Zum Tag der Muttersprache: Wer spricht heute noch Plattdeutsch im Alltag?

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Jemand der Plattdeutsch als Muttersprache gelernt hat? Gibt es nur noch selten. Auch der Cappenberger Andreas Röttger ist kein Muttersprachler. Und dennoch spricht er Plattdeutsch im Alltag.

von Carina Strauß

Cappenberg

, 21.02.2020, 03:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Plattdeutsch ist zwar nicht seine Muttersprache, aber dennoch fühlt sich Andreas Röttger von der Spielschar Cappenberg mit der Sprache verbunden. „Mein Vater ist hier geboren und auf Cappenberg aufgewachsen und er hat auch noch Platt gesprochen.“ Aber trotzdem hat Andreas Röttger Plattdeutsch nicht von Kindesbeinen an gelernt. „Unsere Mutter wollte nicht, dass wir das lernen. Wir sollten erst richtig Hochdeutsch lernen, und dann verstarb unser Vater sehr früh.“

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Auf die Frage, warum seine Mutter nicht wollte, dass ihre Kinder Platt lernen, erklärt Röttger: „In der Schule wurde schon Hochdeutsch gelehrt. Und wenn dann Bauernkinder in die Schule kamen und die konnten nur Plattdeutsch, dann war es für die richtig schwierig, plötzlich Hochdeutsch zu lernen. Das kannten sie gar nicht. Darum haben dann viele Eltern gesagt: Dann müssen wir unseren Kindern erst Hochdeutsch beibringen.“

Ein Beispiel für Schwierigkeiten: „Dieses ‚mir‘ und ‚mich‘, das gibt es so im Plattdeutschen nicht. Das ist im Plattdeutschen beides ‚mi‘.“

Sprechen, lesen, schreiben

„Vor 24 Jahren kam Mathilde Mens auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich nicht beim Plattdeutschen Theater mitmachen möchte. Wäre auch nur eine kleine Rolle.“ Damals war Andreas Röttger 24 Jahre alt. Es waren nur zehn Sätze, die er sprechen musste. „Die hat man mir dann beigebracht. Und beim nächsten Stück war es dann schon wieder ein bisschen mehr.“

So lernte er nach und nach Plattdeutsch, bis er es irgendwann auch anderen Leuten beibringen konnte.

„Das Sprechen ist mit am einfachsten. Das Lesen wird dann schon schwieriger und Schreiben noch schwieriger.“ Die Grammatik von Plattdeutsch habe er nie gelernt, gibt Röttger ehrlich zu. Es gäbe zwar auch ein Lehrbuch über Plattdeutsch, aber „dadurch, das du hier ein anderes Plattdeutsch sprichst als in Lünen hinter der Lippe, oder in Ascheberg, oder in Nordkirchen, oder in Münster gibt es kleine Dinge, die anders ausgesprochen werden“. Jeder Ort habe so seinen eigenen „Zungenschlag“. Ein Beispiel: „Einige sagen ‚ink‘ und andere sagen ‚jo‘ für dasselbe Wort in Hochdeutsch, nämlich euch.“


Aber was bringt einem Geschäftskundenberater der Sparkasse und Mitglied der freiwilligen ‚Füürwehr‘ das Plattdeutsch im Alltag? Mit wem kann man sich heute noch auf Plattdeutsch unterhalten?

„Ganz liebevoll mit meinem Nachbarn. Wenn wir uns auf der Straße treffen zwischendurch, da wird immer so ne Muul voll Platt gesprochen, wenn wir Lust haben.“ Und auch plattdeutsche Floskeln haben sich in seinen Alltag eingeschlichen: „Zum Beispiel sage ich häufig ‚Guet gaon‘ oder ‚Seeg to‘, also ‚Gut gehn‘ oder ‚Sieh zu‘ zum Abschied.“

Die jüngere Generation lernt nur noch sehr selten Platt

Für Andreas Röttger ist das Sprechen von Plattdeutsch eine „schöne Tradition“. Schon sein Vater spielte zwischen 1955 und 1957 im plattdeutschen Theater mit. Seinen Kindern bringt Andreas Röttger allerdings kein Plattdeutsch bei. „Sie verstehen so gut wie alles, dadurch dass sie jahrelang mit zum Theater gekommen sind. Nur: Du hast keine anderen Personen, mit denen du es teilen kannst, in dem Alter. Ich kenne kein Kind in deren Alter, das auch Platt spricht.“

Auch die Cappenberger Spielschar löst sich auf, weil der Nachwuchs fehlt. Denn so ein Theaterstück sei viel Arbeit. „Es ist ja nicht nur die Theaterprobe. Du musst auch die Texte auswendig lernen.“ Dafür müsse man wirklich bereit sein. Aber auch das Plattdeutsch sei für viele ein Hindernis. „Es gibt keine jungen Leute mehr, die Platt sprechen wollen.“ Junge Leute zu bekommen, die Theater spielen und ein bisschen Plattdeutsch lernen wollen, sei sehr sehr schwierig geworden.

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