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Mit Feuer und Flamme landete Dirk Schlattmann einen Karnevalshit. Jetzt lässt er die Stadtlohn’ske Jungs wiederauferstehen. Der 44-Jährige bringt Bacchus, Beatles und Büro unter einen Hut.

Stadtlohn

, 19.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Man darf ihn getrost einen Hit-Schreiber nennen. Schließlich sind seine Lieder in Stadtlohn weltbekannt. Mal komponiert er selber, mal schreibt er neue Texte zu kölschen Klängen. Den Stadtlohner Karnevalisten geht in jedem Fall das Herz auf, wenn sie „Feuer und Flamme“ oder „Stadtlohn’ske Jungs“ lauthals mitsingen und mitschunkeln. Und das geschieht rund um die Büttabende und Umzüge quasi an jeder Straßenecke. Der Hit-Schreiber ist: Dirk Schlattmann, 44 Jahre alt, Verwaltungsangestellter.

Dirk Schlattmanns Musikerherz brennt für den Karneval

Dirk Schlattmann (44) im Tonstudio seiner Band „4 Sale“ bei der Aufnahme eines neuen Karnevalshits. © privat (Dirk Schlattmann)

Auf der Bühne, im konfettibunten Anzug, mit Narrenkappe und Gitarre, sieht er allerdings wie das komplette Gegenteil eines Rathausmitarbeiters aus. Seit 20 Jahren spielt er im Büttabendorchester Gitarre und Ukulele. Und er rockt mit seinen Musikerkollegen auch jetzt wieder den Saal. Die Liebe zum Karneval wurde Dirk Schlattmann in die Wiege gelegt, sein Herz für die Rockmusik und die Bühnenshow hat er in der Owweringschule entdeckt.

„Jahre sind´s her – ich weiss es genau

Im Hegebrock da stand mein Elternhaus

Mit Papa zum Umzug, es hüpfte das Herz

Um 14.11 ging es los

Es waren die wilden 70er

Kein Handy aber wir war‘n Weltmeister

Den Papa an der Hand - am Straßenrand“

Jedes Mal wenn Dirk Schlattmann diese Zeilen seines jüngsten Songs „Stadtlohn‘ske Jungs“ singt, bekommt er eine Gänsehaut. „Diese Zeilen sind keine kalkulierte Nostalgie, das habe ich wirklich so erlebt“, sagt Dirk Schlattmann. Und das karnevalistische Herzblut spüren die Stadtlohner offenbar, schließlich haben sie ja alle das Schunkeln auf der B 70 gelernt.

„Denn wir war´n nur Stadtlohn´ske Jungs

Dick am Popo doch trotzdem war´n wir froh

Auf der B70 ham wir schunkeln gelernt

Zuhause wurd uns Demut gelehrt – es tat uns gut…

Wir sind Stadtlohns´ke Jungs“

Mit der Schulband zum Mauerfall

Die ersten Gitarrenakkorde hat Dirk Schlattmann als siebenjähriger Knirps beim Jugend- und Familienbildungswerk geübt, das Songschreiben als 15-Jähriger in der Owweringchule: „Ich hatte richtig Glück“, sagt er, wenn er an seinen Musiklehrer Klaus Siepe zurückdenkt. Der hatte Dirk und seine Freunde nicht nur zur Gründung einer Band ermuntert, sondern auch zum Produzieren eigener Lieder. Mit Erfolg: Die Schulband Mikado hatte Auftritte im ganzen Land, heimste Preise ein, trat in einer WDR-Reportage auf und wurde mit einer Konzert- und Workshopreise nach Berlin bedacht – ausgerechnet vom 7. bis zum 12. November 1989. „Das war ein echt prägendes Erlebnis, den Mauerfall direkt auf der Straße hautnah mitzuerleben“, erzählt Dirk Schlattmann.

Beatles Tribute in Bristol

Die Musik hat ihn nie wieder losgelassen. Einige Jahre tourte er mit einer Top-40-Band durch ganz NRW und Niedersachsen. Als Ehemann und Vater zweier Kinder beschränkt er sich heute auf ein kleines aber feines Bandprojekt 4Sale. Und auf den „Kaiserkeller“, eine Beatles Tribute Band, die immer wieder mal in Bristol, im Mutterland der Fab Four, Furore macht. Und auf das Büttabendorchester. Und auf das Liederschreiben.

„Wo häb wi nich fiiert, överall was wat loss

Bi‘n Täuber oder Kresken, doar wan wi to hus

No häb wi de Krone und dat Kettlerhuss

Wi fiiert doar wieder keen verdruss

Wi bünt dorup stolz, Stadtlohnske to wenn

Met Otger und Paulus und Gnadenkapell

Nä wat ist´n Spass, kumm sing no mett“

Was macht denn einen echten Karnevalshit aus? Dirk Schlattmann zählt auf: Er muss einfach und eingängig sein. Und gleichzeitig originell. Die Leute müssen ihn mitsingen können. Er muss lokal verankert sein. Er muss Erfahrungen teilen. Und vor allem: Er muss gefühlvoll sein und Herz zeigen. „Man muss die Leute mitnehmen. Wir wollen Spaß haben und Freude verbreiten“, sagt Dirk Schlattmann über sich und seine Musikerkollegen.

Stadtlohn an de Bäke ist der Karnevalsklassiker schlechthin

Unerreichter Klassiker des Stadtlohner Karnevals seit vielen Jahrzehnten ist und bleibt aber „Stadtlohn an de Bäke“. Den Text hat Heinrich Demes geschrieben. Die Melodie wurde dem Schlager „Der Tag war grau“ entliehen. Ein oft erprobtes Verfahren im Stadtlohner Karneval, sagt Bernhard Uepping. Wie kein anderer kennt der 77-Jährige das karnevalistische Liedgut „üm Bütt un Pütt“.

Dirk Schlattmanns Musikerherz brennt für den Karneval

Bernhard Uepping zeigt Noten zu einem Stadtlohner Karnevalslied. Manch älteren Stadtlohner Karnevals-Hit gibt es nur noch in der Textversion. Die Melodien sind in Vergessenheit geraten, weil keine Noten überliefert sind. © Stefan Grothues

Seit 49 Jahren gehört er dem Vorstand der KG an. Ihm ist es zu verdanken, dass jede Vorstandssitzung mit einem Stadtlohner Karnvealslied eröffnet wird. Und seit 43 Jahren sorgt er als Akkordeonspieler in der immer noch aktiven Rabatzkapelle für Stimmung, zusammen mit Berni Resing (84) am Saxofon und Hermi Hemsing (78) an der Teufelsgeige. Später stieg auch noch Willi Sudholt mit seiner Geige in die Rabatzkapelle ein.

Dirk Schlattmanns Musikerherz brennt für den Karneval

Die Rabatzkapelle mit Bernhard Uepping (Akkordeon), Berni Resing am Saxofon und Hermi Hemsing an der Teufelsgeige © privat (Bernhard Uepping)

Dirk Schlattmanns Musikerherz brennt für den Karneval

Die Rabatzkapelle beim Altweiberkarneval © privat (Bernhard Uepping)

Bernhard Uepping hat es sich zur Aufgabe gemacht, den reichen Schatz der närrischen Lieder lebendig zu erhalten. Er zeigt über 100 Jahre alte Liederbüchlein aus seinem Privatarchiv und sagt: „Es gibt über 80 Stadtlohner Karnevalslieder. Und unsere Lieder sind nicht schlechter als die in Köln.“

Dirk Schlattmanns Musikerherz brennt für den Karneval

Historische Liederhefte des Stadtlohner Karnevals aus den Jahren 1909 und 1928. © Stefan Grothues

Aber manches Lied, so bedauert Uepping, drohe in Vergessenheit zu geraten. „Die jungen Leute wollen noch singen, aber sie kennen die alten Stadtlohner Lieder oft nicht mehr. Ich fände es schade, wenn auch bei uns nur noch Kölsche Klänge dominieren.“ Schließlich spiegelten die Karnevalslieder ein Stück Stadtgeschichte wider. Bernhard Uepping steuert mit karnevalistischen Singeabenden gegen den Trend.

Rockige Klänge mit Tradition

Dirk Schlattmann bewundert Bernhard Ueppings leidenschaftliche Beharrlichkeit: „Der Stadtlohner Karneval hat ihm so viel zu verdanken.“ Leider aber, so Schlattmann, erreichten viele ältere Lieder nur noch die Generation „Ü60“, weil die dort beschriebenen Orte und Szenerien den Jüngeren kein Begriff mehr seien. Dirk Schlattmann setzt auf rockige Töne und junge Texte – knüpfte aber bewusst an die Traditionsfäden der alten Lieder an, gerne auch in Plattdeutsch.

Die Stadtlohns´ke Jungs zum Beispiel gab es ja wirklich: Werner Milewski und Hermann Schwartenbeck. „Die beiden waren sehr bewegt, als ich sie gefragt habe, ob ich ein Lied mit diesem Titel schreiben darf“, sagt Dirk Schlattmann.

Internetvideos machen Karnevalslieder bekannt

Statt auf Singeabende setzt Dirk Schlattmann auf knackige Videos und das Internet. Youtube, Facebook und Co. nennt er „einen Segen“ für die Stadtlohner Karnevalslieder. Im letzten Jahr gewann er auch Bürgermeister, Pfarrer und andere Prominente für Kurzauftritte in dem Videoclip „Feuer und Flamme“ für den Karneval.

„Wir sind Feuer und Flamme – für den Stadtlohner Karneval

Wir sind Feuer und Flamme – für den Stadtlohner Karneval

Seit Jahren dabei – im Stadtlohner Karneval

Wir tanzen und singen – hier im Stadtlohner Karneval
Vor vielen Jahren schon, wurden wir infiziert
Am Rosenmontag klar – zum Umzug hinstolziert
Wie´s Mutter und Vater taten
So wollen wir auch durchstarten“

Es geht um den Spaß

Text und Melodie stammen aus Dirk Schlattmanns Feder. „Feuer und Flamme“ war auch das Motto des Wagens, mit dem Dirk Schlattmann mit Freunden, Stammtischkollegen, Familie und Nachbarn am Rosenmontagszug teilnahm. „Ich habe alle Register gezogen. Das Video ging durch die Decke“, sagt er. „Als wir zum Zug kamen, konnten wir es schon überall hören. Viele konnten schon mitsingen.“ Ohne Youtube wäre das gar nicht möglich gewesen. Kommerzielle Interessen, so sagt Dirk Schlattmann, habe er mit seinen Karnevalsliedern nicht. „Es ist bewegend, wenn so viele Leute die Lieder mögen und mitsingen. Es macht einfach Spaß. Darum geht es.“

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