Marcel Benkhoff, hier bei einem Einsatz in der Oberliga, hat derzeit im Gegensatz zu den meisten Sportlern viel zu tun. © Schaper
Fußball

Schiedsrichter Benkhoff: „Ohne Zuschauer gibt es weniger Theatralik“

Während die meisten Sportler an der Kette liegen, steht für Regionalliga-Schiedsrichter Marcel Benkhoff sogar mehr Arbeit als sonst an. Er spricht über Geisterspiele, Rote Karten und einen Flaschenhals.

Nach Bundesliga-Assistent Philipp Hüwe aus Coesfeld ist Marcel Benkhoff von Eintracht Ahaus der klassenhöchste Schiedsrichter im Fußballkreis. Im Interview spricht der 28-Jährige über seinen Aufstieg in die Regionalliga, seine bisherigen Erfahrungen und das Pfeifen ohne Zuschauer.

Für die meisten Sportler herrscht seit Wochen Zwangspause. Sie sind als Schiedsrichter in der Regionalliga weiterhin im Einsatz. Inwiefern kann man da von Normalbetrieb sprechen?
Also wenn man nach der Häufigkeit geht, dann ist das momentan sogar mehr als Normalbetrieb. Einen Tag vor den Spielen müssen wir immer einen Corona-Schnelltest machen und das selbst mit den jeweiligen Vereinen koordinieren. Allein das bedeutet schon mehr Aufwand. Hinzu kommt, dass immer mehr Regionalliga-Schiedsrichter auch als Assistenten parat stehen müssen, falls mal ein Kollege positiv getestet wird. Natürlich hat die Arbeit momentan aber wenig mit dem zu tun, was wir normalerweise kennen.

Vor allem fehlen die Zuschauer. Ist so ein Geisterspiel eigentlich eher ein Vor- oder Nachteil für die Schiedsrichter-Arbeit auf dem Platz?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, von beidem ein bisschen. Ein Vorteil ist sicher, dass ein wenig mehr Ruhe auf dem Platz herrscht. Die Spieler werden nicht vom Publikum angepeitscht und dadurch entsteht auch weniger Theatralik. Viele Spieler spielen für die Zuschauer und diese Außendarstellung fehlt ihnen jetzt. Für wen sollen sie sich künstlich aufregen? Dass die Spiele allgemein ruhiger ablaufen, zeigt auch, dass ich persönlich jetzt maximal ein, zwei Gelbe Karten pro Spiel zeigen muss. Ein Nachteil ist, dass man jetzt jedes Wort hört. Man muss auch darauf achten, seine eigene Lautstärke runterzufahren.

Sie haben die Gelben Karten angesprochen. In Ihren beiden ersten Regionalliga-Spielen im Herbst 2019 haben Sie jeweils eine glatte Rote Karte gezeigt. Danach bis jetzt nie wieder. Ist das Zufall?
Grundsätzlich bin ich eher zurückhaltend, was das Zeigen von Karten angeht. Ich suche immer zuerst den Dialog zu den Spielern und versuche, die Sache so zu klären. Aber ich kann nicht abstreiten, dass die ersten Spiele schon sehr besonders waren. Wenn man neu in einer Spielklasse ist, dann weiß das jeder Trainer und jeder Spieler. Da werden auch Grenzen ausgetestet, ganz klar. Entsprechend kam bei mir sicher auch ein wenig Nervosität dazu. Die erste Rote Karte habe ich wegen einer Tätlichkeit nach einer Rudelbildung gezeigt. Ich würde behaupten, dass ein erfahrener Kollege diese Rudelbildung vielleicht gar nicht erst zugelassen hätte. Ich selbst würde die Situation heute sicher auch besser lösen. Und bei der zweiten Roten Karte gab es keine andere Auslegung, das war eine Notbremse.

Sie sprechen Ihre eigene Entwicklung an. In ihrer ersten Saison 2019/20 haben Sie sechs Regionalligaspiele geleitet, in der laufenden Spielzeit bis jetzt schon sieben. Woran liegt das, sind Ihre Leistungen besser geworden?
Ich hoffe schon, dass sie besser geworden sind. Aber es ist ganz normal, dass Neulinge in einer Liga eher punktuell eingesetzt werden, um sich an die Klasse zu gewöhnen. Es würde nie ein Aufsteiger direkt ein Spiel bei RW Essen vor 10.000 Zuschauern bekommen. Dass ich jetzt mehr Spiele bekomme, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich im Gegensatz zu einigen anderen nicht in der 3. Liga eingesetzt werde.

Marcel Benkhoff (M.), hier mit seinen Kollegen Marc Plümer (l.) und Jan Hörsting
Marcel Benkhoff (M.), hier mit seinen Kollegen Marc Plümer (l.) und Jan Hörsting © Facebookseite SR Ahaus/Coesfeld © Facebookseite SR Ahaus/Coesfeld

Fußballer sprechen oft von einem großen Sprung zwischen zwei Ligen. Wie haben Sie als Unparteiischer den Unterschied zwischen Oberliga und Regionalliga empfunden?
Es wird schon ein anderer Fußball gespielt, der viel mehr aufs eigentliche Spielen als auf Kampf ausgelegt ist. Als Schiedsrichter geht es vor allem darum, dem höheren Tempo zu folgen. Man kann zum Beispiel viel öfter die Vorteilsregel anwenden, weil die Spieler gar nicht unbedingt das Foul ziehen, sondern lieber weiterspielen wollen. Aber ja, es ist ein ziemlich großer Sprung, der für viele Aufsteiger auch zu groß ist.

Wie ist es mit Ihren eigenen Ambitionen? Peilen Sie den nächsten Aufstieg in die 3. Liga an?
Klar, das wäre der nächste Step. Aber die Chance darauf ist eher gering. Hier ist der Flaschenhals am engsten; es gibt in Deutschland fünf Regionalligen, aber nur eine 3. Liga. Allein hier im Westen haben wir knapp über 30 Regionalliga-Schiedsrichter, die Qualität ist wirklich gut und in der 3. Liga werden vielleicht zwei, drei Posten pro Saison frei. Da braucht man schon eine Portion Glück, um es weiter nach oben zu schaffen. Aber ich bin schon sehr zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht habe.

Was war Ihr bisheriges Highlight als Haupt-Schiedsrichter?
Da fällt mir das Spiel im letzten Jahr bei Fortuna Köln ein. Ich lebe mittlerweile selbst in Köln und durfte im altehrwürdigen Südstadion vor 2000 Zuschauern pfeifen. Die Fortuna hat dann in der Nachspielzeit das Siegtor erzielt, sodass die Stimmung entsprechend gut war. Rein sportlich war das Highlight sicher das Spitzenspiel in dieser Saison zwischen Borussia Dortmund II und RW Essen. Aber ohne Zuschauer fehlte da schon der Reiz, es wären sicher 5000 gekommen.

Und welches war Ihre schlimmste Erfahrung?
Das ist bestimmt schon zehn Jahre her. Da habe ich ein Bezirksligaspiel in Hassel gepfiffen und zwei Elfmeter gegen die Heimmannschaft gegeben. Nach dem Schlusspfiff mussten mich fünf Ordner zu meiner Kabine begleiten. Das war aber bisher wirklich das einzige Erlebnis dieser Art.

Über den Autor
Sportredaktion Ahaus

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.