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„Dortmund ist selbstbewusst“

Interview

Wie macht sich die Stadt als Wirtschaftsstandort fit für die Zukunft? Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, gibt Auskunft.

29.10.2019, 10:47 Uhr / Lesedauer: 4 min
„Dortmund ist selbstbewusst“

Als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund weiß Thomas Westphal ganz genau, was Unternehmer und Gründer brauchen – und welche Hürden ihnen begegnen. © Lutz Kampert

Das Ruhrgebiet war lange Zeit ein Motor für die gesamtdeutsche Wirtschaft. Doch die Kohlekrise Ende der 50er Jahre brachte dessen Getriebe erst zum Stottern, dann kam es zum Totalschaden. Alternative Wirtschaftszweige für die Region? Auf den ersten Blick nicht zu finden. Der Pott hatte sich offenbar viel zu lange auf nur ein Standbein gestützt. Doch wie sieht es heute aus? In Dortmund ist man zuversichtlich. Und das darf man auch sein: Zahlreiche Firmen siedeln sich am Phoenix-See und andernorts an. Die Stadt hat sich zur Logistik-Drehscheibe und Wissensmetropole sowie zum Touristenmagneten gemausert. Der Handel, vor allem in der Innenstadt, ist stark. Wie es mit Dortmund weitergeht, weiß Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund.

Herr Westphal, welchen Herausforderungen sieht sich Dortmund als Wirtschaftsstandort aktuell gegenübergestellt?

Thomas Westphal: Das ist eindeutig: Wir müssen die digitale Transformation für nachhaltiges Wachstum unseres Mittelstandes weiter nutzen. Wir haben als digitales Zentrum des westfälischen Wirtschaftsraumes die riesige Chance, aus der digitalen Veränderung von Wirtschaft und Arbeit neue Wertschöpfung und auch neue Arbeitsplätze für Dortmund zu gewinnen.

Kohle, Stahl und Bier sind passé: Wie hat sich die Stadt in den letzten Jahren verändert?

Ich vergleiche die Entwicklung gerne mit einer Baumschule. Nach dem Absterben der drei großen Eichen, Kohle, Stahl und Bier haben wir in den letzten dreißig Jahren systematisch neue Baumsetzlinge durch Ansiedlungen, Gründungen und Wandlungen von existierenden Unternehmen in Dortmund gestreut. Daraus ist eine vollständige Wiederaufforstung unserer Wirtschaft erwachsen. Das Dortmunder Technologiezentrum war dafür die Keimzelle und das „dortmund-project“ ein beachtliches Beschleunigungsprogramm. Heute ist Dortmund ein Standort des Mittelstandes, mit einer neuen Branchenstruktur von Logistik über die Gesundheitswirtschaft, der IT und der Produktionswirtschaft.

Dortmund gilt laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) als besonders strukturschwach. Stimmt das? Was sind die Gründe?

Diese Art von Studien haben sich überlebt. Sie sind in etwa so exakt wie der Videoassistent im Kölner Keller der Bundesliga. Wenn München oder der Großraum München das Idealbild einer regionalen Entwicklung ist, dann kommt bei jeder Messung der Entwicklung von Regionen eben heraus, dass München oder alles was so ähnlich aussieht, eben ideal ist. Dortmund ist nicht strukturschwach, wir haben einen einmaligen Wandel geschafft. Dortmund ist unter den zehn Großstädten die einzige Stadt, die keine Landeshauptstadt ist oder einen DAX-Konzern beheimatet. Eine Hochschulstadt sind wir zudem auch noch nicht so lange wie andere Städte. Unser Erfolg beruht auf der Kraft des Mittelstandes. Unter diesen Umständen ist es noch beachtlicher, was wir erreicht haben. Und diesen Umstand hat keine Studie je berücksichtigt, weil es das in München gar nicht gibt.

Wie kann man der Langzeitarbeitslosigkeit Herr werden?

Dazu bedarf es zweierlei: Wir müssen Menschen, die lange nicht mehr am Arbeitsleben teilgenommen haben, an die Anforderungen des betrieblichen Alltages heranführen. Zudem müssen wir echte Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen unterhalb der Facharbeiteranforderungen schaffen. Nur wenn wir diese beiden Seiten des Arbeitsmarktes gleichwertig bearbeiten, schaffen wir es die Langzeitarbeitslosigkeit dauerhaft zu reduzieren. Das ist uns in den letzten Jahren bereits sehr gut gelungen. Im Jahr 2006 waren noch über 27.000 Menschen in Dortmund langzeitarbeitslos, aktuell sind es noch rund 12.300. So wollen wir weitermachen!

Ein Blick in die Glaskugel: Wo steht die Stadt in fünf bis zehn Jahren?

Ich halte es für besser, an der Zukunft zu arbeiten, statt Vorhersagen zu treffen. Wir bauen unsere Technologiein-frastruktur weiter aus, am Hafen, in Huckarde und auf dem ehemaligen HSP-Gelände. Am Hochofen auf Phoenix-West entsteht ein europaweit einmaliges Zentrum für nachhaltige Technologien. Die Hochschulen verstärken ihre Aktivitäten für Gründungen aus den Hochschulen heraus. So wird die Kooperation zwischen Dortmund, dem Ruhrgebiet und Südwestfalen weiter gestärkt. Auch die Logistik wächst weiter. Durch diese Maßnahmen werden in den nächsten zehn Jahren bis zu 40.000 neue Arbeitsplätze in Dortmund entstehen.

In welchen Bereichen kann der Rest der Bundesrepublik von Dortmund lernen?

Wir sind ja schon selbstbewusst in Dortmund, aber bestimmt nicht überheblich. Dennoch muss man sagen, dass nicht viele Städte in Deutschland offensiv und so beharrlich in die wirtschaftliche Entwicklung investiert haben wie Dortmund. Ich bin ein Fan von Kooperationen, von gemeinsamen Projekten und Maßnahmen, in denen alle Ebenen, von der Kommune bis zur Europäischen Union zusammen arbeiten. Das haben wir bei der Arbeitsmarktpolitik gemeinsam mit zwölf anderen Großstädten, dem Land und dem Bund sehr beispielhaft und mit Erfolg vorgemacht. So kann es gerne weiter gehen.

Wie wird Dortmund attraktiv für Gründer gemacht? Welche Förderungen gibt es?

Dortmund ist attraktiv für Gründer. Erfolgreiche Gründungen brauchen Konzepte, Kunden, Kooperationen und natürlich auch die sprichwörtliche Kohle. Das alles gibt es in Dortmund. Schauen sie in den Technologiepark, in unsere Kompetenzzentren, in die Hochschulen, unsere Risikokapitalgesellschaften und in unseren start2grow-Wettbewerb. Das alles sind Gründe, warum lokale, nationale und internationale Gründer ein passendes Zuhause in Dortmund finden.

Worauf müssen sich Gründer einstellen, wenn sie hier ein Business aus dem Boden stampfen wollen?

Na ja, wer ein Technologieunternehmen erfolgreich gründen will, braucht eine bestechende Idee, Kenntnis der Technologie und eine belastbare Marktübersicht. Das gilt aber überall auf der Welt. Unsere Erfahrungen zeigen, Gründer in Dortmund sind genauso kreativ und professionell wie an anderen Orten. Aber die Kultur der Selbstständigkeit, der Mut, sich auf eigene Beine zu stellen, Herkunft und Familiengeschichte zu verlassen, alles das wächst hier erst seit ein paar Jahren so richtig heran.

Von welchen Neugründen würde die Stadt profitieren?

Erstmal schafft jede erfolgreiche Gründung Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Ob Handwerk, Handel, Produktion, soziale Innovationen oder High-Tech. Eine Großstadt benötigt in jeder Branche neue Ideen und Impulse. Ich will aber gerne noch einmal betonen, dass Westfalen eine der stärksten Industrieregionen in Deutschland ist. Deshalb sind Gründungen, die uns helfen, unsere Industriestärke ins digitale Zeitalter zu überführen, natürlich von hoher strategischer Bedeutung.

Welche Vorzüge bietet Dortmund da im Vergleich zu anderen Städten?

Ganz klar: Ein einmaliges Netzwerk! Hinzu kommen ein riesiger Heimatmarkt und eine „Anpackerkultur“. Man darf hier auch scheitern, dass erleichtert vieles.

Worauf ist die Wirtschaftsförderung besonders stolz?

Oh je, das haben wir uns eigentlich so auch noch nie gefragt. Ich befürchte auch, dass wir hier nicht genügend Platz für unsere Erfolgsliste haben. Ich glaube aber, unser größtes Pfund ist unsere Kontinuität im Wandel. Wir haben nie aufgehört, haben uns nie auf dem Erreichten ausgeruht. Seit über 50 Jahre knüpfen die jeweils Verantwortlichen immer dort an, wo die Vorgänger aufhörten. Das bedeutet Verlässlichkeit und Kontinuität. Das ist wirklich großartig!

Welche Projekte wurden in jüngster Vergangenheit erfolgreich umgesetzt?

Doch noch Platz für unsere Erfolgsliste? Lassen Sie es mich so sagen: Die Vermarktung des denkmalgeschützten Hochofens auf Phoenix-West ist schon klasse gewesen. Immerhin haben wir dafür fast 18 Jahre gebraucht! Aber dieser Höhepunkt darf die zahlreichen Ansiedlungen, die tausenden Gründungen, die digitalen Netzwerke, die Flächenentwicklungen, die Reduzierung der Arbeitslosigkeit und unsere tägliche Firmenberatung eben nicht überdecken! Wir sind sehr zufrieden mit dem, was wir geschafft haben. Wir wissen aber auch, es ist noch immer viel zu tun!