Bürgermeister als Sündenbock: Installation blickt auf dunkle Geschichte

mlzSchaufensterausstellung

Die Nazis machten Alfons Broeker zum Sündenbock für Verschuldung und Arbeitslosigkeit. In der Dufkampstraße will die Villa Ten Hompel darauf aufmerksam machen – und zieht Parallelen in die Gegenwart.

Stadtlohn

, 11.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Der Bürgermeister als Sündenbock“ prangt seit Mittwochmittag auf einem Plakat im Schaufenster der Jugendkulturwerkstatt an der Dufkampstraße. Nein, es geht weder um den gerade aus dem Amt verabschiedeten Helmut Könning und auch nicht um seinen Nachfolger Berthold Dittmann. Das Projekt des Fördervereins Villa Ten Hompel aus Münster blickt zurück in ein dunkles Kapitel der Stadtlohner Geschichte.

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Sie dreht sich um Amtmann Alfons Broeker, der 1925 gewählt wurde. In seine Amtszeit fällt der Neubau des Stadtlohner Wasserwerks. Dessen Kosten verdoppeln sich während der Bauphase. Der Magistrat – also der damalige Stadtrat – genehmigt die Verteuerung zwar, doch die späteren Nationalsozialisten nutzen den Fall für ihre Zwecke: Noch bevor ein Disziplinarverfahren gegen Alfons Broeker abgeschlossen ist, wird er von späteren Mitgliedern der NSDAP in Stadtlohn an den Pranger gestellt. Er allein trage die Schuld an der Verteuerung, habe außerdem befreundeten Unternehmern die Aufträge zugeschoben, so dass Stadtlohner Unternehmen leer ausgingen.

Rechtfertigungen und Widersprüche helfen nicht

Alfons Broeker versuchte es mit Rechtfertigungsschreiben, legte öffentlich und vor Gericht Protest und Widerspruch gegen die Anschuldigungen ein. Er wurde dennoch suspendiert und im August 1933 durch Clemens Blanke ersetzt. Der wird im Laufe der NS-Zeit ein hoher NS-Parteifunktionär. Die Hetze gegen Alfons Broeker gipfelt schließlich darin, dass Alfons Broeker an einem Sonntag aus seinem Haus geholt und in Handschellen gelegt vor die Kirche geführt wird. Von dort wird er schließlich verhaftet und abtransportiert.

Die Plakate im Schaufenster der Jugendkulturwerkstatt an der Dufkampstraße 19 sollen über die Mechanismen, die sich Nationalsozialisten Anfang der 1930er-Jahre zunutze machten, aufklären.

Die Plakate im Schaufenster der Jugendkulturwerkstatt an der Dufkampstraße 19 sollen über die Mechanismen, die sich Nationalsozialisten Anfang der 1930er-Jahre zunutze machten, aufklären. © Stephan Rape

Eine Geschichte, die langsam in Vergessenheit gerät. Das sagt auch Stadtarchivar Ulrich Söbbing. „Das weiß nur noch, wer sich wirklich mit der Stadtgeschichte Stadtlohns auseinander setzt“, erklärt er. Ausdrücklich sei die Installation in der Dufkampstraße auch nicht dazu gedacht, den ehemaligen Stadtlohner Bürgermeister zu entlasten, fügt er noch hinzu.

Nationalsozialismus als Folge eines schleichenden Prozesses

„Fälle wie dieser sollen zeigen, dass der Nationalsozialismus damals nicht einfach plötzlich da war, sondern dass es ein lange schleichender Prozess gewesen ist“, verdeutlicht Timo Nahler vom Förderverein Villa Ten Hompel. Die Mechanismen um Stimmungen zu erzeugen, nach Sündenböcken zu suchen und sie öffentlich an den Pranger zu stellen, seien immer salonfähiger geworden.

„Das haben die Nationalsozialisten damals gekonnt in Szene gesetzt“, erklärt er weiter. Und solche Mechanismen würden teilweise heute schon wieder genutzt. Nicht in so drastischer Form wie 1932, aber in Anfängen: Sei es durch eine Verrohung der Diskussionskultur, durch Antisemitismus, Rechtspopulismus oder Rechtsextremismus.

Die Risse in den Scheiben sind nur aufgeklebt. So weit werde es heute in Stadtlohn nicht mehr kommen, da sind sich Timo Nahler, Ulrich Söbbing und Dr. Nikolaus Schneider einig. Die Ausstellung soll darauf aufmerksam machen, durch welchen schleichenden Prozess die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Die Risse in den Scheiben sind nur aufgeklebt. So weit werde es heute in Stadtlohn nicht mehr kommen, da sind sich Timo Nahler, Ulrich Söbbing und Dr. Nikolaus Schneider einig. Die Ausstellung soll darauf aufmerksam machen, durch welchen schleichenden Prozess die Nationalsozialisten an die Macht kamen. © Stephan Rape

Die Ausstellung „Demokratie als Feind – Das völkische Westfalen“ ist an sieben Orten in Westfalen zu sehen. Ein weiterer ist noch in Planung. Geplant war ursprünglich, mit Stadtlohner Schülern die Thematik aufzuarbeiten und sie mit in eine Ausstellungszeitung fließen zu lassen. Doch die Corona-Pandemie machte auch dieses Projekt zunichte. So ist der Stadtlohner Anteil in der Zeitung nur relativ klein. Der Kontakt kam durch den Leiter der Villa Ten Hompel, Dr. Christoph Spieker zustande. Er ist gebürtiger Stadtlohner und kannte die Hintergründe.

Plakate in der Dufkampstraße sind bis Ende 2020 zu sehen

Die Plakate der Ausstellung in der Dufkampstraße sind auf jeden Fall noch bis Ende des Jahres, vermutlich auch noch etwas länger zu sehen. „Wir haben uns über die Anfrage auf jeden Fall sehr gefreut“, sagt Dr. Nikolaus Schneider, Leiter des aktuellen Forums Volkshochschule und Vorstandsmitglied der Jugendkulturwerkstatt, die dort ihr Atelier betreibt. „Unser Ziel war es, das Schaufenster regelmäßig zu bespielen und die Fläche zu beleben“, sagt er.

Exemplare der gedruckten Zeitungen zur Ausstellung sind im VHS-Haus Stadtlohn, Klosterstraße 18, erhältlich.

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