Marcel Sieberg trainierte auf einer Kopfsteinpflasterstraße vor dem Frühjahrsklassiker Flandern-Rundfahrt. Aktuell ist er mit Teamkameraden in Spanien. © picture alliance/dpa
Radsport

Castrop-Rauxels Radprofi Marcel Sieberg blickt auf das Leidensjahr 2020 zurück

Corona-Krise, Gehaltseinbußen, schwere Stürze. Die 16. Saison von Marcel Sieberg als Rad-Profi war schlicht zum Vergessen. Der Castrop-Rauxeler will seine Karriere aber nicht beenden - noch nicht.

Normalerweise wäre Marcel Sieberg in diesen Tagen in Bocholt zu erreichen. Dort wohnt der Radprofi seit einigen Jahren mit Frau und Kindern. Oder aber in Castrop-Rauxel bei seinen Eltern. Doch was ist schon normal in diesen Zeiten. Und was ist schon normal im Radsport. Also erreichen wir Marcel Sieberg in Spanien, in der Nähe von Denia.

Kein Urlaub im Urlaubsort für Marcel Sieberg

Nicht weit entfernt vom berühmt-berüchtigen Badeort Benidorm entfernt. Mit Urlaub hat das aber alles nichts zu tun. Mit einer kleinen Gruppe von Teamkameraden hat Sieberg dort ein Trainingslager eingelegt. 150 Kilometer pro Tag sind angesagt, die Grundlage schaffen für eine weitere Saison. Vielleicht seine letzte.

„Das lief ganz spontan ab. Das machen wir unabhängig vom Team und freiwillig. Unter Corona-Gesichtspunkten ist das natürlich ideal für mich. Zuhause in der Familie ist die Gefahr natürlich größer, sich mit Corona zu infizieren. Meine Frau ist Lehrerin, die Kids sind im Kindergarten”, wollte Sieberg auf Nummer sicher gehen.

Kurz vor Weihnachten geht es aus der Provinz Alicante wieder zurück nach Deutschland. Anstatt freundlicher 20 Grad und Sonne am Mittelmeer warten auf Sieberg dann Bodenfrost und Nieselregen. Für einen Radprofi, der zu dieser Jahreszeit täglich sechs Stunden und länger auf dem Rad sitzt, ist das sicherlich eine wenig erfreuliche Vorstellung.

Aber noch denkt Sieberg nicht daran, noch spult er in Spanien Kilometer um Kilometer ab. Um ein Jahr voller Stürze, mit Coronatests, Gehaltsverzicht und vielen Einschränkungen zu vergessen. Es ist nicht übertrieben, von einem „Leidensjahr” zu sprechen, was Marcel Sieberg im Jahr 2020 durchgemacht hat.

Seit 2005 im Profi-Radsport am Start

Andererseits nimmt der gebürtige Castrop-Rauxeler, der mit einer Größe von 1,98 Metern seit Jahren zu den Fahrern gehört, die man auf Anhieb im Peloton erkennt, diese extrem schwierige Saison mit einer erstaunlichen Gelassenheit.

Was sicherlich an seiner Erfahrung liegen muss. Was hat dieser Hüne auf dem Rad nicht schon alles gefahren in den vergangenen Jahren seit seinem Wechsel zum professionellen Radsport im Jahr 2005? Zwei Jahre später bestritt er seine erste Tour de France, acht weitere Große Schleifen sollten folgen, dazu je einmal der Giro d’Italia und einmal die Vuelta in Spanien.

Die große Passion des Castrop-Rauxelers waren schon immer die Tour und die Klassiker. Bei Paris-Roubaix, der mörderischen 260 Kilometer langen Fahrt über das Kopfsteinpflaster Nord-Frankreichs, erkämpfte er sich 2016 Rang sieben. Ein Achtungserfolg. Bei der Tour de France wurde er zum Inbegriff des sogenannten „Anfahrers”. Marcel Sieberg spannte sich vor seinen Chef André Greipel, machte die Pace auf den letzten Kilometern, brachte Greipel in die beste Position. So holte sich Greipel elf Etappensiege bei der Tour, auch dank seines Freundes Marcel Sieberg.

Sieberg ist seit 2018 von Freund André Greipel getrennt

2018 war Schluss mit dem Erfolgsduo Greipel/Sieberg. Bei der Tour lief es nicht, das extreme Zeitlimit schlug unbarmherzig zu, Greipel und Sieberg mussten vorzeitig nach Hause und ihren Arbeitsplatz beim belgischen Stall Omega Pharma-Lotto waren sie nach acht Jahren los.

Greipel zog es nach Frankreich, Sieberg in den Nahen Osten, zu Bahrein-McLaren. Und dann kam die Saison 2020. Früh im Jahr holte das Team wichtige Erfolge, auch dank Sieberg, der im Februar Phil Bauhaus in Saudi-Arabien zum Sieg führte.

Es folgten Stürze in Abu Dhabi und in Belgien, im März die Corona-Pause bis Mitte Juli, ein schwerer Sturz bei Gent-Wevelgem. Sieberg brach sich zum dritten Mal in seiner Karriere das Schlüsselbein und dazu eine Rippe.

Marcel Sieberg möchte noch ein Jahr im Radsport genießen

„So hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt, die Quote war nicht die beste”, blickt Sieberg zurück. Die Saison endet im Herbst ohne wirklich großen Erfolg, ohne einen Start bei einer großen Rundfahrt, dafür aber mit 25 Corona-Tests, stundenlagen Telefonaten, um negative Testergebnisse auch schriftlich zu bekommen und mit einem schmerzlichen Gehaltsverzicht wegen des Ausstiegs des Co-Sponsors McLaren.

„Solange das Team weitermacht, ist das Ordnung. McLaren hatte viele Mitarbeiter entlassen müssen wegen der Corona-Krise, da mussten wir auch Einbußen hinnehmen”, schildert Sieberg die Situation. Wie es weitergeht, das weiß Sieberg aktuell noch nicht.

Einige Rennen sind bereits abgesagt, er selbst wird 39 Jahre alt im kommenden Jahr. Und er spürt den Unterschied zu früher. Die extreme Hektik, die Respektlosigkeit der jungen Fahrer, die daraus resultierenden Stürze, die ewige Jagd nach einem Vertrag für das Jahr danach.

Marcel Sieberg möchte den Radrennsport erhalten bleiben

„Ein Jahr möchte ich noch genießen, eine normale Saison fahren, mit deutschen Rennen. Aber ich will nicht mehr auf Biegen und Brechen um einen Vertrag fahren müssen. Wenn ein Team im Sommer kommt und fragt, ob ich noch weitermache, kann ich mir das ja noch überlegen. Ansonsten denke ich, dass man mit 39 auch gut aufhören kann”, gibt sich Sieberg gelassen in Sachen Zukunftsplanung.

Dem Radsport will er aber verbunden bleiben – gegen den Sprung von Rad ins Teamauto hätte er nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Ein waschechter Dortmunder, Jahrgang 1957. Vor dem Journalismus lange Jahre Radprofi, danach fast 30 Jahre lang Redakteur bei Dortmunder Tageszeitungen, seit 2015 bei den Ruhr Nachrichten, natürlich im Sport.
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Peter Kehl

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