Hişam Örük beim Training. Der 24-Jährige bereitet sich gerade auf seinen ersten Wettkampf, den German Cup in Schorndorf, vor. © Sascha Keirat
Bodybuilding

Mit Video: 24-Jähriger startet trotz Herzschrittmacher im Bodybuilding durch

Nach dem fünften Herzstillstand mit epileptischem Anfall reichte es: Hişam Örük brauchte einen Herzschrittmacher. Von seiner Leidenschaft, dem Bodybuilding, hält ihn das nicht ab. Im Gegenteil.

Er ist gerade mal zwölf Jahre alt, da passiert es zum ersten Mal: In seinem Elternhaus bricht Hişam Örük mitten am Tag urplötzlich zusammen. Der Vater stellt einen Herzstillstand bei seinem bewusstlosen, verkrampften Sohn fest. Nachdem er selbst eine Herzmassage vorgenommen und den Jungen zurück ins Bewusstsein geholt hat, lässt er ihn untersuchen. Die Ärzte finden nichts Beunruhigendes und schicken den Ahauser wieder nach Hause. Doch die Attacken werden wiederkommen.

Anfall im Schlossgarten

Als 15-Jähriger hängt Hişam Örük mit ein paar Freunden im Schlossgarten ab, eigentlich ein schöner Sonntag. „Plötzlich ging es genau so los wie beim ersten Mal: Ich spürte extrem starke Kopfschmerzen und merkte, dass mein Kreislauf immer mehr abbaut. Ich konnte meine Freunde noch vorwarnen – dann war ich weg“, erinnert sich der heute 24-Jährige.

An die epileptischen Anfälle mit Krämpfen und verdrehten Augen während der Ohnmacht kann er sich nicht erinnern. Wieder landet er im Krankenhaus, wieder stellen die Mediziner die Ursache für die ungewöhnlichen Anfälle des Teenagers, in der Jugend Fußballer beim TSV und Eintracht Ahaus, nicht.

Video

Bodybuilder trotz Herzschrittmacher

So musste Hişam Örük die gleiche Erfahrung als 17-Jähriger erneut durchmachen. Und schließlich ein weiteres Mal im Jahr 2019, als es ihn mitten in einer Akkupunktur-Massage erwischt. „Besonders für die Frau, die mich massiert hat, tat mir das sehr leid. Sie war völlig aufgelöst, als ich wieder zu mir kam.“ Hişam Örük, mittlerweile 23, beschließt, seinem Leiden jetzt endlich richtig auf den Grund zu gehen. „Ich habe elf Tage in der Kardiologie des Bocholter Krankenhauses verbracht, wurde komplett durchgecheckt.“

Mitten in einer Untersuchung, beim sogenannten „Kipptisch-Test“, kollabiert der Ahauser abermals. „Man muss dabei 45 Minuten lang kerzengerade stehen. Patienten mit Kreislaufproblemen werden dabei irgendwann zusammenbrechen“, erklärt Hişam Örük. „Nach 16 Minuten habe ich ein mulmiges Gefühl bekommen und es der Ärztin gesagt. Sie meinte nur: ‚Puls und Blutdruck sind in Ordnung, eigentlich müsste es Ihnen gut gehen.‘ Aber ich sah Sterne und 15 Sekunden später war ich bewusstlos.“

Traumatische Erfahrung im Krankenhaus

Der Blutdruck sei in kürzester Zeit auf 40 zu 20 eingebrochen. Doch als Hişam Örük wieder zu sich kommt, ist nicht alles wieder in Ordnung wie bei den ersten vier Malen. „Ich habe plötzlich einen epileptischen Anfall bekommen und wieder das Bewusstsein verloren.“ Eine traumatische Erfahrung habe er dann beim erneuten Aufwachen gemacht: „Ich dachte, ich wäre querschnittsgelähmt, weil ich mich nicht bewegen und auch nicht sprechen konnte.“

Diesmal bekam Hişam Örük, worauf er lange vergebens gewartet hatte: eine Diagnose. „Ich habe das Sick-Sinus-Syndrom. Das ist ein angeborener Gendefekt am Sinusknoten. Vereinfacht ausgerückt denkt mein Körper, er müsste nicht mehr arbeiten, wenn ich ohnmächtig werde. Er denkt dann, ich wäre tot.“ So lautete die klare Empfehlung der Ärzte: Ein Herzschrittmacher muss her. Mit 23 Jahren sehr ungewöhnlich.

„Vereinfacht ausgerückt denkt mein Körper, er müsste nicht mehr arbeiten, wenn ich ohnmächtig werde. Er denkt dann, ich wäre tot.“

Seither hat Hişam Örük keinen Kollaps mehr erlitten, immerhin für fast zwei Jahre. Komplett sorglos geht er trotz nun regelmäßiger Untersuchungen aber nicht durchs Leben. „Ich wäre beruhigter, wenn es wieder passieren würde und der Herzschrittmacher mir helfen würde. So muss ich einfach darauf vertrauen.“ Eine quälende Ungewissheit, die bei Hişam Örük in den ersten Wochen auch Panikattacken ausgelöst habe, besonders wenn kein potenzieller Helfer in seiner Nähe war. „Ich hatte mehrmals das Gefühl, dass ich gleich umkippe, und richtig Angst.“

Björn Borgmann als Trainer und Mentor

Doch mittlerweile sei er wieder positiv gestimmt. Und beim Treffen im Ahauser Fitenessstudio Shield wirkt der 24-Jährige entspannt und glücklich. Sein Hobby hat er mittlerweile zum Beruf gemacht und befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zum Sport- und Fitnesskaufmann. Entsprechend ist das Studio, in dem er schon seit etwa sechs Jahren trainiert, sein zweites Zuhause geworden. Der Inhaber, Björn Borgmann, unter anderem bekannt als Security-Dienstleister beim DFB, fördere Hişam Örük in vielen Bereichen. „Er ist nicht nur mein Chef, sondern auch Trainer und Mentor.“

Das Fitnessstudio Shield in Ahaus ist sein zweites Zuhause: Hisam Örük trainiert hier nicht nur, sondern absolviert gerade seine Ausbildung.
Das Fitnessstudio Shield in Ahaus ist sein zweites Zuhause: Hişam Örük trainiert hier nicht nur, sondern absolviert gerade seine Ausbildung. © Sascha Keirat © Sascha Keirat

Aktuell unterstütze er den 24-Jährigen bei der Vorbereitung auf seinen ersten Wettkampf im Bodybuilding: Hişam Örük nimmt am Wochenende 5./6. Juni am German-Cup in Schorndorf (Baden-Württemberg) teil. Beim Training verspüre er keine Einschränkungen durch seinen Herzschrittmacher. „Das einzige Risiko ist, dass sich beim Krafttraining die Elektroden verschieben könnten. Aber auch da sind die Ärzte geteilter Meinung“, sagt der Ahauser. Grundsätzlich habe er grünes Licht erhalten, seinem Sport weiter nachzugehen.

Vier bis sechs Prozent Körperfett sind das Ziel

Vom Training her mache er in der Vorbereitung auf den German-Cup kaum etwas anders als sonst: Jeden Morgen eine Kardio-Einheit und abends fünf bis sechs Mal pro Woche Krafttraining. Nur mit der Diät müsse Hişam Örük es aktuell sehr streng halten. „Da ich grundsätzlich sehr diszipliniert bin, habe ich damit keine großen Probleme.“ Der gestählte Körper, an dem auch der Schrittmacher gut sichtbar ist, unterstreicht das.

In der letzten Woche vor dem Wettkampf werde es aber noch mal hart. „Dann muss das Wasser aus dem Körper. Ziel ist es, auf der Bühne nur ungefähr vier bis sechs Prozent Körperfett zu haben.“

Was ihn genau in Schorndorf erwartet, wisse er nicht. Nur, dass noch keine Zuschauer und auch kein Tanning-Team, das normalerweise die Bräunungscreme der Athleten aufträgt, beim Wettkampf dabei sein werden. „Ich bin mal gespannt, welche Chance ich mit meinem natürlichen Körper haben werde. Es besteht natürlich immer die Gefahr, dass auch gedopte Konkurrenten dabei sind.“ Nach dem Wettkampf, das steht für den 24-Jährigen jetzt schon fest, werde er sich auf jeden Fall wieder einige Kalorien gönnen.

Und wie er beim German-Cup letztlich abschneidet, sei auch nicht das Wichtigste. „Mir geht es vor allem darum, mir und auch anderen zu zeigen, dass man auch mit einem Handicap und nach Schicksalsschlägen im Leben nicht aufgeben soll. Man kann immer noch was reißen, wenn man nur an sich glaubt.“

Seinen Körper will Hisam Örük am Wochenende erstmals im Rahmen eines Wettkampfes präsentieren.
Seinen Körper will Hisam Örük am Wochenende erstmals im Rahmen eines Wettkampfes präsentieren. © Sascha Keirat © Sascha Keirat
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Sportredaktion Ahaus

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