Wenn das Kind von Fremden angesprochen wird: Was können Eltern tun?

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In einer Selmer Facebook-Gruppe wird vor Männern gewarnt, die Kinder ansprechen. Wir haben bei der Polizei nachgefragt, was an den Vorwürfen dran ist und erklären, was Eltern tun können.

Selm

, 05.02.2019, 05:40 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist eine schaurige Situation. Ein Mann, schwarz gekleidet, treibt sich auf dem Platz herum, wo zur Adventszeit der Glitzerwald aufgebaut ist. Dort, zwischen den erleuchteten Tannen in der Altstadt macht er einigen Kindern der nahe gelegenen Ludgerischule Angst. Die Kinder sind sich sicher: Er belauscht uns. Als die Kinder diese Beobachtung ihren Lehrern schildern, sind die Lehrer alarmiert.

Am nächsten Tag schauen sie sich morgens auf dem Gelände um. Und sehen: nichts. Am zweiten Tag sehen die Lehrer erneut nach und finden tatsächlich einen Mann, der auf dem Gelände umherpirscht. Schwarz gekleidet.

Doch der Mann hat nicht vor, die Kinder zu belauschen. „Das war ein Mann vom Sicherheitsdienst, der den Aufbau der Bühne beim Glitzerwald überwacht hat“, erklärt Andrea Dabrowski. Sie ist die Konrektorin der Ludgerischule und hat die oben geschilderte Szene Ende des vergangenen Jahres an ihrer Schule erlebt.

Ernst nehmen, aber auch hinterfragen

Dabrowski macht darauf aufmerksam, dass es wichtig ist, die Kinder ernst zu nehmen. Fälle, wie der oben genannte, werden gemeinsam in der Klasse besprochen. „Man muss aber auch alles ganz genau hinterfragen“, sagt die Lehrerin. Erst vor kurzem habe es einen Fall gegeben, bei dem ein Kind durch gezielte Nachfrage zugegeben habe, dass es sich etwas ausgedacht hat.

Das ist die Schwierigkeit. Im Spannungsfeld zwischen einer möglicherweise lebhaften Fantasie und einer echten Bedrohung zu unterscheiden. Zwischen einer gerechtfertigten Alarmierung und einer ungerechtfertigten Hexenjagd.

Ein Facebook-Post, der für Wirbel sorgte

In der Facebook-Gruppe „Was in Selm passiert“ sorgte Mitte Januar ein längerer Beitrag für Wirbel, in dem einer der Administratoren der Gruppe schildert, dass sie mehrfach von Freunden und auch Nutzern der Gruppe angesprochen worden sei, darüber, dass „irgendwas im Argen ist.“ „Beweise sind leider sehr rar und die Vorfälle können nicht auf eine Person oder nur ein Fahrzeug verifiziert werden“, räumt die Autorin ein.

Konkret gehe es um junge Männer, die von jungen Frauen bei Facebook angeschrieben worden sein. Sie hätten sich verabredet. Zum Treffen seien dann aber statt der jungen Frau mehrere Männer erschienen, die ihr Opfer ausrauben wollten. Zudem habe es an verschiedenen Orten in Selm Fälle gegeben, bei denen junge Mädchen und Jungs im Alter von 9 bis 13 Jahren von Männern das Angebot erhalten hätten, sie nach Hause zu fahren.

Weil es so stark regne. Die Autorin rät, mit den Kindern zu sprechen, auf die Umgebung zu achten und gegebenenfalls ein Nummernschild zu notieren. Es gehe nicht um einen Generalverdacht, schreibt sie.

Auf Nachfrage der Redaktion macht die Autorin des Facebook-Beitrags deutlich, dass ihr die jungen Männer bekannt sind, deren Geschichten sie geschildert habe.

Einen Kontakt herstellen könne sie aber nicht, da die Männer, weder den Kontakt zur Presse, noch zur Polizei wünschten. „Ich hoffe, ,dass Sie meinen Text so lesen, wie er in der Gruppe steht. Als Warnung und zur Vorsicht aufrufend“, schreibt sie in einer Nachricht.

Im Zweifel die Polizei rufen

Doch was kann man tun, wenn das eigene Kind sagt, dass es angesprochen worden ist und man selbst unsicher ist? „Rufen Sie uns an. Je schneller desto besser“, sagt Thomas Röwekamp von der Kreispolizei in Unna.

Desto schneller könne die Polizei auch eingreifen und an der entsprechenden Stelle prüfen. Wer als Erwachsener von ängstlichen Kindern angesprochen werde, könne ebenfalls die Polizei rufen oder anbieten, bei den Eltern anzurufen.

Tipps des LKA: Das sollten Sie beachten, wenn Kinder davon erzählen, dass sie von Fremden angesprochen wurden:
  • Loben Sie Ihr Kind dafür, dass es sich Ihnen anvertraut hat.
  • Vermeiden Sie Gerüchte und beugen Sie somit einer Hysterie vor.
  • Melden Sie den Vorfall der Polizei.
  • Bereiten Sie Ihre Kinder auf solche Situationen vor und legen Sie Verhaltensregeln, z. B. für den Schulweg, fest. Realitätsnahe Rollenspiele sollten aber auf jeden Fall vermieden werden, um Kinder nicht unnötig zu ängstigen.

Die Polizei nehme solche Hinweise auf jeden Fall ernst: „Wir gehen da sehr sensibel mit um“, sagt Röwekamp, „wir nehmen das, was die Kinder sagen ernst.“

Häufig stelle sich aber auch hier heraus, dass bei gezielten Nachfragen oft Unstimmigkeiten auftreten und Geschichten sich nicht so darstellten, wie sie zunächst geschildert worden sind. Problematisch sei hingegen, wenn die Geschichte ungeprüft weiter verbreitet werde.

In Unna habe es gerade erst einen Fall gegeben, bei dem ein Mann bei Facebook beschuldigt worden sei, Kinder belästigt zu haben. Die Vorwürfe hätten sich als falsch herausgestellt. „Der Mann wollte nur freundlich sein“, sagt Röwekamp. Doch wenn der Vorwurf erstmal in der Welt sei, lasse er sich nur schwer wieder einfangen.

Unabhängig von der Stigmatisierung des Betroffenen kann eine Falschbeschuldigung auch für den Verbreiter der Anschuldigung auch strafrechtliche Konsequenzen haben. In Frage kommen hierbei zum Beispiel Vortäuschung einer Straftat, Verleumdung und üble Nachrede.

Keine Fälle zur Anzeige gebracht

Und was ist nun dran, an den Anschuldigungen aus der Gruppe? Belästigungen von Kindern seien in letzter Zeit nicht angezeigt worden, so Röwekamp. „Gerade in Selmer Facebook-Gruppen grassieren solche Berichte aber sehr häufig“, sagt der Polizeisprecher.

Die anderen Fälle - bei denen junge Männer von angeblichen jungen Frauen angeschrieben worden seien - seien ihm bekannt, aber „dass es solche Fälle bei uns gibt, ist mir nicht bekannt. Nicht ein Fall.“ Das heißt nicht, dass es solche Fälle nicht gegeben hat, allerdings sind sie nicht angezeigt worden.

„Meldungen darüber, dass Kinder zum Beispiel aus Fahrzeugen heraus angesprochen werden oder auf Spielplätzen Süßigkeiten angeboten bekommen, beunruhigt alle Eltern und Erziehungsverantwortlichen“, sagt Andre Faßbender, Kriminalhauptkommissar und Pressesprecher des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen (LKA).

„Jedoch hat nicht jeder Fremde, der ein Kind anspricht, Böses im Sinn. Tatsache ist, dass sexueller Missbrauch durch fremde Täter vergleichsweise selten ist.“ Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) aus dem Jahr 2016 zeigt, dass 49,6 Prozent der Opfer mit dem Tatverdächtigen bekannt oder verwandt waren. Anders ist das bei Fällen von Exhibitionisten. Hier hatten in 89 Prozent aller Fälle die Opfer keine Vorbeziehung zum Tatverdächtigen.

Auch Faßbender betont, dass die nachvollziehbaren Ängste ernst genommen werden. Er sagt aber auch, dabei sollte „nicht mit Hysterie und Panik reagiert werden. Dies macht handlungsunsicher und verängstigt zusätzlich.“

Grundschulen bearbeiten das Thema in Theaterstücken

Die Schulen haben sich auf Themen wie Belästigung und Missbrauch ebenfalls schon länger eingestellt. Schon seit mindestens acht Jahren gebe es an allen Selmer Grundschulen in den 4. Schuljahren das Projekt „Mein Körper gehört mir“, erklärt Andrea Dabrowski von der Ludgerischule.

„Dabei werden mit den Kindern kleine Szenen gespielt“, sagt sie, „was ist zum Beispiel, wenn die Tante mir einen Kuss auf die Wange gibt und ich das nicht möchte? Damit fängt es ja an“, sagt Dabrowski. Für Kinder im 2. Schuljahr gibt es an der Ludgerischule, ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück, das Projekt „Die Nein-Tonne“. Auch dabei werden mit den Kindern kleine Situationsspiele durchgegangen, bei denen sie lernen, wie sie laut und deutlich nein sagen können.

Wenn Eltern an die Schule mit einem konkreten Verdacht herantreten, rate sie dazu, die Polizei zu verständigen, so Dabrowski. Davon, einen Verdacht in den sozialen Netzwerken zu streuen, hält sie nichts und erinnert an den Fall mit dem Sicherheitsbeamten am Glitzerwald.

„Wenn das jemand bei Facebook postet, wird aus dem Mann beim Sicherheitsdienst schnell der schwarze Mann“, sagt Dabrowski. Und dann ist die diffuse Angst da, der Aufklärung geholfen hat das aber nicht.

Das sollten Eltern Ihren Kindern weiterhin mitgeben:

  • Schicken Sie Ihr Kind möglichst nicht alleine, sondern in kleinen Gruppen zusammen mit anderen Kindern zur Schule oder zum Spielplatz. Halten Sie es zur Pünktlichkeit an.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind auf dem Schulweg verlässliche Ansprechstellen oder sogenannte „Rettungsinseln“, wo es sich Hilfe holen kann auch bei Regen oder Verletzungen durch Sturz etc. „Rettungsinseln“ sind beispielsweise: ein Einzelhandelsgeschäft, in dem es bekannte Mitarbeiter ansprechen kann, eine Ihnen bekannte Arztpraxis, eine Behörde, ein Haus, in dem Ihnen persönlich bekannte Personen wohnen, die das Kind im Notfall ansprechen kann.
  • Machen Sie dem Kind deutlich, dass nicht jedes bremsende Fahrzeug eine persönliche Gefahr darstellt und nicht jeder Autofahrer, der nach dem Weg fragt, ein Entführer ist. Fördern Sie das Selbstbewusstsein, indem Sie einüben, höflich aber bestimmt auf Fragen zu antworten: „Fragen Sie einen Erwachsenen, ich weiß das nicht!“ Gleichzeitig sollte das Kind seinen gewohnten Weg zügig fortsetzen.
  • Nehmen Sie sich täglich die Zeit, um mit Ihrem Kind über seine Sorgen und seine Erlebnisse zu sprechen. Vor allem über Dinge, die die Kinder beunruhigen, sollten diese den Eltern sofort berichten.
  • Fördern Sie die Eigenständigkeit Ihres Kindes durch Respekt und Vertrauen. Täter sprechen bevorzugt unsicher und unselbständig wirkende Kinder an, die nicht gelernt haben, dass ihre eigene Meinung akzeptiert wird.
  • Erklären Sie Ihrem Kind, wie es sich im Notfall verhalten soll, zum Beispiel: Andere Erwachsene ansprechen und um Hilfe bitten. Laut um Hilfe schreien. Wegrennen hin zu anderen Menschen und auf keinen Fall verstecken, wenn jemand zudringlich wird. Mit dem Handy „110“ wählen oder Polizeibeamte in der Nähe ansprechen.
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