Christiane Rohde ist stolz auf ihren Sohn Alexander, der unter schwierigsten Bedingungen seine Meisterprüfungen zum Zimmerer und Dachdecker absolviert hat und dadurch den Fortbestand der Zimmerei Rohde gesichert hat. © Arndt Brede
Zimmerei Rohde

Zimmerei Rohde in Selm: Nach Schicksalsschlag neu angefangen

Die Zimmerei Rohde gehört zu den ältesten Betrieben Selms. Immer in Familienhand. Vor nicht allzu langer Zeit hätte diese Tradition ein jähes Ende finden können.

Das Zimmerhandwerk hat bei der Firma Rohde eine lange Tradition. Nach Angaben des Unternehmens datieren die ältesten Unterlagen aus der Zeit um das Jahr 1790. In Selm hat das Unternehmen frühe Spuren hinterlassen. So sei unter anderem auf der alten Dorfkirche, der heutigen Friedenskirche, im Jahr 1878 ein neuer gotischer Turmhelm errichtet worden. Beim Bau der Zeche Hermann habe die Firma Rohde zwischen 1910 und 1925 für sämtliche Betriebsgebäude und für große Teile der Kolonien die Zimmerarbeiten durchgeführt.

So steht es auf der Homepage des Unternehmens. Vom Vater zum Sohn – so lief die Übergabe der Führung der Firma von Anfang an. Und auch Heinrich Rohde hatte geplant, in ein paar Jahren die Leitung der Firma seinem Sohn Alexander zu übertragen. Es kam anders. Alexander Rohde hat viel früher die Nachfolge seines Vaters angetreten. Antreten müssen, muss es heißen.

Allen Mitarbeitern gekündigt

„Vor rund zwei Jahren mussten wir den Betrieb leider ruhen lassen und allen Mitarbeitern kündigen“, sagt Alexander Rohde. „Mein Vater war damals an Krebs erkrankt und nicht mehr in der Lage, den Betrieb so weiterzuführen.“ Die Prognose: „Unheilbar“, führt Christiane Rohde, Alexander Rohdes Mutter, aus.

Ein Schicksalsschlag für die ganze Familie. Für die Firma habe das bedeutet, dass Alexander, damals schon auf der Meisterschule eingeschrieben, den Betrieb nicht habe weiterführen dürfen: „Ich hatte ja den Meistertitel noch nicht.“ Und das sei Grundvoraussetzung dafür, ein solches Unternehmen zu führen. „Zu dem Zeitpunkt war ich gerade ein halbes Jahr Geselle.“ 20 Jahre jung war Alexander Rohde damals. Und quasi von einem Augenblick auf den anderen musste die Familie eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen solle.

Heinrich Rohde hat an vielen Projekten in der Region mitgewirkt und nicht selten den Richtspruch gesagt, wie hier bei einem Kindergartenbau in Olfen.
Heinrich Rohde hat an vielen Projekten in der Region mitgewirkt und nicht selten den Richtspruch gesagt, wie hier bei einem Kindergartenbau in Olfen. © Matthias Münsch (Archiv) © Matthias Münsch (Archiv)

Der vorgezeichnete Weg der Unternehmensnachfolge, gut vorbereitet mit ausreichend Zeit der gemeinsamen Zusammenarbeit von Vater Heinrich und Sohn Alexander, war – das war abzusehen – nicht mehr möglich wie geplant. „Wir hatten Alexander immer freigestellt, dass er, falls er den Beruf hätte erlernen wollen, es gern machen könne. Wir haben gesagt: Nur weil wir die Zimmerei haben, musst Du den Beruf nicht erlernen“, erzählt Christiane Rohde.

Alexander wollte aber: Schon von klein auf habe er sich für Holz interessiert. Und später habe er die Liebe zu dem Material und seiner Verarbeitung so richtig entdeckt: „Man schafft etwas. Man kann Jahrzehnte, ja, teilweise noch Jahrhunderte später die Spuren von dem Wirken sehen. Ich habe in Zechenhäusern gearbeitet, die mein Opa und mein Uropa gebaut haben.“

Und nun der Schicksalsschlag, die Krankheit Heinrich Rohdes. Die Alternative, jemand anderem die Leitung zu übertragen, habe es nicht gegeben, sagt Christiane Rohde. „Es hätte nicht in unserem Sinne als Übergangslösung funktioniert“, ergänzt ihr Sohn.

Anfang 2019 war das. Schweren Herzens habe sich die Familie dann entschieden, den Betrieb ruhen zu lassen und den Mitarbeitern – vier Gesellen und ein Auszubildender – zu Mitte des Jahres zu kündigen. „Wir haben noch die Aufträge, die noch da waren, zu Ende gebracht“, berichtet Alexander Rohde. „Neue Aufträge haben wir aber nicht mehr angenommen.“

„Wir sind in ein Loch gefallen“

„Wir sind in ein Loch gefallen“, beschreibt Alexander Rohde diese Zeit. „Man kommt nur sehr schwer wieder raus.“ Aber das Ziel, die Meisterschule zu absolvieren, hat der junge Mann nie aus den Augen verloren. Trotz der emotionalen Belastung. „Ich habe das immer gemacht, damit der Betrieb weitergehen kann.“ Vater Heinrich habe mit ihm in der Zeit noch kleinere Projekte vollendet, so es seine Gesundheit erlaubt habe.

Alexander bestand seine Zimmermeisterprüfung. Mit der zusätzliche Belastung durch die Coronapandemie. Unterricht teilweise digital. Stundenlange Prüfungen mit Maskenpflicht. Als er die Prüfung bestanden habe, habe sich sein Vater sehr gefreut.

Dass sein Sohn den zweiten Meistertitel, den des Dachdeckermeisters, im Juni dieses Jahres bekommen hat, hat der Vater nicht mehr erlebt. Am 13. April 2021 starb Heinrich Rohde. Im Alter von 56 Jahren.

Büroarbeit gehört zum Alltag von Alexander Rohde dazu.
Büroarbeit gehört zum Alltag von Alexander Rohde dazu. © Arndt Brede © Arndt Brede

Danach – mit der zweiten Meisterprüfung noch vor sich – habe er angefangen, den Betrieb nach und nach wieder zu beleben, sagt Alexander Rohde. Einige Kunden seien von sich aus auf die Firma zugekommen, einige habe er angesprochen.

Betrieb läuft seit dem 1. Juli wieder

„Wir fangen langsam wieder an“, sagt Christiane Rohde. Sie selber arbeite im Büro mit. Seit dem 1. Juli läuft das Geschäft offiziell wieder. Die Lage auf dem Holzmarkt hat sich unterdessen nicht zugunsten von Firmen wie die Zimmerei Rohde entwickelt. Holzlieferzeiten: „Bis zu sechs bis neun Monate“, sagt Alexander Rohde. Preissteigerungen: „Bis zu 150, 200 Prozent.“ Was dazu führe, dass manche Kunden – beispielsweise wenn es um einen Carport gehe – wegbrechen, weil sie die Preissteigerungen nicht bezahlen können.

Mittlerweile zeugt das Geräusch von Sägen wieder von einem funktionierenden Betrieb am Stammsitz Wörenberg. Drei der Mitarbeiter sind wieder da. Die Verbindung zum Unternehmen hatte gehalten. Schließlich waren die meisten der Mitarbeiter Jahrzehnte lang im Betrieb gewesen.

Als die Friedenskirche noch die alte Dorfkirche war, errichtete die Zimmerei Rohde einen gotischen Turmhelm auf dem Gebäude.
Als die Friedenskirche noch die alte Dorfkirche war, errichtete die Zimmerei Rohde einen gotischen Turmhelm auf dem Gebäude. © Bludau (Archiv) © Bludau (Archiv)

Sie sind froh, dass es jetzt weitergeht. Weil die Familie Rohde in schweren Zeiten zusammengehalten hat. Weil Alexander Rohde trotz der widrigen Umstände seine Meistertitel erworben hat. „Ich bin stolz auf ihn und empfinde große Freude“, sagt seine Mutter. Wie hat sie persönlich geschafft, diesen eingeschlagenen Weg zu gehen? „Mit viel Willen und Stärke“, sagt die 52-Jährige.

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Arndt Brede

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