Bastian Schweinsteiger (l) und Lukas Podolski haben in ihrer Laufbahn die richtige Mischung aus eigenem Fußball spielen und zocken an der Konsole gefunden. Es scheint, dass nicht mehr so viele Kinder und Jugendliche wie noch 2006 ihnen nacheifern. © picture-alliance/ dpa
Juniorenfußball

Kreisvorsitzender: Fingerübungen am Computer konkurrieren mit Fußball und killen Teams

Im Fußballkreis Herne/Castrop-Rauxel gibt es von Jahr zu Jahr weniger Nachwuchs-Teams. Der Jugendvorsitzende erforscht die Gründe und definiert ein Ziel.

Bernd Götte ist seit fast vier Jahrzehnten im heimischen Juniorenfußball verwurzelt – die meiste Zeit als Vorsitzender des Jugend-Ausschusses im Fußballkreis Herne/Castrop-Rauxel. Er hat jetzt auf ein Problem hingewiesen, das nicht ursächlich mit Corona zu tun hat. Im vergangenen Vierteljahrhundert ist die Zahl der Teams von den A-Junioren bis zu den Minikickern um satte 40 Prozent geschrumpft.

Aber Götte hat nicht nur die Zahlen der vergangenen 30 Jahre zusammengetragen. Er betreibt im Gespräch mit unserer Redaktion auch eine Ursachenforschung und steckt sich ein Ziel.

Es fehlen Trainer für die Mannschaften

Zur besten Zeit waren es 303 Jugendteams, die im Fußballkreis Herne/Castrop-Rauxel um Punkte kämpften – jetzt fiel der Wert mit 186 erstmals unter die 200er-Marke. Tendenz fallend? An welchen Gründen lässt sich dieser Schwund festmachen? „Dafür gibt es viele Faktoren. Einer davon ist, dass die Vereine nicht mehr genug Leute finden, die sich als Trainer einer Jugendmannschaft engagieren“, sagt Bernd Götte.

Zudem habe es früher nur Fußball gegeben. „Heute sind die sportlichen Möglichkeiten vielfältiger – und wenn es nur Fingerübungen am Computer sind“, so Götte, der demnächst 40 Jahre in der Fußball-Verbands-Jugendarbeit tätig ist.

Das veränderte Freizeitverhalten sei ein weiterer Grund, denkt Götte. „Nicht allein der Fußball hat mit schwindenden Zahlen bei Kindern und Jugendlichen zu kämpfen – andere Sportarten verzeichnen ähnliche Verluste.“ Auch betreffe der starke Rückgang an Jugendmannschaften im Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) nicht nur unsere Region. „Bis auf ganze wenige westfälische Kreise mit Zuwachsraten verzeichnen alle anderen einen Schwund in ähnlicher Größenordnung wie bei uns. Bleibt nur zu hoffen, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren stoppen lässt.“

Bernd Götte ist der Vorsitzende des Kreis-Jugendausschusses. © David Hennig © David Hennig

Zu befürchten sei allerdings, dass die Corona-Pandemie sich negativ auswirken könnte, was an den Zahlen aber erst in den nächsten ein oder zwei Jahren sichtbar werde, so Götte. Dieser hatte bei seinem Verein VfB Börnig bislang nur wenige Abmeldungen. Am Freitag (26. Februar) gibt es im Fußballkreis Herne/Castrop-Rauxel eine Video-Konferenz mit den Vereinen. „Schaun wir mal, welche Ideen diese einbringen. Im Grunde ist der Fußball aber abhängig von den politischen Entscheidungen.“

Waren einst die Mannschaften der A- und B-Junioren am stärksten betroffen vom Mannschafts-Schwund, sind es nun die C-Junioren. Ist diese Entwicklung zu stoppen? „Es wäre schön, wenn wir irgendwann wieder Zuwächse verzeichnen – ich befürchte aber, dass sich der Abwärtstrend fortsetzt“, sagt Götte. Und sieht einen Faktor der negativen Entwicklung im Sport bei der Ganztagsschule: „Kinder und Jugendliche, die nach 16 Uhr von der Schule heimkommen, gehen nicht sofort wieder zum Training. Das betrifft auch junge Trainer für die Kleinsten, die selbst noch zur Schule gehen.“

Dem entgegenzuwirken, dazu habe der Fußballkreis wenig Möglichkeiten, erklärt Götte und sagt fast resignierend: „Da hilft nur abwarten und Tee trinken.“

Auch machten ständige Wechsel in den Jugendleitungen der Clubs die Arbeit des Fußballkreises nicht einfacher: „Früher kannte ich jeden Jugendleiter persönlich, heute wechseln die alle Nasen lang.“ Zur Entfremdung trage auch die Elektronik bei. „Jetzt passiert alles nur noch online – persönliche Gespräche gibt es kaum noch.“

Die neuen Spielformen mit kleinen Toren, weniger Spielern, mit mehr Dribblings und Torschüssen ist eine Variante, mit dem im Jugendfußball der Negativ-Trend zumindest aufgehalten werden soll. Was Götte begrüßt: „Dabei haben die nicht so talentierten Mädchen und Jungen mehr Ballkontakte und bleiben vielleicht beim Fußball.“

Der Funktionär glaubt weiter an eine Fortsetzung der Jugendfußball-Saison im Mai: „Dann kriegen wir die 50-Prozent-Regel für den Auf- und Abstieg noch hin. Aufstiegsrunden werden aber wohl nur im K.O.-System gespielt.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Über 30 Jahre als Sportredakteur aktiv, bin ich nun im "Unruhestand" seit der Saison 2018/2019 als Freier Mitarbeiter für den Castroper Sport am Ball - eine neue, spannende Erfahrung. Meine journalistischen Fachgebiete sind alle Ballsportarten, die Leichtathletik und Golf. Mit den deutschen Spitzen-Fechtern war ich in den frühen 2000er-Jahren bei Welt- und Europameisterschaften in der "halben Welt" unterwegs.
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