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Raus aus der Zuckerfalle

Volkskrankheit Diabetes

Ungesundes Essen, wenig Bewegung: Weltweit erkranken immer mehr Menschen an Diabetes. Allein in Deutschland leben sieben Millionen Diabetiker. Besonders gefährlich: Betroffene spüren lange Zeit keine Symptome. Wenn sie die Diagnose trifft, haben sich längst Komplikationen im gesamten Körper entwickelt. Das St.-Marien-Hospital in Lünen arbeitet gegen diese Entwicklung an – mit Systemen zur Früherkennung und fachübergreifenden Kooperationen.

02.06.2014, 12:18 Uhr / Lesedauer: 4 min
Insulinspritzen  - das verbinden die meisten mit Diabetes. Dabei können viele Diabetiker schon durch eine Veränderung ihres Lebensstils eine deutliche Besserung erzielen.

Insulinspritzen - das verbinden die meisten mit Diabetes. Dabei können viele Diabetiker schon durch eine Veränderung ihres Lebensstils eine deutliche Besserung erzielen.

Daten und Fakten zu Diabetes

›2012 gab es in Deutschland mehr als 6 Millionen Menschen mit Diabetes. Dies ist eine Steigerung um 38 Prozent seit 1998.
› Täglich gibt es fast 1000 Neuerkrankungen.
› Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden an Typ-2-Diabetes,
300 000 Menschen in Deutschland haben Diabetes Typ 1. Davon sind mehr als 30 000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren.
› Jede Stunde sterben drei Menschen an Diabetes.
› Übergewicht fördert Diabetes Typ 2. Zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen haben ein zu hohes Körpergewicht. Knapp ein Viertel sind schwer übergewichtig.
› Diabetes Typ 2 wird im Schnitt acht bis zehn Jahre zu spät diagnostiziert.
› Es gibt jedes Jahr 40 000 Amputationen durch Diabetes.
› Die direkten Kosten, die durch die Diabetes-Erkrankung und die Folgekrankheiten entstehen, betragen 48 Mrd. Euro/Jahr (2009).
Quelle: Deutsche Diabetes Hilfe – diabetes DE

Sie hat das St.-Marien-Hospital als Fachzentrum zur Behandlung von Typ-1- und Typ-2-Diabetikern zertifiziert. Die Auszeichnung macht deutlich, dass Diabetes und seine Begleiterkrankungen in Lünen nach höchsten Qualitätsstandards behandelt werden – von der Diagnostik über Therapie und Nachsorge bis zu Langzeitkontrollen und Vorbeugung. Die Diabetes-Station ist deshalb erste Anlaufstelle, wenn es darum geht, einen Anfangsverdacht zu erhärten oder die richtige Therapie für Diabetiker zu finden. 2013 kamen 1200 Patienten aus anderen Abteilungen des St.-Marien-Hospitals auf die Station, 680 weitere wurden stationär behandelt, 1240 ambulant. „Diabetes ist eine Krankheit, deren Folge-Komplikationen viele Organe betreffen“, sagt Dr. Susanne Karl-Wollweber, Chefärztin der Abteilung für Angiologie und Diabetologie am St.-Marien-Hospital. Angiologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit Gefäßerkrankungen beschäftigt – einer der häufigsten Folge-Komplikationen bei Diabetes.

Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt die kleinsten Gefäße und stört die Durchblutung. In Kombination mit Nervenstörungen begünstigt diese Tatsache unter anderem die Entstehung des Diabetischen Fußsyndroms: Die Haut an Beinen und Füßen wird trocken und rissig und ist besonders anfällig für Verletzungen. Durch ein gestörtes Schmerzempfinden werden Diabetes-Patienten meist jedoch erst viel zu spät darauf aufmerksam. Aus kleinen Wunden können sich schwere Infektionen entwickeln. Im schlimmsten Fall droht eine Amputation des Fußes. Doch auch Augen und Zähne von Diabetes-Patienten können Schaden nehmen. Für eine optimale Diagnose und Therapie ist es deshalb wichtig, dass Mediziner aus verschiedenen Fachbereichen zusammenarbeiten – so wie im St.-Marien-Hospital.

Die Behandlung der Krankheit erfolgt in mehreren Stufen. Denn neben genetischen Faktoren und dem Alter können vor allem Übergewicht und Bewegungsmangel Auslöser für Diabetes sein. Bei Typ-2-Diabetikern – mehr als 90 Prozent der Betroffenen – steht deshalb erst am Ende des Prozesses die Behandlung mit Insulin. „Wir versuchen zunächst, durch eine Veränderung des Lebensstils eine verbesserte Insulin-Wirkung zu erzielen“, sagt Dr. Karl-Wollweber. Erster Ansatzpunkt: das Gewicht. Denn die meisten Patienten bringen deutlich zu viel auf die Waage. Im St.-Marien-Hospital lernen sie, ihre Ernährung umzustellen und mehr Bewegung in ihren Alltag zu integrieren. Stark Übergewichtigen kann die Adipositas-Chirurgie im St.-Christophorus-Krankenhaus Werne helfen, mit der die Lüner Mediziner eine Kooperation unterhalten. Ärzte setzen hier auf Operationen, um den Magen der Betroffenen zu verkleinern oder mit Bypässen dafür zu sorgen, dass weniger Nahrung in den Körper aufgenommen wird. Denn meist gibt es kaum eine Möglichkeit, sich mit herkömmlichen Therapien von krankhaftem Übergewicht zu befreien. Doch das ist dringend notwendig, um das Risiko für Diabetes, Herzinfarkt und andere Wohlstandskrankheiten langfristig zu senken.

Zeigt die Gewichtsreduktion keinen Erfolg, greift die zweite Behandlungsstufe. Hier helfen Tabletten, die Wirkung des körpereigenen Insulins zu verbessern oder die Produktion des Hormons im Körper anzuregen. „In den letzten vier, fünf Jahren sind viele neue Präparate auf den Markt gekommen“, sagt Dr. Karl-Wollweber. Welches sich im Einzelfall eignet, kommt auf das Alter und die Bedürfnisse des Patienten an. Manche Präparate führen beispielsweise zu einer Gewichtszunahme. Ist der Patient ohnehin übergewichtig, sollte er durch die Therapie möglichst nicht weiter zunehmen – und deshalb ein anderes Medikament einnehmen. Ohnehin können die Tabletten die Störung im Körper in der Regel nur für eine begrenzte Zeit ausgleichen. „Spätestens nach 20 Jahren ist bei den meisten Diabetikern eine Insulintherapie notwendig“, sagt Dr. Karl-Wollweber. In dieser dritten Stufe der Behandlung kontrollieren Diabetiker ihren Blutzucker und spritzen sich – abgestimmt auf Aktivitäten und Lebensumstände – ein- oder mehrmals täglich Insulin. Auch Insulinpumpen, die das Hormon durch einen dünnen Schlauch in den Körper transportieren, kommen immer häufiger zum Einsatz: Sie geben rund um die Uhr kleine Mengen des Hormons ab. Zu den Mahlzeiten können Diabetiker per Knopfdruck zusätzliches Insulin in den Körper pumpen lassen.

Mit diesen Hilfsmitteln können Diabetiker heute ohne größere Einschränkungen leben. „Man kann seinen Alltag fast normal gestalten – die Lebensqualität muss nicht eingeschränkt sein“, sagt Dr. Karl-Wollweber. Die Forschung arbeitet dennoch daran, Betroffenen das Leben angenehmer zu machen. „In der Pipeline sind Insuline, die man sich in den Mund steckt, statt sie zu spritzen – oder solche, die nur dann freigesetzt werden, wenn man sie braucht.“ Doch mit neuen Behandlungsmethoden allein ist es nicht getan. Denn in den meisten Fällen wird die Diagnose Diabetes erst gestellt, wenn die Krankheit schon Schäden im Körper hinterlassen hat. „Viele Herzinfarkte und Schlaganfälle, die wir hier behandeln, sind ursächlich darauf zurückzuführen“, sagt Dr. Karl-Wollweber. Dabei hat die frühzeitige Diagnose noch Jahrzehnte später positive Auswirkungen: „Studien machen das ganz deutlich: Wer schon in den ersten fünf Jahren der Erkrankung normale Blutwerte erreicht, profitiert ein Leben lang davon“, betont die Medizinerin.

Deshalb ist auch Aufklärung ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im St.-Marien-Hospital. Die Mediziner der Fachabteilung halten regelmäßig Vorträge, um Patienten über Risikofaktoren zu informieren. Und sie appellieren, frühzeitig das eigene Risiko zu ermitteln. „Typ-2-Diabetes wird vererbt. Deshalb sollten sich schon Kinder, die die Veranlagung in sich tragen, einmal im Jahr testen lassen“, empfiehlt die Medizinerin. Darüber hinaus kann auch eine zucker- und fettreiche Ernährung die Entstehung der Krankheit begünstigen. „Pizza und Fertiggerichte enthalten viel Zucker. Dadurch nehmen wir kontinuierlich mehr davon auf als wir sollten.“ Auch Bewegung trägt dazu bei, das Diabetes-Risiko zu senken. „Drei Mal wöchentlich 30 Minuten sind ideal. Aber auch ein kleiner Spaziergang am Tag hat schon einen positiven Effekt.“  

Daten und Fakten zu Diabetes

›2012 gab es in Deutschland mehr als 6 Millionen Menschen mit Diabetes. Dies ist eine Steigerung um 38 Prozent seit 1998.
› Täglich gibt es fast 1000 Neuerkrankungen.
› Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden an Typ-2-Diabetes,
300 000 Menschen in Deutschland haben Diabetes Typ 1. Davon sind mehr als 30 000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren.
› Jede Stunde sterben drei Menschen an Diabetes.
› Übergewicht fördert Diabetes Typ 2. Zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen haben ein zu hohes Körpergewicht. Knapp ein Viertel sind schwer übergewichtig.
› Diabetes Typ 2 wird im Schnitt acht bis zehn Jahre zu spät diagnostiziert.
› Es gibt jedes Jahr 40 000 Amputationen durch Diabetes.
› Die direkten Kosten, die durch die Diabetes-Erkrankung und die Folgekrankheiten entstehen, betragen 48 Mrd. Euro/Jahr (2009).
Quelle: Deutsche Diabetes Hilfe – diabetes DE

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