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Im Einsatz füreinander

„Train of Hope Dortmund“

Der Flüchtlingshilfeverein „Train of Hope Dortmund“ ist für viele zum zweiten Zuhause geworden. Das Projekt „Geflüchtete im Ehrenamt“ erhält den Sonderpreis 2020 „Dortmunder Engagement“.

27.11.2020, 13:46 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ursprünglich wollten die Projekt-Teilnehmer von „Geflüchtete im Ehrenamt“ füreinander kochen. Daraus ist eine wöchentliche Verteilaktion geworden.

Ursprünglich wollten die Projekt-Teilnehmer von „Geflüchtete im Ehrenamt“ füreinander kochen. Daraus ist eine wöchentliche Verteilaktion geworden. © Train of Hope

Von heute auf morgen kamen Verbote in einer fremden Sprache. Sie sorgten für große Verunsicherung und holten alte Ängste hervor: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Alltag von Flüchtlingen stellen Fatma Karacakurtoglu und ihr Team seit Monaten vor große Herausforderungen. Es ist ein Jahr, in dem vieles beim Flüchtlingshilfeverein Train of Hope Dortmund e.V. nicht so geht wie geplant. Freizeitaktivitäten, die die Vater-Kind-Bindung fördern oder Frauen Selbstvertrauen geben, fallen aus. Nur einige Kurse konnten ins Netz verlagert werden.

Grundsätzlich darf der Verein aktuell nur integrative Projekte mit bis zu zehn Teilnehmern anbieten. Dabei ist der persönliche Kontakt eigentlich das, was Menschen, suchen, wenn sie die Räume in der ersten Etage des Hauses an der Münsterstraße 54 betreten.

„Viele kommen her, weil sie das Alleinsein nicht ertragen“,

„Viele kommen her, weil sie das Alleinsein nicht ertragen“, sagt die Vereinsvorsitzende Karacakurtoglu. Als es mit den Corona-Beschränkungen angefangen habe, sei „Train of Hope“ für viele Menschen mit Fluchthintergrund die erste Anlaufstelle gewesen. „Sie kamen, weil sie wussten, dass sie hier auf jeden Fall Informationen erhalten“, erinnert sich Fatma Karacakurtoglu. Der erste Lockdown im März habe bei vielen Traumata wieder hervorgeholt. Menschen, die nach Deutschland gekommen waren, um frei zu sein, sahen sich plötzlich vor zahlreichen Beschränkungen und hatten das Gefühl, bewacht und weggesperrt zu sein. „Viele haben am Anfang einfach nicht verstanden, was sie dürfen und was nicht“, erinnert sie sich.

Deshalb entschied sich der Verein, Corona-Carepakete zu verteilen. Darin enthalten – neben Kinderspielzeug, Natron und einer Anleitung, wie man daraus Desinfektionsmittel selbst herstellt – waren die Corona-Regeln übersetzt in sieben Sprachen.

Es ist nur eins von vielen kleinen Teilprojekten, die aus dem geförderten Einzelprojekt „Geflüchtete im Ehrenamt“ entstanden sind. Denn das lebt nicht nur davon, dass Menschen, die bei „Train of Hope“ Hilfe erhalten haben, nun etwas zurückgeben wollen. Im zweiten Jahr des Projektes wurden viele Ideen, die die Teilnehmer im ersten Jahr gesammelt haben, umgesetzt. Ein Kochprojekt, zum Beispiel, das sich vom gemeinsamen Mittagessen in der Vereinsküche zur wöchentlichen Aktion für Bedürftige entwickelt hat. Aktuell bietet der Verein wegen der Pandemie auch an, Erledigungen zu übernehmen oder mit dem Hund Gassi zu gehen.

Von der Hilfesuchenden zur Helfenden

Ranim Hammad engagiert sich seit acht Monaten bei „Train of Hope“ und ist mit vollem Herzen dabei. Ursprünglich hatte die 24-Jährige Probleme beim Ausfüllen von Formularen und ist damit zur Diakonie gegangen. Dort gab man ihr den Tipp, beim „Train of Hope“ vorbeizuschauen. Denn da bietet der Arbeitskreis „Rat & Tat“ Sprechstunden an, in denen Anträge übersetzt und alle Fragen rund um den Alltag in Deutschland beantwortet werden. Ranim gefiel das Konzept und die Gemeinschaft im Verein – sie blieb als Ehrenamtliche.

„Ich fand es gut, herzukommen und Leute glücklich zu machen“, erinnert sie sich. Nach und nach übernahm sie immer neue kleine Projekte und Aufgaben. Sie bot Zumba-Kurse an, sprach in Diskussionsrunden über die Wahrnehmung von Frauen und backte Kekse, die sie gemeinsam mit anderen Projektteilnehmern an Menschen auf der Straße verschenkte. „Das hat die Leute einfach fröhlich gemacht“, erinnert sich Ranim immer noch mit Freude an die Keks-Aktion.

Mittlerweile wirkt sie auch dort, wo alles für sie selbst angefangen hat: Sie sitzt neben Fatma in den Sprechstunden der Beratung und hilft beim Übersetzen.

Die Frage nach der Motivation

Ranim ist eine von vielen, die im Verein eine Familie gefunden haben und die sich beim Einzelprojekt „Geflüchtete im Ehrenamt“ engagieren. Das eigenständige Projekt entstand 2019 aus der Ursprungsfrage, warum sich Flüchtlinge ehrenamtlich einsetzen wollen. Nicht nur mehrere Städte hatten bei „Train of Hope“ nachgefragt, wie der Verein arbeitet, auch eine Delegation aus Israel kam nach Dortmund, um sich die Arbeit vor Ort anzusehen.

Aus diesem Grund stand im Mittelpunkt der Projektarbeit im ersten Jahr die Frage nach Motivation.

Wie Ranim sehen viele andere in ihrem ehrenamtlichen Einsatz eine Chance ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Gleichzeitig wollen sie ihre Kompetenzen stärken. All das auch im Hinblick darauf, dass es sie auf das Arbeitsleben vorbereitet.

Jede Woche verteilen die Teilnehmer von „Geflüchtete im Ehrenamt“ Mittagessen an Bedürftige.

Jede Woche verteilen die Teilnehmer von „Geflüchtete im Ehrenamt“ Mittagessen an Bedürftige. © Train of Hope

Durch den Einsatz fühlen sich die Teilnehmer aber auch besser in die Stadtgesellschaft integriert und von ihr akzeptiert. Sie bauen neue Netzwerke auf und können ihre Zeit sinnvoll nutzen, in dem sie anderen dabei helfen, Probleme zu lösen, die sie selbst hatten. All diese Aspekte fasste der Verein in einer Broschüre zusammen, um sie anderen Organisationen und Städten zu Verfügung zu stellen, die über ähnliche Projekte nachdenken.

25.000 Menschen haben schon Hilfe erhalten

Bei dem Dortmunder Flüchtlingsverein selbst ist die Gründung fünf Jahre her. Am 5.10.2015 gründeten 57 freiwillige Helfer im Rahmen der Willkommenskultur den

Verein, um Geflüchteten, die in Dortmund ankamen, schnellstmöglich, helfen zu können. Mittlerweile hat der „Train of Hope Dortmund e.V.“ über 100 Mitglieder.

Insgesamt engagieren sich mehr als 200 Menschen für durchschnittlich 800 Besucher pro Woche – jedenfalls vor den Corona-bedingten Beschränkungen. So haben mehr als 25.000 Menschen Hilfe erhalten.

Auf die Frage, wie viele Projekte der Verein aktuell betreut, muss Fatma Karacakurtoglu passen. Denn Tatsache ist, es sind sehr viele. Oft entwickeln sich aus bestehenden Projekten mehrere Teilprojekte, die dann nicht eigenständig gefördert sind. Über zehn Arbeitskreise, unter ihnen „Rat & Tat“, „Nachhilfe“, „Men of Hope“ „Girls of Hope“ und „Queers of Hope“ entwickeln Ideen und probieren neue Konzepte aus. Hinzu kommen Sprachkurse und das Sprachcafé, das Kenntnisse verfestigt sowie Kurse zu den Themen Recht und Steuern und Klimaprojekte.

Es gibt auch politische Runden, in denen über unterschiedliche Weltbilder und religiöse Ansichten gesprochen wird. Alles nach Bedarf.

Es wird immer Geld gebraucht, um ein Projekt zu realisieren

Um auf Veränderungen reagieren zu können, wird seit langem in den Sprechstunden von „Rat & Tat“ eine Statistik erhoben, woher Hilfesuchende kommen und welche Fragen am wichtigsten sind. Entsprechend wird das Angebot angepasst. Das ist auch der Grund, warum Spendengelder nicht direkt verplant werden. „Das kann und möchte ich gar nicht alleine entschieden“, sagt die Vereinsvorsitzende.

Es werde immer Geld gebraucht, um ein Projekt zu realisieren. Aktuell braucht der Verein auch mehr Platz. Der große Veranstaltungsraum, die zwei Büros und die Küche reichen nicht – auch nicht, wenn die Räume des Vereins nebenan genutzt werden können.

Bei den Mitgliedern kann Fatma Karacakurtoglu einen Wandel beobachten: „Früher waren es eher Deutsche, die sich engagieren wollen. Jetzt sind es eher Leute mit Fluchthintergrund, die helfen und etwas zurückgeben wollen.“ Die Vision des Vereins ist einfach: „Jeder kann kommen wie er ist und Teil der Gesellschaft sein. Dafür kämpfen wir und dafür bieten wir die ganzen Sachen auch an“, fasst Fatma Karacakurtoglu zusammen.

Aber „Train of Hope“ ist noch mehr: Denn viele der Flüchtlinge haben an der Münsterstraße 54 auch ein neues emotionales Zuhause gefunden. Das ist auch der Grund, warum Fatma Karacakurtoglu an dem jährlichen Weihnachtsbrunch festhält. „Viele haben keine Familien hier und sind sonst über viele Tage alleine.“ Das könne sie einfach nicht absagen.

Dortmunder Engagement 2020 #wirhaltenzusammen Ein besonderes Jahr erfordert eine besondere Ehrung. 2020 werden stellvertretend vom Lensing Media Hilfswerk vier Institutionen ausgezeichnet, die sich – besonders in der Pandemie-Zeit – für das Ehrenamt verdient gemacht haben. Jede Institution wird an einem der vier Advent-Samstage auf einer Sonderseite vorgestellt – und erhält eine Spende zur Unterstützung ihrer Arbeit. Die Ausbüttels Apotheken sind der Aktionspartner des Lensing Media Hilfswerks und beteiligen sich finanziell mit dem Ausbüttel Taler daran. Möchten auch Sie das Lensing Media Hilfswerk mit einer Spende unterstützen? Spendenkonto: Lensing Media Hilfswerk gemeinnützige GmbH / Sparkasse Dortmund / BIC: DORTDE33XX / IBAN: DE64 4405 0199 0001 3187 56 / www.lensingmedia.de/hilfswerk