Die Stelle des Attentats in der Wiener City, die Rüdiger Schinschick kurz vor dem Anschlag passierte. © privat
Coronavirus im Sport

In Österreich: Ein Sportler aus Castrop-Rauxel erlebt Corona und Terroranschlag

Einen Castrop-Rauxeler Sportler verschlug es der Liebe wegen in die Alpenrepublik. Wie lebt es sich dort in Corona-Zeiten? Der Castroper erzählt vom Lockdown und seinem Sport in der neuen Heimat.

Der Songtitel von Trude Herr „Niemals geht man so ganz“ begleitet Rüdiger Schinschick seit seinem Abschied aus Castrop-Rauxel. 2019 entschied sich der heute 66-Jährige, der in der Vergangenheit in den Teams des TC Castrop 06 Tennis spielte, für ein Leben in Österreich.

Rüdiger Schinschick pendelte zwischen Castrop-Rauxel und Wien

Seit 2007 ist er mit seiner Partnerin Gaby liiert und pendelte ständig zwischen Castrop-Rauxel und Wien. Mit seinem Eintritt in das Rentenalter beschloss Rüdiger Schinschick, in die österreichische Hauptstadt zu ziehen. Er sagt: „Es war keine leichte Entscheidung, meinen Vater, Freunde und Bekannte zu verlassen. Aber durch die sozialen Netzwerke ist es heute recht leicht, Kontakte aufrecht zu erhalten.“

Zudem machten es ihm die Österreicher leicht, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen: „Ich erlebe sie als gemütlich und sehr freundlich. Mir gegenüber waren sie vor allem sehr neugierig und wollten viele Dinge über Deutschland wissen.“

Lebenswertes Wien

Vor allem die Hauptstadt hat es Rüdiger Schinschick angetan, der mit seiner Lebensgefährtin eine Zweitwohnung im Burgenland besitzt: „Wien ist multikulturell und sehr weltoffen. Ich kann gut verstehen, dass sie im Ranking der lebenswertesten Städte in der Welt ganz weit oben steht.“

Der ehemaliger TC 06-Spieler Rüdiger Schinschick in Aktion. Er lebt mittlerweile in Österreich. © Volker Engel © Volker Engel

Schinschick schätzt das vielfältige kulturelle Angebot und die Kaffehäuser, hat aber auch schon ein bedrückendes Erlebnis hinter sich, als er am 2. November 2020 fast Zeuge des islamistischen Anschlags im Zentrum Wiens wurde, bei dem vier Menschen ums Leben kamen: „Während unseres Einkaufsbummels sind wir kurz vor dem Attentat genau an der Stelle vorbeigekommen, wo die Menschen erschossen wurden. Trotz des großen Glücks, das wir hatten, war es ein beklemmendes Gefühl.“

Tennisspielen in allen Altersklassen

Der passionierte Tennisspieler, der beim TC Castrop 06 in mehreren Mannschaften im Einsatz war, hat im Burgenland eine neue Tennis-Heimat gefunden. Sowohl für den TC Nikitsch als auch für den benachbarten TC Deutschkreutz war er im letzten Jahr in verschiedenen Altersklassen aktiv.

Schinschick erzählt: „Im Gegensatz zum Westfälischen Tennisverband kann man in Österreich als 65-Jähriger in allen jüngeren Altersklassen antreten.“ Davon hat er kräftig Gebrauch gemacht. In seinem Nickitscher Heimatverein war er bei den Herren 1 und 2 sowie bei den Herren 35 im Einsatz. In seiner Altersklasse ging er für den Nachbarverein an den Start. „Mit den Herren 65 sind wir leider abgestiegen, dafür hat es beiden Herren 35 für den Aufstieg gereicht“, so Rüdiger Schinschick.

Trotz gewisser Corona-Einschränkungen habe er eine hervorragende Saison gespielt: „Am Anfang der Pandemie wurden hier auch schnell die Anlagen gesperrt. Allerdings geschah die Öffnung hier wesentlich früher als in Deutschland. Danach konnten wir unsere Team-Wettbewerbe wieder austragen.“

Mit österreichischen Freunden zu Gast in Castrop-Rauxel

Der Castrop-Rauxeler ist neben dem Geschehen auf der roten Asche begeistert von dem sozialen Zusammenhalt in dem kleinen Ort im Burgenland: „Ich bin in der neuen Umgebung sehr nett aufgenommen worden und habe festgestellt, dass hier wirklich noch der eine dem anderen hilft.“

Dieser Zusammenhalt wurde auch kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Februar letzten Jahres deutlich, als Rüdiger Schinschick mit fünf österreichischen Freunden nach Castrop-Rauxel kam, um ihnen seine Heimat zu zeigen: „Sie waren von der Stadt und vom Tennisclub am Wiedehagen sehr angetan.“ Der Besuch eines Bundesliga-Spiels auf Schalke stand ebenfalls auf dem Programm.

Bis 2019 lebte Rüdiger Schinschick in Castrop-Rauxel und spielte hier Tennis. © Voler Engel © Voler Engel

Lockdown in Österreich

Kurz danach kam der erste Lockdown. Wie erlebte der Castroper die Zeit in Österreich? Rüdiger Schinschick berichtet: „Ich finde die Bekämpfung der Pandemie hier effizienter. Trotz des Föderalismus liegt die Handlungsvollmacht eindeutig bei der Bundesregierung. Die Verordnungen gelten für alle Bundesländer.“

Hilfreich waren laut Schinschick auch die Medienkampagnen der Regierung, wie zum Beispiel die OIDA-Regel: „Obstand hoitn – Immer d’Händ‘ waschen – Daham bleibn – A Maskn aufsetzen“. Rüdiger Schinschick selbst profitiert auch als Deutscher von einigen Vergünstigungen für über 65-Jährige: „Es gibt 50-Euro-Taxi-Gutscheine und zehn FFP2-Masken gratis pro Person. Außerdem werden kostenlose Massentests angeboten – wie zum Beispiel in der Wiener Messehalle, wo ich mich auch habe testen lassen.“

Überfüllte Skipisten

Am zweiten Januar-Wochenende wurde ein verschärfter Lockdown eingeführt, der bis zum 8. Februar gelten soll, um den Inzidenzwert auf unter 50 zu bringen. In dem Zusammenhang überrascht es Rüdiger Schinschick, dass die Skigebiete im Alpenland trotz der strengen Maßnahmen weiterhin geöffnet sind: „Eigentlich sollen die Menschen ja zu Hause bleiben, aber wenn man am Wochenende sieht, wie sich tausende Wiener auf den Weg zu ihrem Hausberg, den Semmering, machen, um Ski zu fahren, ist man schon verwundert.“

Als Tennisspieler fragt er sich, warum die Hallen weiterhin gesperrt sind, was auch Sportminister Werner Kogler angesichts überfüllter Skipisten eingeräumt hat: „Viele Tennisspieler fragen sich, warum man auf einem Hallenplatz nicht zu zweit spielen darf, wenn sich die Skifahrer an den Liftanlagen drängen.“

Rüdiger Schinschick in seiner Mannschaft beim TC Castrop 06: (v.l.) Dieter Düwel, Rüdiger Schinschick, Zrinko Dobrowolny, Volker Brinkhoff und Peter Wirths. © Volker Engel © Volker Engel

„I bleib a Deitscher“

Rüdiger Schinschick hofft natürlich, dass sich die Zeiten in diesem Jahr bessern. Die Quarantäne-Verordnungen haben dafür gesorgt, dass er seit Anfang August seine Heimatstadt nicht mehr besuchen konnte: „Ich habe schon mehrfach den Flug verschieben müssen. Jetzt habe ich auch noch erfahren, dass das Café Residenz geschlossen wurde, wodurch mir eine Unterkunft verloren geht.“

Auch wenn er gegenwärtig nur telefonischen Kontakt zu seinem Vater und seinen Freunden haben kann, hat er seine Entscheidung, nach Österreich auszuwandern, bereut? „Auf keinen Fall!“, ist sich der Castroper sicher. Spielt er sogar mit dem Gedanken, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen? „Ösi werden? Na, i bleib a Deitscher!“ Wie sang Trude Herr? „Niemals geht man so ganz.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
In Castrop-Rauxel geboren und in der Heimatstadt geblieben. Schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet. Besonders interessiert am Sport und den tollen Radwegen im Revier.
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Dieter Düwel

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