Marvin Schröder zeigt den Metalleimer, der die Ursache für den Kampfmittelverdacht war und damit eine kostspielige Bergungsaktion in der Berkel ausgelöst hatte. © Stefan Grothues
Kampfmittelräumer

Blindgängerverdacht: Alter Metalleimer kostet Stadtlohn ein Jahresgehalt

Für diesen rostigen Metalleimer müsste ein Stadtlohner mit Durchschnittseinkommen mehr als ein Jahr arbeiten. Er wurde am Montag in der Berkel geborgen. Er hätte aber auch eine Bombe sein können.

Marvin Schröder hält zwei rostige und löchrige Metallteile hoch, die unzweifelhaft mal ein Eimer gewesen sind. Entwarnung. Dreieinhalb Stunden lang hat der 27 Jahre alte Kampfmittelräumer am Montag auf einer künstlich aufgeschütteten Insel in der Berkel gegraben. Zuerst mit dem Bagger, dann ganz vorsichtig zentimeterweise mit dem Spaten. Ein Blindgängerverdacht hat eine kostspielige Bergungsaktion verursacht.

In mehr als zwei Meter Tiefe stieß Marvin Schröder auf eine rostbraune Verfärbung im gelben Sand. Hier musste das Metallteil liegen, das empfindliche Messgeräte schon vor Wochen bei einer Kampfmittelsondierung im Flussbett angezeigt hatten. Es war nicht auszuschließen, dass es sich um ein explosives Relikt handelt.

Auf der eigens über dem Verdachtspunkt aufgeschütteten Bergungssinsel in der Berkel wurde das Grundwasser mit Hilfe von Pumpen abgesenkt, um ein 3,50 tiefes Loch graben zu können. Dort entdeckte der Kampfmittelbeseitiger einen rostigen Eimer.
Auf der eigens über dem Verdachtspunkt aufgeschütteten Bergungssinsel in der Berkel wurde das Grundwasser mit Hilfe von Pumpen abgesenkt, um ein 3,50 Meter tiefes Loch graben zu können. Dort entdeckte der Kampfmittelbeseitiger einen rostigen Eimer. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Am 21. und 22. März 1945 fielen bei Angriffen auf Stadtlohn und einige andere westmünsterländische Städte über 15.000 Spreng- und Brandbomben. Längst nicht alle explodierten. Bei Erdarbeiten in der Innenstadt wird daher vorab immer genauestens untersucht, ob gefährliche Überreste im Boden verborgen sind.

Vom Tischler zum Truppführer in der Kampfmittelbeseitigung

In Verdachtsfällen reisen die Kampfmittelbeseitiger aus Hagen an. Sie gehören zur Bezirksregierung Arnsberg, die diese Aufgabe auch für die Bezirksregierungen in Münster und Detmold erfüllt. Marvin Schröder ist der jüngste von ihnen.

„Eigentlich bin ich ja gelernter Tischler“, sagt er. Doch vor fünf Jahren sattelte er um und wurde Räumarbeiter. „Ich kannte die Arbeit von meinem Opa und meinem Onkel. Und ich mag sie, weil man viel rumkommt“, sagt der 27-Jährige, der zunächst bei einer privaten Firma arbeitete und sich dann bei der Bezirksregierung zum Truppführer fortbildete.

Kampfmittelbeseitigungsdienst täglich im Einsatz

„Angst? Nein, die habe ich nicht“, sagt Marvin Schröder. „Wer Angst vor diesem Beruf hat, der darf ihn erst gar nicht machen. Man muss aber Respekt vor der Aufgabe haben.“ Respekt hatte der Kampfmittelräumer am Montag auch vor der rostbraunen Verfärbung im Stadtlohner Berkelsand.

Bei einer näheren Untersuchung aber stellte sich heraus, dass es sich lediglich um einen alten Eimer handelte. „Wir haben auch noch einen Stein mit ferromagnetischen Bestandteilen gefunden. Auch auf ihn könnten die Messgeräte angesprochen haben“, so der Kampfmittelräumer.

Die Bergung dieses alten Blecheimers hat die Stadt Stadtlohn 50.000 Euro gekostet. Er stand unter Blindgängerverdacht.
Die Bergung dieses alten Blecheimers hat die Stadt Stadtlohn 50.000 Euro gekostet. Er stand unter Blindgängerverdacht. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Auf die Frage, ob er enttäuscht gewesen sei, antwortet der 27-Jährige vielsagend: „Ich bin Kampfmittelbeseitiger und kein Schrottbeseitiger.“ Im Schnitt räumt seine Behörde jeden Tag ein bis zwei Kampfmittel – vom Munitionsfund bis hin zur 20-Zentner-Bombe. „Ich war bislang bei rund 35 Räumungen dabei, 6 Bomben habe ich selber entschärft“, sagt Marvin Schröder.

Seine Arbeit in Stadtlohn kostet die Stadt nichts. Die Vorbereitungen aber waren teuer und müssen aus dem Stadtsäckel bezahlt werden. Nachdem der Verdachtspunkt nahe der Losbergschule entdeckt worden war, wurde eine künstliche Halbinsel im Flussbett aufgeschüttet. Dann wurde der Grundwasserspiegel mit Hilfe von Pumpen abgesenkt, damit der Kampfmittelräumer den Metallgegenstand im Trockenen bergen konnte.

„Rund 50.000 Euro kostete die Maßnahme“, sagt Gerd Große Fericks, Tiefbauexperte im Fachbereich Umwelt, Planen und Bauen des Stadtlohner Rathauses. Trotz der hohen Kosten zeigte sich Bürgermeister Berthold Dittmann am Montag vor Ort erleichtert.

„Die Sondierungen sind vor den Arbeiten am Berkelufer unverzichtbar, um Risiken für Menschen ausschließen zu können. Dass ein alter Metalleimer den Verdacht auslöst, darüber kann man sich vielleicht ärgern“, so der Bürgermeister. „Aber wenn es eine Bombe gewesen wäre, hätte die Stadt ja auch kein Geld gespart. Dann hätte aber zusätzlich noch der Risiko der Entschärfung bestanden.“

Weitere Einsätze der Kampfmittelräumer in Stadtlohn stehen noch bevor. Am Berkelufer nahe der Dreifach-Sporthalle gibt es noch einen konkreten Verdachtspunkt. Und in den nächsten Monaten stehen weitere Kampfmittelsondierungen unterhalb des Mühlenwehrs an. Rund eine Millionen Euro sind für die Kampfmittelsondierungen und -beseitigungen im Rahmen des Hochwasserschutzes und der Gestaltung der Berkelpromenade veranschlagt.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Vor Ort und nah dran für den Leser, hört gerne auch die andere Seite
Zur Autorenseite
Stefan Grothues

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.