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22 Prinzessinnen und drei Sack Kartoffeln

mlzPrinzessinnengarde

„Mädels!“ Mit gespielt strenger Stimme mahnt Marlies Hamann die fröhliche Runde zur Ruhe. Vergebens. 22 Ex-Prinzessinnen haben eben Redebedarf. Doch der „verarmte Adel“ kann auch zupacken.

Stadtlohn

, 28.02.2019 / Lesedauer: 4 min

Es ist der Dienstag vor dem Weiberkarneval. Für die Karnevalsgesellschaft „Üm Bütt un Pütt“ ist das immer ein besonderes Datum. Am Abend stärken sich die über 100 ehrenamtliche KG-Helfer beim traditionellen Pfannkuchenessen für den Endspurt in die tollen Tage. Es wird Berge von Kartoffelpuffern geben, zubereitet von fleißigen Prinzessinnen-Händen.

22 Prinzessinnen und drei Sack Kartoffeln

Prinzessinnen-Runde mit Donauwelle, Möhrenkuchen und Schmandtorte. Rechts vorne sitzt die Prinzessinnenmutter Marlies Hamann. © Stefan Grothues

Doch jetzt ist noch Nachmittag. Die Kartoffeln spielen noch keine Rolle. An der langen Kaffeetafel herrscht ein lebhaftes Stimmengewirr. Erst einmal stehen eine selbstgebackene Schmandtorte, Möhrenkuchen und Donauwellen im Mittelpunkt. Klaus Wilde macht dem Kaffeekränzchen eine kurze Aufwartung. Der Herr über die KG-Kamellen bringt den Damen eine Riesentafel Schokolade. Er weiß, was sich gehört. Schließlich sitzen in dieser illustren Runde viele närrische Hoheiten zusammen.

Prinzessinnen-Club wird bald 40 Jahre alt

„Reni Reiff hat den Prinzessinnenclub 1980 gegründet“, erzählt Marlies Hamann. Die heute 87-jährige Reni Reiff, die in der Session 1971/72 Karnevalsprinzessin war, wollte sich nicht damit abfinden, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist. Dann prägte Gertrud Dirks mit strengem Regiment als Prinzessinnenmutter 21 Jahre den Club, der sich zur Prinzessinnengarde weiterentwickelte.

Seit 2004 ist Marlies Hamann (Prinzessin 1989/90) die Mutter der Kompanie. „Mädels!“, ruft sie jetzt. Erst nach dem dritten Versuch kehrt Stille ein. Marlies Hamann stimmt das Prinzessinnenlied an, und 22 Prinzessinnen singen aus vollem Herzen nach der Wandersmann-Melodie mit: „Der verarmte Adel sind wir nur, das macht uns gar nichts aus. Unser Treffen ist stets wie ‘ne Kur, wir machen‘s Beste draus!“

Gänsehaut-Momente auf dem Prinzenwagen

Was die Frauen im Alter von 39 bis 85 Jahren zusammenschweißt, sind einzigartige Erfahrungen: vom Glück, als Prinzessin auserwählt zu werden, das kostbare Kleid tragen zu dürfen, im Mittelpunkt des närrischen Treibens zu stehen. Und alle sind sich einig: Der Rosenmontag ist der absolute Höhepunkt im Leben einer Karnevalsprinzessin. „Wenn man oben auf dem Prinzenwagen steht und der bei Erning in die Grabenstraße biegt, wo Tausende Menschen uns zujubeln – da geht einem das Herz über“, erzählt Gaby Waeteraere (2010/11). Und 22 Prinzessinnen-Häupter nicken mit leuchtenden Augen und spüren den Gänsehautmomenten nach.

Prinzessinnengarde tröstet

Dieses Glück setzt Kräfte frei. „Ich hatte ausgerechnet an den tollen Tagen als Prinzessin eine Lugenentzündung“, erzählt Monika Summen (1996/97). Doch Schüttelfrost und damals noch verrauchte Büttabende konnten sie nicht stoppen. „Ich habe das volle Programm mitgemacht.“ Und dann, am Veilchendienstag, flossen bei ihr wie fast allen Prinzessinnen die Tränen, wenn der Bacchus verbrannt wurde. Vor Glück. Und vor Trauer, weil nun die ganze närrische Herrlichkeit ein Ende hatte. „Gut, dass es nun die Prinzessinnengarde gibt“, sagt Brigitte Fellerhoff (1975/76). „Früher war ja für uns Prinzessinnen am Aschermittwoch wirklich alles vorbei.“

Buntes Jahresprogramm

Jetzt trifft sich der „verarmte Adel“ regelmäßig übers ganze Jahr: zu Fahrradtouren, Weihnachtsessen oder Wintergang, zur Mädchensitzung in Köln, oder zur Kirchturmbesteigung. „Da ist sogar Gerti Niewoehner (1972/73) noch alle Stufen hinaufgestiegen. Und die ist schon 80!“, sagt Marlies Hamann. Das „Küken“ in der Runde ist Britta Niehues (2011/12) mit 39 Jahren.

22 Prinzessinnen und drei Sack Kartoffeln

Die Prinzessinnengarde vor ihrem Besuch der Mädchensitzung in Köln. © privat (KG Üm Bütt un Pütt)

„Das ist etwas ganz Besonderes, dass hier so viele Altersstufen zusammenkommen. Das ist anders als in Stammtischen oder anderen Clubs“, sagt Petra Ebert (2015/16). „Ja, fast wie in einer Familie“, stimmt Inge Terhechte (1983/84) lachend zu. „Aber ohne die Probleme, die man sonst in einer Familie teilt“, sagt Marlies Krumme (1984/85). Die ganze Runde lacht. „Hier zählen nur die Freude und der Frohsinn.“

Puffer von Prinzessinnenhand

Nicht nur. In der KG scheuen die Ex-Prinzessinnen auch handfeste Arbeit nicht. Ganz egal, ob es ums Flyer-Verteilen oder ums Stühlerücken bei den Büttabenden geht. Und jetzt heißt es: „Mädels! Jetzt ran an die Kartoffeln!“ Marlies Hamann beendet die fröhliche Kaffeerunde.

22 Prinzessinnen und drei Sack Kartoffeln

Prinzessinnenhände beim Speckschneiden für den Pfannkuchenabend © Stefan Grothues

Es ist gleich fünf, und bis um sechs wollen noch drei große Säcke voller Kartoffeln geschält und gerieben sowie der Speck gewürfelt werden. Und schon bald zieht der Duft leckerer Kartoffelpuffer durch die Wagenbauhalle. Von Prinzessinnenhand gebacken.

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