Wer genau bestimmt in NRW Corona-Hotspots und ab wann ist der Kreis Unna keiner mehr?

mlzCoronavirus

Mit einem Inzidenzwert von deutlich über 50 gehört der Kreis Unna zu den innerdeutschen Corona-Hotspots. Wie lange wird das noch so sein? Und welche Werte sind dazu ausschlaggebend?

Kreis Unna

, 18.10.2020, 19:35 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Coronazahlen im ganzen Land - und so auch im Kreis Unna - steigen in den vergangenen Wochen alarmierend an. Wer ist in NRW eigentlich dafür zuständig, Regionen als Risikogebiete zu erklären? Das RKI? Wo finde ich die aktuellsten Corona-Fallzahlen? Wie kann es sein, dass es immer wieder zu Diskrepanzen bei den Werten von Kreis und RKI kommt und ab wann gilt der Kreis Unna nicht mehr als Corona-Hotspot? Hier gibt es Antworten auf häufig gestellte Fragen:

? Wer ist für die Erklärung von Risikogebieten in NRW zuständig? Das Robert Koch-Institut (RKI)?

So leicht ist diese Frage gar nicht zu beantworten. RKI-Sprecherin Marieke Degen erklärt auf Anfrage der Redaktion: „Generell: Das RKI weist keine innerdeutschen Risikogebiete aus.“ Weiter betont sie: „Ausschlaggebend für die Bewertung und Ergreifung von Maßnahmen ist immer die Zahl der Behörden vor Ort, also des Kreis-Gesundheitsamtes. Die Behörden vor Ort haben immer die aktuellsten Zahlen, erst in einem zweiten Schritt werden sie dann ans RKI übermittelt - was manchmal mit etwas Verzug einhergeht. Das RKI bestimmt nicht, wann ein Gebiet ein Risikogebiet ist und wann nicht.“

? Also sind der Kreis Unna und das Land NRW zuständig?

Jein. Der Kreis Unna hatte erstmals am 8. Oktober bekannt gegeben, dass die Inzidenzzahl von 50 Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen den Berechnungen des Gesundheitsamtes nach überschritten war und entsprechende Maßnahmen in die Wege geleitet. Kreis-Sprecherin Constanze Rauert hatte sich an dem Tag aber noch gescheut, von einem „Risikogebiet“ zu sprechen.

Mit guten Grund, wie Carsten Duif erklärt. Er ist Pressesprecher im Gesundheitsministerin Nordrhein-Westfalens. Und sagt auf die Frage der Redaktion, ab wann ein Landkreis in NRW als Risikogebiet gibt, Folgendes: „Es ist zu unterscheiden zwischen ausländischen Risikogebieten, die vom Robert-Koch-Institut (RKI) definiert werden, und innerdeutschen Regionen, die eine hohe 7-Tages-Inzidenz aufweisen. In Nordrhein-Westfalen bestehen keine Beherbergungsverbote für Reisende aus anderen Teilen Deutschlands. Daher gibt es weder eine offizielle Einordnung von innerdeutschen Regionen als Risikogebiete noch als besonders betroffene Gebiete.“

? Wenn es in NRW keine offiziellen innerdeutschen Risikogebiete gibt, wie bezeichnet man zum Beispiel den Kreis Unna denn dann?

Die Coronaschutzverordnung des Landes spricht tatsächlich nicht von Risikogebieten. Dort werden nur Orte mit „Gefährdungsstufen“ definiert. Liegt die Inzidenzzahl für einen Landkreis oder eine kreisfreie Stadt bei über 35, spricht man von Gefährdungsstufe eins, bei über 50 - so wie gerade unter anderem im Kreis Unna der Fall - von Gefährdungsstufe 2. Nichtsdestotrotz wird auch in NRW das Wort Risikogebiet genutzt - wahrscheinlich weil es griffiger ist als die in der Coronaschutzverordnung vorgesehene Bezeichnung. Auch der Kreis Unna hat es in einer Pressemitteilung benutzt. Ministerpräsident Armin Laschet sprach zuletzt von Corona-Hotspots.

? Wie ist es denn in anderen Bundesländern? Ist da das Wort „Risikogebiet“ auch ein offizieller Begriff?

Auch andere Bundesländer sind damit eher zurückhaltend. In Schleswig-Holstein, wo ja immer noch das Beherbergungsverbot gilt, spricht man von „inländischen Hochinzidenzgebieten“, in Bayern sind es Hotspot-Regionen.

? Welche Werte sind denn auschlaggebend, wenn man als Bürger des Kreises Unna in ein Bundesland fahren möchte, in dem es ein Beherbergungsverbot gibt?

Das RKI sagt ganz klar, dass die Werte des Gesundheitsamtes vor Ort die aktuellsten sind und diese daher auch Basis für Entscheidungen sein sollten. „Möglicherweise verweisen manche Länder in ihren Verordnungen dann auf das Dashboard des RKI, in dem Kreise je nach Inzidenzzahl entsprechend eingefärbt sind“, so Marieke Degen vom RKI. Dennoch sei das Gesundheitsamt „ausschlaggebend“, was Bewertung und Maßnahmen betrifft. Viele Urlauber aus dem Kreis Unna werden gerade am ersten Wochenende nach Bekanntwerden der Überschreitung des Grenzwertes aber die Erfahrung gemacht haben, dass auch Hotels und Ferienwohnungsbesitzer zunächst mal auf die Tabelle des RKI geschaut haben. Der zufolge lag der Inzidenzwert für Unna allerdings erst mit zwei Tagen Verspätung über 50.

? Wie kommt es denn zu diesen Verzögerungen in der Datenübermittlung - und damit zu den Diskrepanzen?

Das hat zumindest nicht mit technischen Problemen zu tun, wie Kreis-Sprecherin Constanze Rauert am Donnerstag auf Anfrage der Redaktion erklärt hatte. Solche Probleme hatte es auch schon mal gegeben, als die 35-Grenze in Unna überschritten worden war und erste Maßnahmen notwendig wurden. Im Moment ist es eher so, dass die Prioritäten beim Kreis etwas anders verteilt sind. „Wegen der erwähnten steigenden Zahlen versucht die Gesundheitsbehörde vorrangig, die Infektionsketten schnellstens zu unterbrechen. Daraus ergibt sich punktuell ein Eingabeproblem, das die unterschiedlichen Zahlen erklärt“, so Constanze Rauert.

? Könnte es passieren, dass der Inzidenzwert beim RKI wieder unter 50 sinkt, obwohl die Zahlen des Kreises von deutlich mehr Fällen sprechen?

Theoretisch wäre das schon möglich. Im RKI-Dashboard ist (Stand 18. Oktober) von einem Inzidenzwert von 54,71 die Rede - die Berechnung des Wertes auf der Basis der vom Kreis Unna veröffentlichen Zahlen hat aber 85,27 Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner zum Ergebnis. Da der Kreis am Wochenende keine Zahlen veröffentlicht, ist der Wert von Freitag (16. Oktober) aus gerechnet. Laut Kreis gab es im Gesamtverlauf der Krise im Kreis Unna 1960 Fälle. Die Tabelle des RKI zeichnet aber auf, dass dort bisher nur die 1944 gemeldet wurden.

Laut Carsten Duif von Gesundheitsministerium NRW sind die Kreise zwar vom Land angehalten, die neu gemeldeten Fälle spätestens am folgenden Arbeitstag zu übermitteln, worum sich der überwiegende Teil auch mit großer Zuverlässigkeit bemühe. „Bitte berücksichtigten Sie auch, dass die Kommunen grundsätzlich Zeit für eine adäquate Vorgangsbearbeitung benötigen.“

Weil die Arbeit, die im Gesundheitsamt des Kreises Unna gerade wegen der steigenden Fallzahlen anfällt, kaum noch von den Mitarbeitern vor Ort geleistet werden kann, hat der Kreis auch schon bei der Bundeswehr, beim Land NRW und beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen um Hilfe gebeten.

? Ab wann gilt im Kreis Unna denn nicht mehr die Gefährdungsstufe 2, ab wann ist der Kreis kein Corona-Hotspot mehr?

Das Maßnahmenpaket, das der Kreis Unna auf dem Weg gebracht hatte, gilt erst mal bis zum 25. Oktober. Wie es danach weitergeht, hängt von den Zahlen ab. Denn: „Die Gefährdungsstufen können erst aufgehoben werden, nachdem die jeweiligen Grenzwerte der 7-Tages-Inzidenz an sieben aufeinanderfolgenden Tagen unterschritten wurden“, erklärte die Staatskanzlei am Freitag in einer Pressemitteilung.

Jetzt lesen
Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt