Majtie Kolberg (2.v.l.) war von der Hochwasserkatastrophe an der Ahr direkt betroffen. Trotzdem startete sie kurz darauf in Belgien. © Ralf Görlitz
Leichtahletik

Majtie Kolberg lief fürs Ahrtal

Sportliche Höchstleistung, wenn die Heimat in Trümmern lieg? Das passt nicht zusammen, oder? 800-m-Läuferin Majtie Kolberg bewies das Gegenteil.

Sie startet für die LG Kreis Ahrweiler, ihr Stammverein ist der TuS Ahrweiler, ihr Heimatstadion – einfach weg. Für Leichtathletin Majtie Kolberg war die Hochwasserkatastrophe Mitte Juli ein Schock.

„Es wird langsam besser“, sagt die 22-Jährige. Aber als sie am 15. Juli an ihrem Studien- und Wohnort Köln die Bilder sah, da war sie nicht nur deshalb tief betroffen, weil gerade ihre Heimat unterging. Denn Majtie Kolberg hat im Ahrtal noch Familie und Freunde.

„Einige meiner Brüder leben in Ahrweiler“, erzählt sie. Zum Glück liegen ihre Wohnungen in höheren Stockwerken. Aber Keller, Garagen – alles abgesoffen, alles verwüstet, alles weg. Dabei hatten die Kolbergs natürlich noch Glück im Unglück verglichen mit vielen anderen. „Freunden ist das komplette Haus weggeschwemmt worden“, sagt Majtie Kolberg.

In Belgien starten oder nicht?

Sie war zum Helfen vor Ort und hat die Verwüstungen gesehen. Aufwühlende Bilder, die sie bis heute beschäftigen. Bilder, die sie auch im Kopf hatte, als kurz nach der Katastrophe ein Wettkampf in Belgien anstand. „Wir haben überlegt: hinfahren oder nicht hinfahren?“, berichtet Kolbergs Dorstener Trainer Leo Monz-Dietz. Am Ende fiel die Entscheidung für den Start in Ninove – mit ungeahnten Folgen.

Leo Monz-Dietz und Majtie Kolberg
Trainer Leo Monz-Dietz und Majtie Kolberg haben lange beratschlagt, ob sie den Wettkampf in Belgien wahrnehmen sollten. © Ralf Görlitz © Ralf Görlitz

„Ich hätte mir eigentlich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können“, sagt die 800-m-Läuferin. Konzentration aufs Rennen? Eigentlich unmöglich. Die Gedanken kreisten einzig und allein um die Situation in Ahrweiler. Doch vielleicht war es gerade das, was Majtie Kolberg zu einer wahren Leistungsexplosion trug.

„Ich hab‘ gedacht: Mach‘ es für Ahrweiler!“ Und das tat sie. Mit 1:59,24 min verbesserte sie ihre bisherige Bestzeit um mehr als drei Sekunden, lief Olympia-, WM – und EM-Norm in einem und stellte einen neuen Rheinland-Pfalz-Rekord auf.

„Jeder war sprachlos. Ich auch“, erinnert sie sich an diesen Quantensprung. „Einige haben sicher gesagt, dass da mit der Zeitmessung was nicht stimmen konnte. Aber Leo hat per Hand selbst mitgestoppt. Es stimmte tatsächlich“, beschreibt sie ihre Gefühle nach dem Zieleinlauf: „Man sieht: Man kann auch seine Emotionen auf die Bahn bringen.“

Wie Ricarda Funk

Und genau wie Kanutin Ricarda Funk, die ihre olympische Goldmedaille in Tokio den Menschen in ihrer Heimat im Ahrtal widmete, hofft auch Majtie Kolberg: „Vielleicht hat dieser Erfolg ja einigen Menschen bei mir zuhause geholfen, das ganze Leid wenigstens für ein paar Momente zu vergessen und Hoffnung zu schöpfen.“

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Sport ist für den Wulfener nicht nur ein wichtiger Bestandteil seines Arbeitslebens. Seit 1993 schreibt er als Mitarbeiter der Dorstener Zeitung über das Sportgeschehen in der Lippestadt, seit 1999 ist er als Redakteur für den Lokalsport in der Lippestadt verantwortlich. Dabei fasziniert ihn besonders die Vielfalt der Dorstener Sportszene, die von Fußball bis Tanzen und von Basketball bis Kitesurfen reicht.
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Andreas Leistner

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