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Schon heute die Weichen stellen

Interview

Gernot Steinberg und Dr. Michael Frehn von der Planersocietät wagen den Blick in die Zukunft. Für die Stadt und den Verkehr der Zukunft.

29.10.2019, 10:51 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schon heute die Weichen stellen

Gernot Steinberg und Dr. Michael Frehn setzen sich mit der Zukunft auseinander. © Planersocietät

Wie geht es weiter mit dem Verkehr in der City?

Dr. Michael Frehn und Gernot Steinberg sind Geschäftsführer der Planersocietät in Dortmund. Das Büro beschäftigt sich seit 25 Jahren mit den Themen integrierte Verkehrs- und Stadtplanung. Im Interview beantwortet das Duo zentrale Fragen über die Entwicklung der Stadt und entwirft zukunftsfähige Konzepte.

Fridays For Future, Extinction Rebellion: Werden Diesel und Benziner bald nicht mehr das Bild der Innenstädte prägen?

Gernot Steinberg: Kommt drauf an, was Sie unter „bald“ verstehen. Sicher ist: der Verbrennungsmotor hat keine Zukunft mehr, er wird abgelöst durch umweltschonendere Antriebskonzepte. Und gerade in den Innenstädten wird das Auto über kurz oder lang zurückgedrängt durch andere Mobilitätsformen.

E-Mobilität als Schlachtruf und Versprechen: Was muss passieren, damit sich das E-Auto durchsetzt? Muss es das überhaupt?

Michael Frehn: Zuerst einmal ist E-Mobilität mehr als nur das Elektro-Auto. Straßen- und U-Bahnen fahren seit jeher elektrisch, auf unseren Straßen sind längst Millionen Elektroräder unterwegs, E-Lastenräder können einen Teil des auswuchernden Lieferverkehrs vor allem in den Innenstädten übernehmen. Auf der Schiene werden schon im nächsten Jahrzehnt Dieselloks durch Züge vermutlich mit Brennstoffzellenantrieb ersetzt. Das E-Auto wird sich erst durchsetzen, wenn Infrastruktur – vor allem Ladesäulen –, Reichweite und Preis stimmen.

Wann ist es wohl so weit?

Frehn: Das ist schwer zu sagen. Wichtig ist aber, dass wir heute schon die Weichen stellen.

Welche Alternativen zum E-Auto sind zukunftsfähig?

Steinberg: Die Frage der Antriebstechnik beim Auto ist gar nicht so entscheidend. Wir brauchen vor allem eine echte Verkehrswende: mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, mehr Busse und Bahnen zu vernünftigen Preisen, echte Alternativen für Pendler, mehr Carsharing.

Wer morgens im Berufsverkehr feststeckt, fragt sich: „Was läuft bloß schief bei der Verkehrsplanung?“ Können Sie Licht ins Dunkel bringen?

Steinberg: Wir haben viel zu lange auf das Auto gesetzt. Dafür fehlt aber in der Stadt der Platz. Vor allem für den ruhenden Verkehr, aber auch für alles, was fährt. Gerade in Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet und der Rheinschiene können wir die Straßen nicht einfach um immer mehr Fahrspuren erweitern. Gleichzeitig sind Busse und Bahnen finanziell lange stiefmütterlich behandelt worden. Das hat sich erst in jüngster Zeit wieder etwas gedreht. Auch Rad- und Fußverkehr sind vernachlässigt und an den Rand gedrängt worden. Schließlich gibt es noch einen Grundfehler: Wir haben Wohnen, Arbeiten und Einkaufen strikt getrennt und dadurch viel unnötigen Verkehr erzeugt. Das zu ändern, zurückzukehren zur Stadt der kurzen Wege, wird vermutlich eine Generationenaufgabe.

Welche sind die größten Sünden im Hinblick auf Verkehrsplanung?

Frehn: Allzu lange wurde der Verkehr nur vom Auto her gedacht, auch die Straßen wurden entsprechend geplant und gebaut. Wer eine lebenswerte Stadt will, muss das Prinzip umdrehen: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht das Auto.

Welche Mobilitätskonzepte können für reibungslosen Verkehr sorgen?

Frehn: Wir brauchen jetzt zwingend eine Verkehrswende, so wie von Gernot Steinberg gerade skizziert: Mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, mehr Busse und Bahnen. Anders sind übrigens auch die Klimaziele von Paris, auf die sich Deutschland verpflichtet hat, im Verkehrsbereich kaum einzuhalten.

Was müssen Stadtplaner bei deren Umsetzung beherzigen?

Steinberg: Sie müssen konfliktfähig sein. Wir gewinnen viel mit einer Verkehrswende: Mehr Sicherheit, bessere Luft, mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität in den Städten. Aber es wird auch Verlierer geben. Wer seinen kostenlosen Parkplatz vor der Haustür verliert, der wird erst einmal protestieren.

Die Stadt der Zukunft, wie könnte sie aussehen?

Steinberg: Wir leben in lebenswerten Städten mit viel Grün und zahlreichen belebten Plätzen. Radfahrer fahren auf breiten, geschützten Radwegen, getrennt sowohl vom Autoverkehr wie auch von den Fußgängern, die sich auf breiten Gehwegen sicher und in aller Ruhe bewegen können. Autofahrer, die aus dem Umland in die Städte wollen, steigen am Stadtrand in den gut ausgebauten öffentlichen Verkehr um. Es gibt viel weniger Konflikte im Verkehr, dadurch auch weniger Unfälle. Und der Einzelhandel profitiert davon, dass die Menschen sich in den Städten wohlfühlen und sich gerne dort aufhalten.

Utopia in aller Munde: Wie geht man damit um, wenn alle alles besser wissen, aber man dennoch realistisch bleiben muss?

Frehn: Wir müssen die Menschen mitnehmen, müssen ihnen verdeutlichen, dass sie viel zu gewinnen haben bei einer Verkehrswende. Deshalb wäre es wichtig, Projekte jetzt endlich auch einmal umzusetzen. Den Radschnellweg zum Beispiel: Dessen positive Wirkung sieht man ja erst, wenn er da ist. Und zwar nicht nur als Flickenteppich.

Welche Ansätze wurden in Dortmund bereits umgesetzt? Was erwartet uns außerdem?

Frehn: Dortmund steht noch am Anfang. Dem Radverkehr soll jetzt mehr Platz eingeräumt werden. Das Stadtbahnnetz hat eine gute Grundstruktur, hier ist aber seit 15 Jahren nicht mehr viel gemacht worden.

Wir werden mehr On-demand-Verkehr haben, Verkehr auf Abruf, organisiert über Kleinbusse, die Menschen fast bis an die Haustüre bringen, insbesondere in den Tagerandlagen und nachts. Dortmund hat allerdings noch viel stärker als andere Städte vergleichbarer Größe auf das Auto gesetzt. Der Wandel hier benötigt Zeit und mehr politischen Mut.