„Wir brauchten keine Angst vor Bomben und Fliegern mehr zu haben“

mlz75 Jahre Kriegsende

Marianne Demes ist bei Kriegsende am 8. Mai 1945 fünf Jahre alt. Die heute 80-jährige Stadtlohnerin erinnert sich an die letzten Kriegstage, die „Stunde Null“ und vor allem den Hunger auf Brot.

Stadtlohn

, 08.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die „Stunde Null“, das steht gemeinhin für den Zusammenbruch Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist die Zeit vom Ende des Bombenkriegs über den Moment der Besetzung und den Anfängen der alliierten Besatzungsherrschaft.

Das Kriegsende jährt sich am 8. Mai zum 75. Mal. Franz-Josef und Marianne Demes aus Stadtlohn hätten am 22. März in der St. Otger-Kirche in einer Gedenkstunde an die Schrecken des Krieges und an dessen Ende erinnern sollen. Die Veranstaltung wurde aufgrund der Corona-Beschränkungen abgesagt.

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Im Gespräch mit unserer Redaktion erinnert sich Marianne Demes, bei Kriegsende fünf Jahre alt, an das Frühjahr 1945, die „Stunde Null“ und schildert Episoden. „Das vergisst man nicht“, sagt sie über das Erlebte. „Ich weiß das noch wie heute.“

„Kein besonderer Tag“

Dabei hat Marianne Demes, geborene Hamachers, den 8. Mai 1945 nicht als besonderen Tag erlebt. „Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass dies ein besonderer Tag in unserer Familie war. Mit dem Einzug der Alliierten Ende März war der Krieg für uns schon zu Ende. Wir brauchten keine Angst vor Bomben und Fliegern mehr zu haben.“

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Marianne Demes war bei Bauer Wenning, als die Front durch Stadtlohn zog. „Wir saßen im Bunker in der Nacht von Karfreitag, 30. März, auf Karsamstag, 31. März.“ In dieser Nacht zogen die Englänger durch Stadtlohn, das durch mehrere Luftangriffe fast vollständig zerstört worden war.

Marianne Hamachers mit ihrem Kaninchen kurz nach Kriegsende 1945.

Marianne Hamachers mit ihrem Kaninchen kurz nach Kriegsende 1945. © Privat

Die Engländer kämpften sich nach den Erinnerungen von Marianne Demes Ende März die Straße R 70 Richtung Ahaus frei. Gegenwehr gab es nicht – bis zum Haus Keizers am Ortsausgang. Dort hatten sich einige Männer vom Volkssturm verschanzt, Hitlers letztem Aufgebot aus alten Männern und Schülern. „Sie meinten, mit dem Abschuss eines Panzers den Krieg doch noch gewinnen zu können.“

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Also schossen sie den ersten Panzer der Briten mit Panzerfäusten ab. Der zweite Panzer kehrte daraufhin zurück und meldete den Vorfall. „Dann kam der Befehl der Briten, alle Häuser links und rechts der Straße in Brand zu schießen, auch unser Haus, das bis dahin unbeschädigt war.“

Zwei Panzergeschosse trafen das Gebäude. Eines schlug ins Dach ein, das zweite setzte das gesamte Treppenhaus in Brand und damit alle Zimmer. „Sie brannten alle aus, bis auf die Küche und ein kleines Wohnzimmer.“

Der Herd funktioniert

Der Herd war zum Glück erhalten geblieben. „Aber alles andere Wertvolle war geschmolzen oder verbrannt, selbst die Kartoffeln im Keller.“ Ihre Mutter Johanna berichtete der kleinen Marianne: „Die Engländer wären einfach weitergezogen und unser Haus hätte den Krieg unbeschadet überstanden, wenn nicht diese Idioten gewesen wären.“

Gleich nach Ostern ging es für Marianne Demes, ihre 13-jährige Schwester und ihre Mutter zurück ins ausgebrannte Haus. „Wir hatten ja zum Glück noch die beiden kleinen Zimmer, so dass wir nicht wie andere beim Bauern bleiben mussten.“

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Ihre Mutter musste sich allein um die Instandsetzung des Hauses an der Hengelerstraße kümmern. Es fehlten vor allem Dachpfannen. Die bekamen die Hamachers von Bauern in Velen. „Sie hatten Dachpfannen oft neben einem Schuppen gelagert und Velen war ja nicht zerstört worden.“

Marianne Demes erinnert sich daran, dass die Holländer gleich nach dem Ende des Krieges damit begannen, Wälder abzuholzen. „Der ganze Baumbestand des Lohner Bruchs wurde radikal abgeholzt, dicke Eichen und Buchen.“ Das Holz gehörte zu Reparationsleistungen der Deutschen.

Marianne Demes

Marianne Demes © Christian Bödding

Am Wohnhaus der Hamachers an der Hengelerstraße fuhren jeden Morgen Lastwagen der Holländer vorbei. „Wir Kinder warteten schon am Straßenrand, um leckere Weißbrotschnitten mit Schinken oder Wurst zu ergattern, die von den Holländern vom Wagen herunter geworfen wurden. Wir riefen immer Boteram, Boteram und wer Glück hatte, bekam eine Schnitte.“ Marianne Demes gehörte nie zu den Glücklichen. „Ich habe nie eines abbekommen von diesen köstlichen Broten.“

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Die Sorge der Menschen bestand im Mai 1945 hauptsächlich darin, etwas Essbares zu bekommen – vor allem Brot. „Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter oder Schwester früh in der Nacht aufstanden, um bei Bäcker Heming ein Brot zu ergattern. Dessen Backofen war nicht zerstört worden.“ Ihre Mutter fuhr auch manchmal nach Gescher, um ein Brot zu erstehen. „Oftmals kam sie aber ohne Erfolg zurück.“

Alliierte schicken Maismehl

Als die Alliierten das Elend der Zivilbevölkerung erkannten und die Lebensmittelengpässe sahen, schickten sie Maismehl nach Deutschland. Marianne Demes: „Sie hatten aber nicht bedacht, das Maismehl in Deutschland völlig unbekannt war. Die Bäcker wussten nicht damit umzugehen. Das frisch gebackene Brot schmeckte zwar gut, aber man konnte nur Stücke davon abbrechen und es war zu klebrig, um Scheiben davon zu schneiden. Am nächsten Tag war es steinhart und man konnte auch dann keine Scheiben schneiden und auch sonst nichts damit anfangen.“

Auf dem Land habe die Bevölkerung aber noch mehr oder weniger gut überleben können. „Meist jeder kannte einen Bauern, der ihm etwas zu essen gab.“ Jedes Jahr im Herbst bekamen die Hamachers neun Zentner Kartoffeln von Bauer Schulze Erning. „Auch während der Kriegs- und der Nachkriegsjahre. Das war unser Glück, es war unser Hauptnahrungsmittel.“ Jeden Abend gab es Bratkartoffeln, aber es fehlte direkt nach dem Krieg das Fett zum Braten.

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Als der Zweite Weltkrieg endet, ist Marianne Demes ein fünfjähriges Mädchen. Etwas anderes als den Krieg, als Angst vor Bombardierungen, kennt sie nicht. Eine Kindheit im Krieg. „Worunter ich am meisten gelitten habe, war, dass ich keine Puppe zum Spielen hatte“, sagt sie 75 Jahre später.

Wünsche eines kleinen Mädchens

Alle Puppen waren im Haus verbrannt. Aber was sind die Wünsche eines kleinen Mädchens gegenüber dem Wiederaufbau des Hauses? „Statt der Puppen habe ich nachher die Kinder von Nachbarinnen aufgepasst. Das waren dann meine lebenden Puppen“, erzählt Marianne Demes.

Ihr Vater kehrt kurz vor Weihnachten 1945 aus russischer Gefangenschaft zurück. „Für mich war er ein fremder Mann und ich war für ihn auch fremd. Als er in den Krieg musste, war ich ein Kleinkind und als er wieder heim kam, war ich sechs Jahre alt.“ Seine Sorge galt dem Wiederaufbau des Hauses, das dauerte Jahre. „Praktisch so lange er lebte.“ Marianne Demes‘ Vater starb 1967.

Eine Luftaufnahme von Stadtlohn aus dem Jahr 1954. Das Bild zeigt, welche Leistungen die Stadt und ihre Bevölkerung in den neun Jahren seit Ende des Zweiten Weltkrieges unternommen hatten, um den Wiederaufbau nach den massiven Zerstörungen rasch zu erreichen.

Eine Luftaufnahme von Stadtlohn aus dem Jahr 1954. Das Bild zeigt, welche Leistungen die Stadt und ihre Bevölkerung in den neun Jahren seit Ende des Zweiten Weltkrieges unternommen hatten, um den Wiederaufbau nach den massiven Zerstörungen rasch zu erreichen. © Stadt Stadtlohn

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