Bilder aus Rech können nur schwer widerspiegeln, welches Ausmaß die Flutkatastrophe an der Ahr genommen hat. © privat
Flutkatastrophe

„Apokalypse“: Ahrwinzer mit Wurzeln in Stadtlohn steht vor Scherbenhaufen

Wolfgang Schulze-Icking betreibt an der Ahr ein Weingut. Die Flutkatastrophe hat dieses schwer getroffen. Das machte er öffentlich und wurde in Stadtlohn, der alten Heimat der Familie, gehört.

Am Dienstagmittag hat Wolfgang Schulze-Icking kurz einmal Zeit, sich in einer seiner Ferienwohnungen im Ahrtal hinzusetzen und zu telefonieren. „Wir haben erst seit Kurzem wieder Empfang“, berichtet der 55-Jährige, dessen Familie in Stadtlohn ihre Wurzeln hat. Ansonsten ringt er spürbar um Fassung: „Endzeit, Apokalypse – nichts spiegelt wider, was hier los ist.“ Er sei immer noch geschockt, habe noch keine Zeit gefunden, irgendetwas zu realisieren.

Doch er hat einen festen Strohhalm, an dem sich der Winzermeister mit Frau Katarina und Tochter Annika festhält: die Unterstützung von vielen und vor allem aus der alten Heimat, in der er in jungen Jahren oft die Sommerferien verbracht hat. „Stadtlohn rettet gerade das Ahrtal“, versucht er in Worte zu fassen, was die „Schulze-Ickings mit Bekannten und Freunden“ im völlig zerstörten Ahrtal gerade leisteten.

In dritter Generation führt Wolfgang Schulze-Icking das Weingut Max Schell in Rech an der Ahr. Die vierte Generation steht mit Tochter Annika bereits in den Startlöchern. Das Weingut bewirtschaftet drei Hektar Rebfläche. Doch seit der vergangenen Woche ist nichts mehr, wie es war. Der Winzermeister hat das Gefühl für die Zeit verloren: „Ich weiß gar nicht mehr, ob es die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag oder von Donnerstag auf Freitag war, die alles anders machte.“

Hochwasser-Meldungen schaukelten sich langsam auf

Der Tag startete wie jeder andere auch. „Wir hatten wie immer alles vorbereitet, wollten abfüllen.“ Da hätte ihn die erste Nachricht von einem nahenden Hochwasser erreicht. „Ich habe sofort meine Mitarbeiter kontaktiert, immer neue Meldungen schaukelten sich auf“, erinnerte sich Schulze-Icking sofort an das Jahr 2016 zurück, als man das letzte Hochwasser „so gerade noch überstanden“ hatte. Bis über 3,50 Meter sei die Ahr seinerzeit gestiegen, bei 3,71 Metern hatte der Rekord gestanden, datiert vom 2. Juni 2016. Geschichte.

50 Meter liegt die Halle des Weinguts von der Ahr entfernt. Das Team wurde aktiv, wollte so viel Wein wie möglich „evakuieren“. Das Wasser stieg rasant, „wir mussten folglich Prioritäten setzen“, so Schulze-Icking. Die Anspannung nahm zu. Gegen 18 Uhr hatte der Pegel die bisherigen Rekordstände bereits erreicht. „Die Feuerwehr lieferte erste Sandsäcke, viel zu wenige. Wir haben mit den Nachbarn quasi darum gestritten.“ In Ahrweiler habe man weitere Säcke aufgenommen.

Doch die Entwicklung überholte die Bürger in Rech. „Wir haben am Fluss gestanden und ohnmächtig zugeschaut.“ Sechs Meter, dann 6,50 Meter – schon längst waren die Ufer überflutet. Stapler wurden organisiert – bis diese selbst in Sicherheit gebracht werden mussten. „Da wurde mir zum ersten Mal klar: Ich muss etwas aufgeben.“

Schwer getroffen wurde auch der Fasskeller des Weinguts Max Schell. Auch viele Freunde und Bekannte aus Stadtlohn kämpfen damit, die ersten Folgen zu beseitigen.
Schwer getroffen wurde auch der Fasskeller des Weinguts Max Schell. Auch viele Freunde und Bekannte aus Stadtlohn kämpfen damit, die ersten Folgen zu beseitigen. © privat © privat

Wolfgang Schulze-Icking war inzwischen in den Keller gerannt, dort kam ihm das Wasser schon „im Schwall“ entgegen. „Meine Tochter rief nur noch, ich solle rauskommen“, berichtet der Winzermeister. So gerade habe er es noch geschafft. Der Keller lief randvoll, auch in der Vinothek war schon längst Land unter. Dazu wurde es langsam dunkel. Die Geräusche wird der 55-Jährige nie vergessen. Das Blubbern aus dem Keller, 4000 Liter Heizöl lagerten dort. „Brutale Geräusche“ drangen von der Ahr herüber, Autos wurden wie Spielzeug weggespült, vieles zerbarst – ebenso Baumstämme. Der Pegel lag mittlerweile bei unfassbaren acht Metern.

Familie sucht umgehend Kontakt zu Stadtlohnern

Der erste Gedanke, als es wieder hell wurde, war, „dass ich Angst hatte, rauszuschauen“, so Schulze-Icking: Brücken, Straßen, Hotels, ganze Weinberge, alles war weggeschwemmt. Kein Strom, kein Wasser, kein Essen. Die Familie Schulze-Icking stand buchstäblich vor dem Nichts. Der nächste Gedanke – ein guter, wie es sich herausstellte: „Ich muss Stadtlohn kontaktieren.“ Schon am Freitag machten sich umgehend 16 Personen in vier Fahrzeugen auf den Weg. Und was dann folgte, dafür hat Schulze-Icking nur ein Wort: „Gigantisch!“

Mit riesigen Pumpen halfen die Stadtlohner nicht nur dem Weingut, sondern auch den Nachbarn. Selbst der Bürgermeister wurde mit einem Aggregat aus Stadtlohn beliefert. „Da lief alles Hand in Hand, als hätten sie niemals etwas anderes gemacht“, so Schulze-Icking.

Im Weingut wurde der Keller ausgepumpt, Fässer wurden eingesammelt, Flaschen gesäubert. Die Feuerwehr brachte Suppe, das THW war da, die Stadtlohner hätten den halben Ort verpflegt. Landwirte aus ganz Deutschland packten an, Rettungswagen kamen selbst aus Luxemburg in die Gegend. „Ein unbeschreibliches Gefühl“, so der Inhaber. Er hat aber auch Brückenpanzer vernommen. Es habe auch erste Plünderungen gegeben. Die Kehrseite der Medaille.

Ein Drittel des Weinbergs und Vorräte sind verloren

Zeit für eine erste Bilanz hat sich Wolfgang Schulze-Icking schon genommen. „Vom Weingut ist sicher ein Drittel verloren.“ Ein „Drittel Zukunft“, schiebt er hinterher. Dazu Maschinen, Ausrüstung, Fassvorräte. Nicht nur das Hauptstandbein, der Weinanbau, sei massiv betroffen, auch das Angebot von Ferienwohnungen. „Wer will denn jetzt auch noch ins Ahrtal kommen“, berichtet Schulze-Icking.

Eine Impression vom Weinberg vor der Katastrophe: Der gebürtige Stadtlohner Wolfgang Schulze-Icking betreibt das Weingut mit Frau Katarina in dritter Generation. Rund ein Drittel der Rebfläche sind komplett zerstört.
Eine Impression vom Weinberg vor der Katastrophe: Der gebürtige Stadtlohner Wolfgang Schulze-Icking betreibt das Weingut mit Frau Katarina in dritter Generation. Rund ein Drittel der Rebfläche sind komplett zerstört. © privat © privat

Nach der noch laufenden Rettungsaktion muss Wolfgang Schulze-Icking nun irgendwie an einem Konzept arbeiten, wie er die Existenz wird halten können. Klar sei, dass sich das Bild des Ahrtals verändern wird, die historisch gewachsene Infrastruktur sei komplett zerstört. Kurzfristig brauche die Region schnelle finanzielle Unterstützung – „und zwar alle“. Deshalb habe er auch eine Bankverbindung in seinem Facebook-Post angegeben – normal „gar nicht sein Ding“. Aber: „Wir sind auf Spenden angewiesen. Ohne schnelle Hilfe werden wir es alle nicht schaffen“, betont er noch einmal. Aktuell würden vermehrt auch Spezialisten gesucht: Wer Heizungen oder anderes reparieren könne, sei ebenso gerne willkommen.

Wolfgang Schulze-Icking weiß noch nicht, was im Winter wird – oder was er im Jahr 2022 verkaufen soll. Und wie er im Herbst die kommende Ernte rettet. Er hat auch Sorge vor dem Zeitpunkt, wenn die schnellen Helfer einmal nicht mehr da sind. Bei aller Ungewissheit ist sich Wolfgang Schulze-Icking einer Sache sehr sicher: „Wenn irgendein Stadtlohner einmal Hilfe dringend benötigt, dann bin ich da!“

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