Elfriede und Joseph Räwer, die Großeltern unseres Redakteurs, freuen sich sichtbar über die Post des Gesundheitsamts. Sie können die Impfung kaum erwarten. © Johannes Schmittmann
Coronavirus

Corona-Impfung meiner Großeltern: Die Hoffnung kommt per Post

Die Großeltern unseres Redakteurs sind 87 und 92 Jahre alt. Damit gehören sie zu den Ersten, die im Impfzentrum Velen geimpft werden. Post vom Kreis gab es bereits. Ein persönlicher Einblick.

Von außen ist es ein Brief wie jeder andere. Vielleicht etwas schwerer als die Rechnungen vom Telefonanbieter oder der Rundfunkanstalt. Doch die sieben DIN-A4-Seiten, die sich darin befinden, sind für Elfriede (87) und Joseph Räwer (92) ein 35 Gramm schweres Stück Hoffnung. „Angebot für eine Impfung“ steht in dicken, schwarzen Lettern über dem Anschreiben, das von Landrat Dr. Kai Zwicker unterschrieben ist. Nach der Impfung der Pflegeheimbewohner seien nun die über 80-Jährigen an der Reihe. Es ist Freitag, der 22. Januar.

Vor einem Monat habe ich meine Großeltern zuletzt gesehen. Es war der erste Weihnachtsfeiertag. Auf ihrer Terrasse in der Stadtlohner Bauerschaft Estern saßen wir bei frostigen Temperaturen eine halbe Stunde zusammen. Ein kleiner Kreis, trotz großem Radius. Abstand statt Umarmungen. Auch auf das gemeinsame Singen, das gerade mein Großvater an Weihnachten so liebt, mussten wir verzichten. Aber es ging um die Geste. Sich nach diesem quälend langen Corona-Jahr doch noch persönlich „frohe Weihnachten“ zu wünschen.

Joseph und Elfriede Räwer haben vier Kinder, zwölf Enkel und sieben Urenkel. Dass die große Familie an den Feiertagen nicht zusammenkommen konnte, gehörte für sie persönlich zu den härtesten Einschnitten der Corona-Pandemie. Gleich nach der abgesagten Diamantenen Hochzeit, die im Frühsommer 2020 hätte gefeiert werden sollen.

Bescheidene Wünsche für die Post-Corona-Zeit

Als ich meine Großeltern an diesem Freitag frage, worauf sie sich am meisten freuen, sobald wir die Pandemie einigermaßen im Griff haben, lässt die erste Antwort nicht lange auf sich warten. „Dass alles wieder in geregelten Bahnen verläuft und wir Besuch empfangen können“, sagt mein Großvater.

Meine Großmutter nickt, denkt dann laut nach: „Ich würde so gerne noch einmal nach Hamburg fahren. Oder nach Bad Rothenfelde.“ In der Hansestadt wohnt die Familie ihrer jüngsten Tochter, im niedersächsischen Kurort verbringen Joseph und Elfriede Räwer normalerweise ihren einzigen Urlaub des Jahres. Mit dem Alter werden die Wünsche bescheidener.

Für Elfriede Räwer war es keine Frage, wo sie ihr Kreuz setzt:
Für Elfriede Räwer war es keine Frage, wo sie ihr Kreuz setzt: „Ich willige in die vorgeschlagene Impfung gegen Covid-19 mit mRNA-Impfstoff ein.“ © Johannes Schmittmann © Johannes Schmittmann

Das Ausfüllen der Impf-Unterlagen inklusive Anamnesebogen dauert nur wenige Minuten. Keine Sekunde zögern die beiden, wo sie ihr Kreuz setzen: „Ich willige in die vorgeschlagene Impfung gegen Covid-19 mit mRNA-Impfstoff ein.“ Schon bevor ich bei ihnen eintraf, hatte sich mein 92-jähriger Großvater intensiv in die Materie eingelesen. Die Lesebrille auf der Nase diskutiert er mit seiner Frau auf Plattdeutsch darüber, wie man das nur gut neun Kilometer entfernte Impfzentrum im Norden Velens am besten erreicht. Doch vorher braucht es einen Termin. Am Montag, 25. Januar, beginnt offiziell die Vergabe. Sofern keine weiteren Zwischenfälle wie die Lieferprobleme von Biontech auftreten.

Terminvereinbarung über das Internet keine Option

Als ich den beiden erzähle, dass NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann empfiehlt, Termine wegen überlasteter Telefonleitungen am besten über das Internet zu vereinbaren, lachen sie herzlich auf. Selbst das seniorenfreundliche Mobiltelefon, das ihre Kinder ihnen schon vor rund 15 Jahren geschenkt haben, setzt in der Schublade Staub an. Die Maus eines Computers haben beide noch nie geklickt. In ernsterem Tonfall sagt meine Großmutter: „Ich wüsste nicht, ob wir das ohne Hilfe alles hinbekommen würden.“ Ein subtiler Fingerzeig an die Gesundheitsämter.

Obwohl ich meinen Großeltern anmerke, dass die Pandemie alles andere als spurlos an ihnen vorbeigeht, wollen sie nicht klagen. Sie wissen genau, dass sie sich in einer vergleichswiese privilegierten Situation befinden. Die Verwandtschaft kauft für sie ein, die Natur liegt vor der Tür, auf dem Hof ist dank der Urenkel immer Leben. Vor allem haben sie sich gegenseitig. Aber auch Oma und Opa haben Momente, in denen die Einsamkeit sie übermannt. Mit der Impfung sollen sie seltener werden.

Info

  • Nach Angaben des Kreises Borken sollten mittlerweile alle über 80-Jährigen das Infomaterial per Post bekommen haben.
  • Ab Montag, 25. Januar, können Termine vereinbart werden. Entweder telefonisch unter 0800 116 117 02 oder über die Homepage www.116117.de
  • Die ersten Impfungen starten voraussichtlich am Montag, 8. Februar, im Impfzentrum Velen, Schlatt 23.
  • Wir werden Joseph und Elfriede Räwer vor, während und nach den Corona-Impfungen weiter begleiten und berichten.
Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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