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Menschen mit Behinderungen entwickeln eigene Hilfsmittel

Geniale Ideen selbst gedruckt

Thorsten Speckmann schiebt die Speicherkarte in den Drucker, betätigt die Start-Taste und braucht jetzt vor allem eines: viel Geduld. Aber das Warten lohnt sich.

21.08.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Menschen mit Behinderungen entwickeln eigene Hilfsmittel

Eine Idee mit Zukunftscharakter! Einen Trinkbecherhalter, der Menschen mit komplexen Behinderungen den Alltag erleichtert. Das Besondere daran: Dieses kleine, aber höchst wirksame Hilfsmittel ist buchstäblich „selfmade“ – entwickelt, konstruiert und am Ende per 3D-Drucker produziert von Menschen mit Behinderungen. © Jürgen Peperhowe

Gut sechs bis acht Stunden dauert es, bis der 3D-Drucker Schicht für Schicht das Resultat von Speckmanns Erfindergeist fertigstellt. Einen Trinkbecherhalter, der Menschen mit komplexen Behinderungen den Alltag erleichtert. Das Besondere daran: Dieses kleine, aber höchst wirksame Hilfsmittel ist buchstäblich „selfmade“ – entwickelt, konstruiert und am Ende per 3D-Drucker produziert von Menschen mit Behinderungen.

Einmal die Woche, immer donnerstags, wird aus den Räumen an der Dortmunder Leuthardstraße ein Hightech-Büro namens Selfmade: Drei Drucker, die mit verschiedenen Kunststoffen dreidimensionale Produkte erzeugen können, arbeiten unentwegt vor sich hin. Währenddessen brüten zwölf Mitarbeiter, allesamt Menschen mit komplexen Behinderungen, über neue Ideen für nutzbringende Konstruktionen. Selfmade ist angesiedelt im Büro für Unterstützte Kommunikation der Werkstätten der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Dortmund, einem Kooperationsprojekt mit Bethel regional. Viele von ihnen sitzen im Rollstuhl. Einige von ihnen können nur mittels Computer, einem sogenannten Talker, kommunizieren.

Kreativität fördern

Unter fachkundiger Anleitung und mit moderner Konstruktionssoftware ist bei Selfmade in wenigen Jahren eine Vielzahl an praktischen Alltagshelfern entstanden. Becherhalter, die mit ihren Formen den Anforderungen von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gerecht werden, gehören ebenso dazu wie Getränkedosenöffner oder auch ein Halter für SD-Speicherkarten. Dieses Hilfsmittel musste das Selfmade-Team mit als erstes konstruieren, um bei einer eingeschränkten Beweglichkeit der Finger überhaupt mit den winzigen Karten hantieren und sie etwa in das entsprechende Fach am Notebook oder Drucker einlegen zu können. „Es macht unheimlich viel Spaß, so kreativ sein zu können“, berichtet Thorsten Speckmann. Der 42-jährige ist seit dem Projektstart mit Begeisterung dabei.

Inklusion

Möglich wurde Selfmade dank einer engen Zusammenarbeit der Fakultät Rehabilitationswissenschaften sowie der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund mit den AWO Werkstätten. „Erste Überlegungen für das Projekt sind 2016 entstanden“, berichtet Henrike Struck, Leitungskraft bei den Werkstätten der Arbeiterwohlfahrt Dortmund (WAD). Für sie ist Selfmade ein „kleiner, aber wichtiger Schritt in Richtung Inklusion.“ Als sogenannter Maker Space ist der Ort offen für alle, die Spaß am Konstruieren haben – Menschen mit Behinderungen ebenso wie Studierende, Schulklassen oder einfach jeder, der eine pfiffige Idee hat. Im September 2017 wurde der barrierearme Maker Space eröffnet. „Selfmade macht moderne Technologien damit allen Gesellschaftsschichten zugänglich“, betont Henrike Struck. Aktuell öffnet das Techniklabor einmal wöchentlich, immer donnerstags von 10 bis 18 Uhr. „Unser Wunsch ist es, dies auf zwei Tage pro Woche auszuweiten.“

Einzigartig

Die Leitungskraft ist überzeugt: Für Menschen mit Behinderungen eröffnen Technologien wie der 3D-Druck vollkommen neue Möglichkeiten, sich den Alltag zu erleichtern – mit sehr individualisierten Produkten, die somit besser geeignet sind als eine industrielle Serienfertigung. „Das sind vor allem Hilfsmittel, bei denen die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen oder die es so gar nicht zu kaufen gibt“, erklärt Struck weiter. In Workshops werden Ideen gesammelt, diskutiert, wieder verworfen oder weiter verfeinert – bis hin zur fertigen Lösung und der ausgeklügelten Konstruktion. „Im europäischen Ausland sind inklusive Maker Spaces schon häufiger anzutreffen. In Deutschland hingegen ist Selfmade derzeit noch einzigartig. Wir hoffen natürlich, bald Nachahmer zu finden“, sagt Henrike Struck weiter. Denn technologische Trends wie die Digitalisierung der Industrie, Automatisierung und Robotik erhöhen gleichzeitig die Chancen für Menschen mit Behinderungen, sich erfolgreicher in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Barrierearm

Dabei lernen die Selfmade-Macher aufgrund des Pilotcharakters ihres Projektes selbst noch permanent dazu. Eine wichtige Aufgabe zu Projektbeginn war es beispielsweise, zunächst mal die 3D-Drucker selbst barrierearm umzubauen, berichtet Projektleiter Matthias Kapuvari: „Wir haben eigens Plexiglas-Abdeckungen entwickelt, um Verletzungsrisiken auszuschließen, auch die Bedienknöpfe der Drucker haben wir behindertengerecht optimiert.“ Als Resultat dieser Arbeit ist zudem eine umfangreiche Checkliste für die Barrierefreiheit in Maker Spaces entstanden, die nun von der TU Dortmund als Hilfestellung für künftige, ähnliche Projekte veröffentlicht werden soll.

Große Wirkung

Schließlich können für Menschen mit Behinderungen vermeintlich kleine Dinge zu erheblichen Verbesserungen im Alltag führen. Das kann etwa ein Zeigestab sein, um Aufzugknöpfe oder Lichtschalter aus dem Rollstuhl heraus sicher und einfacher zu betätigen. Ebenso haben die Selfmade-Mitarbeiter einen Aufsatz für den Zeigefinger entwickelt: Damit ist es Menschen mit körperlichen Behinderungen möglich, Buchseiten mit nur einer Hand aufzuhalten. Eines ist klar: Den kreativen Tüftlern aus Dortmund werden auch in Zukunft nicht die Ideen ausgehen.


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