Seit zehn Jahren ist die 71-jährige Brigitte Weiss das Gesicht der Übermittagsbetreuung

mlzÜbermittagsbetreuung am Gymnasium

Die Übermittagsbetreuung des Städtischen Gymnasiums feiert Jubiläum. Zehn Jahre betreut Brigitte Weiss nun schon die Schulkinder und muss sich dabei nicht nur um den Bildungsauftrag kümmern.

von Mona Wellershoff

Selm

, 25.03.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Schulglocke klingelt, sofort gehen zahlreiche Türen auf. Heraus strömen die Schüler des Städtischen Gymnasiums Selm und die Flure sind in Sekundenschnelle erfüllt. Wo die Arbeit der Fachlehrer ein Ende findet, beginnt die der Leiterin der Übermittagsbetreuung, Brigitte Weiss.

Der Weg zurück in die Schule

Nach 35 Jahren im aktiven Schuldienst geht es für die Deutsch- und Musiklehrerin Brigitte Weiss in die Altersteilzeit. Im Jahr 2008 dreht sie also metaphorisch der Schule den Rücken - eigentlich, denn es kommt anders als gedacht.

Durch ihre zwei Kinder, die ihrerseits das Städtische Gymnasium in Selm besuchen, kommt der Kontakt mit Schulleiter Ulrich Walter zustande. Als dann 2009 die Idee einer neuen Übermittagsbetreuung im Raum steht, ist für die gebürtige Thüringerin klar: „Ich habe Potenzial und es ist immer schön, einen Sinn und eine Aufgabe zu haben. Klausurkorrektur oder Konferenzen musste ich nicht mehr haben, den Austausch mit den Schülern und die beratende Funktion fand ich aber schon immer erfüllend.“

Schulleiter Ulrich Walter schlägt Brigitte Weiss vor, ein Konzept zu erarbeiten und dann wolle man schauen, wie es läuft. Resultat: Es funktioniert - und das mittlerweile seit zehn Jahren.

Seit zehn Jahren ist die 71-jährige Brigitte Weiss das Gesicht der Übermittagsbetreuung

© Mona Wellershoff

Der Nachmittagsunterricht am Gymnasium war schon immer vorhanden

Aber wie genau kam es eigentlich dazu, dass eine Übermittagsbetreuung notwendig wurde? Ist der Nachmittagsunterricht nicht ursprünglich ein Bestandteil des Gesamtschulsystems?

Schulleiter Ulrich Walter klärt auf: „Ich bin hier schon seit fast zwei Jahrzehnten Schulleiter und kann deshalb klar sagen: Um zwanzig nach eins war hier noch nie komplett Schluss. Wir haben einen sogenannten offenen Ganztag. Das beutetet, dass wir nicht verbindlich wie die Gesamtschulen jeden Tag bis 16 Uhr unterrichten, sondern uns die Stunden individuell einteilen können.“

In den letzten Jahren sei der Bedarf dafür gestiegen: „Durch die Schulzeitverkürzung mit G8 wurde es vor allem in der Oberstufe schwieriger, die Pflichtstundenzahl am Vormittag zu erfüllen.“ Nachmittags sei aber aus verschiedenen anderen Gründen auch schon unterrichtet worden: „Durch den Förderunterricht und die nur begrenzte Kapazität der Sporthalle ist ein längerer Schultag notwendig.“

Dass es allerdings extra eine Übermittagsbetreuung gibt, das sei schulintern entschieden worden. Den Gesamtschulen stünden laut Walter aufgrund des gebundenen Ganztages 20 Prozent mehr Lehrkörper zur Verfügung. Er selber habe einen Teil des Budgets, welches den Schulen vom Land zur Verfügung gestellt werde, in die Übermittagsbetreuung gesteckt - in Form von Brigitte Weiss.

Nicht nur eine Frage der Bildung

Und diese geht vollkommen in ihrem Job auf. Kein Wunder, denn die pensionierte Lehrerin bringt viel Erfahrung in ganz unterschiedlichen Bereichen mit. Neben der langjährigen pädagogischen Arbeit in allen Schulformen, ist sie außerdem Physiotherapeutin, und besitzt sowohl Diplome für die Bewegungspädagogik als auch für die Konfliktberatung. Außerdem ist sie Vorsitzende des DRK-Ortsvereins Olfen und leitet jeden Samstag ehrenamtlich ein gemeinsames Singen im Altenhilfezentrum in Nordkirchen.

Diese fachlichen Kompetenzen kommen der mittlerweile 71-Jährigen in ihrer neuen Rolle als Übermittagsbetreuung zugute. „Ich sehe nicht nur den Bildungsauftrag als meine Aufgabe sondern auch die Erzieher- und die Integrationsaufgabe. Gerade in den letzten Jahren fällt mir auf, dass soziale Kompetenzen immer mehr fehlen. Ich versuche auch auf diesem Gebiet, den Kindern etwas beizubringen.“

Ihr Tipp dafür lautet: „Ich glaube nicht daran, dass Kinder nicht erziehbar sind. Man muss ihnen die Dinge einfach richtig vorleben, ein gutes Vorbild sein. Wenn ich beispielsweise immer zu spät kommen würde, könnte ich auch keine Pünktlichkeit von meinen Schülern erwarten.“

Im Ruheraum des Städtisches Gymnasiums Selm herrscht eine entspannte Atmosphäre.

Im Ruheraum des Städtisches Gymnasiums Selm herrscht eine entspannte Atmosphäre. © Mona Wellershoff

Übermittagsbetreuung bietet eine Balance von Arbeit und Ausruhen

Brigitte Weiss setzt in ihrer Rolle als Übermittagsbetreuung nicht nur auf striktes Lernen und Arbeiten. Einen Teil des Konzeptes bildet zwar der Arbeitsraum, aber gleich nebenan gibt es auch den sogenannten Ruheraum.

Im Arbeitsraum lernen die durchschnittlich acht bis 15 Schüler entweder alleine oder in Gruppen. Hier kann man freiwillig hinkommen, oft werden aber auch Schüler und Schülerinnen von den jeweiligen Fachlehrern geschickt. Gründe dafür können nicht gemachte Hausaufgaben sein, die dann dort nachgeholt werden, aber auch die Tatsache, dass die Schüler ansonsten nicht auf die vorgeschriebene Stundenanzahl kommen würden. Brigitte Weiss führt über die Anwesenheit der Schüler eine Liste, kontrolliert die Unterschriften der Eltern und hilft beim Bearbeiten der Aufgaben.

Im Ruheraum nebenan haben die Kinder dann die Möglichkeit, sich etwas zu entspannen. Zwei bis gelegentlich auch sechs oder sieben Kinder seien hier. Weiche, blaue Sofas und Sessel stehen bereit und laden zum Ausruhen ein, in der Ecke steht ein Schrank mit Gesellschaftsspiele.

„Ich finde es wichtig, dass es auch einen Raum gibt, in dem die Schüler zur Ruhe kommen können“, argumentiert Weiss, dann fügt sie zwinkernd hinzu: „Nicht selten passiert es, dass der ein oder andere hier ein Nickerchen hält.“ Für die ausgewogene, einladenden Atmosphäre sorgt die Betreuerin selbst mit Dekoration.

Harte Arbeit führt zu positiver Rückmeldung.

„Nie im Leben habe ich damit gerechnet“, kommentiert Brigitte Weiss den zehnten Geburtstag. Der Anfang sei allerdings nicht immer einfach gewesen: „Ich habe mir peu à peu den Respekt der Schüler erarbeiten müssen. Die Kinder sahen mich wohl eher als braves Mütterchen und stellten mich vor viele Herausforderungen. Aber durch konsequente Regeln und viel Durchsetzungsvermögen habe ich jetzt einen respektablen Ruf.“

Ihre Arbeit zahle sich aus: „Ich kriege ganz viel wieder.“ Erst am Nelkendienstag sei aus der Gruppe der feiernden eine ehemalige Schülerin auf sie zugekommen, habe sie in die Arme geschlossen und beim Weiterziehen gerufen: „Gibt es denn den Ruheraum noch?“ Und auch die Lehrer finden, sie sei eine „Bereicherung für die Schule“. Zudem kämen nicht selten Eltern auf sie zu und berichten ihr davon, dass sie positive Veränderungen an ihren Kindern durch die Erziehung der Olfenerin bemerkt hätten.

Solche Rückmeldungen erfreuen die ehemalige Lehrerin sehr. Zudem sagt sie, der Job würde sie körperlich, als auch geistig fit halten. Von daher steht für Brigitte Weiss fest: „Solange ich noch dazu in der Lage bin und es mir Spaß macht, leite ich gerne weiter die Übermittagsbetreuung.“

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