? Und es wird auch so sein, dass ich es nicht allen recht mache; ich habe Ecken und Kanten. Aber in der notwendigen Gelassenheit schaue ich, was kommt.

Ja. Vier Flaschen Wein im Einkaufswagen, und schon fragen sich die Leute, ob der Diakon ein Alkoholproblem hat. Auch das ist thematisiert worden, man wird ein Stück weit öffentlich. Allerdings will ich mich nicht verbiegen. Ich werde weiterhin meine Macken und Fehler haben, das ist einfach so.

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