Bianca Gassner wurde mit der Rettungsmedaille ausgezeichnet

Stadtlohnerin erlebte entscheidende Momente

Für Bianca Gassner aus Stadtlohn ist der 15. März 2014 ein Tag, den sie nie vergessen wird. An dem kalten Frühlingstag hat sie in Köln am Rhein ein Menschenleben gerettet. Aber auch zwei Menschen sterben sehen. "Ich bin nicht stolz, weil die Trauer überwiegt", sagte die 37-Jährige, die Freitagabend mit der Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet worden ist.

STADTLOHN

, 20.03.2015, 19:01 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein feierlicher Akt, dem sie am Vormittag im Gespräch mit unserer Redaktion mit zwiespältigen Gefühlen entgegensah. Vielleicht, hoffte sie, könne sie sich auch bei der Ehrung einen Moment darüber freuen, ein zehnjähriges Mädchen vor dem Ertrinken gerettet zu haben. Denn Trauer und Entsetzen sind die stärkeren Gefühle: Sie hat dem Kölner Ali Kurt nicht mehr helfen können, dem es gelungen war, die Schwester der Zehnjährigen aus dem Rhein zu holen. Er ertrank bei der Rettungsaktion. Und das sechsjährige Kind starb wenig später im Krankenhaus.

"Es hilft, darüber zu reden", sagt Bianca Gassner. Und sie will darüber reden, möchte sensibilisieren für die Gefahren des Wassers. Was sie erlebt hat, zeigt auf, wie groß und gefährlich Naturgewalt sein kann.

Sechs Grad Wassertemperatur

Der 15. März 2014 war ein kalter Tag. Bei acht Grad joggte Bianca Gassner in der Nähe ihres Zweitwohnsitzes in Köln am Rhein, als sie einen Menschen im Wasser sieht. "Ich bin die steile Böschung mehr heruntergefallen als gelaufen und bin bis zum Bauchnabel rein ins Wasser", erzählt sie. Das Wasser hatte eine Temperatur von sechs Grad. "Das zieht einem die Beine weg. Tausend Nadelstiche", sagt sie.

Sie streckte dem Mädchen, das keinen Halt im Wasser hatte, die Hand entgegen - sie konnte sie greifen. "Ich habe sie vor mich genommen, bin rückwärts ans Ufer und habe mich nach hinten fallen lassen. Dann lagen wir beide da auf einem Stein am Ufer." Nachgedacht habe sie nicht, "ich habe intuitiv gehandelt". Das Mädchen hatte Schaum vor dem Mund, ihre Zähne klapperten. Das, was sie sagte, konnte Bianca Gassner nicht verstehen. Das Mädchen riss sich los und wollte zurück ins Wasser. Erst da sah Bianca Gassner ein Bündel im Rhein. Die sechsjährige Schwester des Mädchens trieb, mit dem Gesicht nach unten, im Fluss.

Bianca Gassner riss die Zehnjährige zurück ans Ufer. "Ich habe sie angeschrien, dass sie nicht ins Wasser darf", erinnert sich die Stadtlohnerin. Sie holte ihr Handy aus der Uferböschung und wählte den Notruf. Keinesfalls, sagte ihr die Beamtin am anderen Ende der Leitung, solle sie ins Wasser gehen - die Strömung dort im Rhein in Köln-Stammheim sei viel zu stark.

"Dann ist er untergegangen"

Ali Kurt wohnte direkt an der Unfallstelle und hatte wegen der Rufe aus dem Fenster gesehen. "Er sprang ins Wasser und hat Ruderbewegungen mit dem linken Arm gemacht, damit eine Welle das Kind in Richtung Ufer bewegen sollte", erzählt die 37-Jährige. Mit Wolfgang Lingen und Paulina Hense stießen zwei weitere Retter dazu. Sie bildeten eine Menschenkette, Ali Kurt, gelang es, das Mädchen zu greifen. Aber er selbst verlor den Halt in der Strömung. "Wolfgang und Paulina haben versucht, das Kind wiederzubeleben, ich habe gesagt, ich kümmere mich um Ali Kurt", blickt Bianca Gassner zurück. Er trieb im Wasser, machte Bewegungen mit den Armen, die Bianca Gassner an das gemächliche Flügelschlagen einer Möwe denken ließ.

Über ihr Handy in der Brusttasche war sie mit der Notrufzentrale verbunden. Sie sah einen großen Ast am Ufer, riss ihn an sich und versuchte, ihn dem Mann zu reichen. Der Ast war nicht lang genug.

Ihre Stimme stockt, als sie weitererzählt über den Moment, in dem sie sich entscheiden musste. Es waren nur Sekunden. Alles wurde ganz ruhig. "Ich musste jetzt überlegen, gehe ich zwei Schritte weiter und verliere selbst den Boden unter den Füßen?", erinnert sich die Stadtlohnerin. Beide hatten Blickkontakt. "Für mich - gefühlt - wusste er, was kommt", beschreibt Bianca Gassner die einschneidenden Sekunden. "Ich habe gesagt ‚Es tut mir leid'. Dann ist er untergegangen und nicht mehr aufgetaucht."

Posthum geehrt

Sie stolperte zurück ans Ufer, rannte neben dem sich biegenden Rhein einen Kilometer lang bis zu einer kleinen Sandbank. Dort, so hoffte sie, würde Ali Kurt antreiben. Vergeblich. Die Beamtin der Notrufzentrale aber musste ihr miteilen, dass die Strömung des Rheins wegen der Biegung so verlaufe, dass der Mann zur Mitte des Flusses getrieben werde.

Bianca Gassner hockte auf der Sandbank, Polizeibeamte waren mittlerweile am Ort und wollten sie zum Rettungswagen bringen. "Dann setzte der Schock ein. Meine Beine trugen mich nicht mehr, ich habe geschrien, ich wollte da nicht weg", erzählt die 37-Jährige.

Zwei Wochen später wurde die Leiche des Mannes bei Wesel aus dem Rhein geborgen. Auch Ali Kurt wurde - posthum - gestern geehrt. Mit seiner Familie hat Bianca Gassner guten Kontakt. Den Angehörigen der beiden Mädchen ist sie persönlich nicht begegnet. Über die Frau und die drei Kinder von Ali Kurt sei ihr aber der Dank für die Rettung der Zehnjährigen übermittelt worden. "Das ist in Ordnung. Vielleicht brauchen sie Abstand, um alles zu verarbeiten."

Unterstützung vom Psychologen

Sie selbst hat gemerkt, dass sie es nicht ohne professionelle Hilfe schafft, das Erlebte zu verarbeiten, und hat ein halbes Jahr Unterstützung von einem Psychologen erfahren. "Und meine Familie und Freunde haben mich gut unterstützt, zu jeder Tages- und Nachtzeit." Sie habe nach dem Ereignis ihr eigenes Leben überdacht, lebe jetzt intensiver, meint die Stadtlohnerin, die in Köln in der Kommunikationsbranche tätig ist. Sie hat in der Ausnahmesituation erfahren, wovon sie zuvor nur gehört hatte: "Man setzt Kräfte frei, von denen man nicht weiß, das man sie hat."

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