Ultraleichtflieger-Unfälle: geringe Geschwindigkeit laut Bundeskommission der Hauptgrund

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Der Absturz eines Ultraleichtfliegers am Stadtlohner Flugplatz am Sonntagnachmittag hat viele Menschen schockiert. Aber ist Ultraleichtfliegen ein gefährliches Hobby?

Stadtlohn

, 15.10.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wolfgang Lintl (70) ist Vorsitzender der Bundeskommission Ultraleichtflug beim Deutschen Aero Club, dem Dachverband aller Luftsportverbände in Deutschland.

Unfälle, wie der Absturz am Flugplatz Stadtlohn-Vreden, kommen immer mal wieder vor, erklärt der Bremer. Er spricht von bundesweit 10 bis 20 Unfällen pro Jahr – die allerdings längst nicht alle so gravierend seien wie der vom Sonntagnachmittag in Stadtlohn mit einem Toten und einem Schwerverletzten. Mit Blick auf die über 12.600 Lizenzträgern, die in Deutschland Ultraleichtflugzeuge fliegen dürfen, sei das eine vergleichsweise überschaubare Zahl.

Er selbst habe seine Ultraleichtfluglizenz seit 1984 und habe auch schon einige heikle Situationen erlebt. „Man kennt das Risiko. Denn natürlich ist das mit der Fliegerei verbunden“, sagt Wolfgang Lintl. Im Vergleich zu anderen Hobbys oder auch anderen Verkehrsmitteln passiere in der Luft aber vergleichsweise wenig.

Ausbildung und ständige Schulungen

Das liege auch an der ausführlichen Ausbildung und intensiven Schulung der Piloten. Denn auch wenn Ultraleichtflugzeuge rein rechtlich nicht als Flugzeuge sondern als Luftsportgeräte gelten, ist die Ausbildung der Piloten vergleichbar mit denen für einen Motorflugschein – die nächst höhere Kategorie.

Ultraleichtflieger-Unfälle: geringe Geschwindigkeit laut Bundeskommission der Hauptgrund

Feuerwehr, Rettungskräfte, Polizei und Notfallseelsorger waren bei dem Absturz am Sonntagnachmittag mit einem Großaufgebot im Einsatz. © Stephan Teine

Um die Lizenz zu erwerben, muss ein Pilot mindestens 60 Theorie- und 25 bis 30 Praxisstunden sowie die entsprechenden Prüfungen absolvieren. Piloten müssen außerdem regelmäßig ihre Flugstunden nachweisen und werden auch Jahre nach der Prüfung noch regelmäßig von Fluglehrern auf ihre Fähigkeiten geprüft.

Häufigste Unfallursache: Zu geringe Geschwindigkeit

Hauptunfallursache sei heutzutage meist ein Unterschreiten der Mindestgeschwindigkeit, die dann zum Strömungsabriss und so zum Verlust des Auftriebs führt. Die Maschine sei dann nicht mehr zu kontrollieren und stürzt ab.

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Seit etwa 15 Jahren erfasse ein Sicherheitsausschuss der Bundeskommission Ultraleichtflug alle Unfälle, um so eine Ursachenanalyse möglich zu machen und vorbeugend tätig zu werden. „So werden beispielsweise die Ausbildungsinhalte regelmäßig überprüft und angepasst“, erklärt Wolfgang Lintl.

Materialfehler sollen heutzutage selten sein

In den Anfangsjahren der Ultraleichtfliegerei habe oft noch das Material Schwierigkeiten bereitet, das sei aber heute nur noch sehr selten der Fall.

Weiterer Unfallschwerpunkt sei der Einflug in schlechtes Wetter. „Auch das ist aber das gleiche wie bei kleinen Motorflugzeugen“, sagt er. Piloten unterschätzten die Wetterbedingungen und gerieten dann in Schwierigkeiten. Etwa, weil Wolken tief über einem Bergwipfel hängen. „Regenwetter ist beispielsweise kein Problem für die Ultraleichtflugzeuge“, erklärt er.

Weit verbreitete, gutmütige Maschine

Auch er bestätigt, dass es sich bei der Unglücksmaschine – einer Ikarus C42 – um ein sehr weit verbreitetes und gutmütiges Fluggerät handele. „Es wird bundesweit oft als Schulungsmaschine eingesetzt, weil es gut zu beherrschen ist“, sagt er. Auch sei es nicht mit Hightech hochgezüchtet, sondern eher konservativ konstruiert.

Das verrät zum Beispiel auch ein Blick auf die Spitzengeschwindigkeiten der einzelnen Fluggeräte. Mit aktuellen Ultraleicht-Topmodellen seien auch Geschwindigkeiten bis zu 330 km/h möglich. Bei einem Flieger vom Typ Ikarus C42 ist je nach Ausführung und Motor bei 180 bis 225 km/h Schluss.

Ermittlungen führen Polizei und Staatsanwaltschaft

Natürlich will Wolfgang Lintl den Ermittlungen zur Unfallursache in Stadtlohn nicht vorgreifen und verweist dazu an Polizei und Staatsanwaltschaft.

Von dort gibt es am Dienstag allerdings noch keinen neuen Stand der Ermittlungen. „Das kann auch noch gut zwei bis drei Wochen dauern“, erklärt Thorsten Ohm von der Pressestelle der Polizei im Kreis Borken. Erst einmal müssten nun Sachverständige das Wrack eingehend untersuchen. Auch zum Gesundheitszustand des Piloten konnte er am Dienstag keine Angaben machen.

Ahauser kommt bei Absturz ums Leben, Pilot wird schwer verletzt

Am Sonntagnachmittag war am Flugplatz Stadtlohn-Vreden ein Ultraleichtflugzeug mit zwei Männern an Bord bei einem Landeversuch abgestürzt. Der 54-jährige Passagier aus Ahaus kam dabei ums Leben. Der Pilot, ein 55-jähriger Oberhausener, wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus nach Enschede gebracht.

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Der Pilot besitzt seine Lizenz schon etliche Jahre und gilt als erfahren. Er ist Mitglied im Stadtlohner Fliegerclub. Seine Maschine hatte er sich vor einem halben Jahr gekauft.

Vier Klassen von Ultraleichtflugzeugen

Die Klassifizierung von Ultraleichtflugzeugen wird im Gegensatz zu den Motorflugzeugen national geregelt. Unterschieden werden in Deutschland aerodynamisch gesteuerte Ultraleichtflugzeuge (sie ähneln äußerlich den größeren Flugzeugen), Trikes mit einem Drachenflügel, motorisierte Para- oder Hängegleiter sowie sogenannte Gyrocopter. Das maximale Abfluggewicht eines Ultraleichtflugzeugs beträgt bei einem Einsitzer 300 und bei Zweisitzern 450 Kilogramm (472,5 Kilogramm inklusive des vorgeschriebenen Rettungssystems).

Aerodynamisch gesteuerte Ultraleichtflugzeuge werden wie größere Flugzeuge über verschiedene Klappen an Flügeln und Rudern gesteuert. Sie werden auch eingesetzt, um Segelflugzeuge auf Höhe oder Werbebanner durch die Luft zu schleppen.

Ultraleichtflugzeuge dürfen ausschließlich auf Sicht, das heißt bei Tageslicht, geflogen werden.

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