Dürresommer schmälern die Ernte und lassen Landwirte neue Wege suchen

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Die Ernte hat erneut unter einem Dürresommer gelitten. Aber nicht allein Wetter und Klima machen den Landwirten zu schaffen. Schweinepest, Tierwohl und Glyphosatverbot fordern die Bauern heraus.

Stadtlohn

, 23.09.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf der Terrasse des fast 100 Jahre alten Bauernhauses auf dem Hof Große Liesner in der Stadtlohner Bauerschaft Almsick hält die Spitze des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes am sonnig-warmen ersten Herbsttag Erntebilanz. In der Ferne zieht ein Traktor den Grubber über den abgeernteten Acker. Die mächtige Staubwolke, die er aufwirbelt, sagt mehr als viele Worte. Es fehlt das Wasser.

Regen fehlt schon im dritten Jahr in Folge

„Zum dritten Mal in Folge war der Sommer viel zu trocken. Die Ernte war deshalb unterdurchschnittlich“, so fasst Ludger Schulze Beiering, der Kreisverbandsvorsitzende des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), die Erntebilanz zusammen.

Katastrophal aber war sie nicht. Kreislandwirt Heinrich Emming weist auf regionale Unterschiede hin: „Im Nordkreis hat es mehr geregnet, im Südkreis war es deutlich trockener.“ So gab es bei der Getreideernte extreme Unterschiede. Heinrich Große Liesner ist mit einem blauen Auge davon gekommen. „Ich ernte sonst im Schnitt acht Tonnen Getreide pro Hektar, in diesem Jahr waren es sieben.“

Hof mit Jahrhunderte alter Tradition

Fast 100 Jahre alt ist das stolze Backsteinhaus der Große Liesners. Über 1000 Jahre schon sind die alten Eschböden der Familie durch Plaggendüngung gewachsen, „1 Millimeter pro Jahr, 1,20 Meter seit der Kaiserkrönung Karls des Großen“, sagt Heinrich Große Liesner und lacht. „Unsere Familie ist eine der älteren in Westfalen“, fügt er hinzu. Vor über 500 Jahren wurde der Name erstmals urkundlich erwähnt.

Über viele Jahrhunderte wirtschafteten die Große Liesners nach überlieferter Art. In den letzten 50 Jahren hat sich mit der Intensivierung der Ackerbaus vieles von Grund auf geändert. „Und der Wandel geht immer schneller voran, es gibt so viele Baustellen“, sagt Heinrich Große Liesner. Damit meint er nicht allein die sich häufenden Dürresommer. Nitratdebatte, die Afrikanische Schweinepest (ASP), Tierwohl, Glyphosatverbot und gesellschaftliche Akzeptanz halten die Landwirte in Atem.

„100.000 Euro Wertverlust ist kein Pappenstiel“

Allein die ASP-Wildschweininfektion in Brandenburg hat dramatische Auswirkungen auf die knapp 1400 Schweinehalter im Kreis Borken. „Nach dem Preisverfall sind meine Schweine plötzlich 100.000 Euro weniger wert als vorher. Das ist für einen Familienbetrieb kein Pappenstiel“, sagt Heinrich Große Liesner, der in seinem Stall 1500 Schweine mästet.

Doch er und seine zwei Berufskollegen am Terrassentisch blicken doch mit Zuversicht in die Zukunft. „Es gibt viele Unsicherheiten. Ich kann jetzt noch nicht abschätzen, wie es weitergeht. Wir wollen aber nicht nach dem Staat schreien“, sagt Lugder Schulze Beiering. „Lebensmitteleinzelhandel, Kunden, Gesellschaft, Landwirte, Staat – wir kommen da nur gemeinsam durch. Wir müssen alle aufeinander zugehen.“

Landwirtschaft zeigt Veränderungswillen

Dabei zeigen die Landwirte durchaus Selbstkritik und Veränderungswillen. Ludger Schulze Beiering sagt: „Nach allen Protesten gegen die verschärfte Düngemittelverordnung müssen wir selbstkritisch sagen: Auch mit der neuen Verordnung können wir Landwirtschaft betreiben.“

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Und Heinrich Große Liesner sucht neue Wege im regenerativen Landbau. Flächenrotte, Bodenbelebung und der Verzicht auf den Pflug können langfristig den Chemieeinsatz in der Landwirtschaft verringern und die Wasserhaltefähigkeit der Böden verbessern. Der Almsicker Landwirt mag die Herausforderung. „Es macht Freude, für eine Verbesserung des Bodens zu arbeiten“, sagt er. Und Ludger Schulze Beiering speist seine Zuversicht für die Landwirtschaft aus einer simplen Erkenntnis: „Gegessen wird immer.“

Überblick: Die Ernte im Kreis Borken

Gerstenähren in der Sonne

Gerstenähren in der Sonne © picture alliance/dpa

Gerste: Das Ertragsniveau in Richtung Bocholt lag bei nur 3 bis 4 Tonnen je Hektar. Auf den schwereren Böden in Schöppingen hingegen wurden noch 8,5 Tonnen je Hektar eingefahren.

Weizen

Weizen © picture alliance / dpa

Weizen: Für den Weizen kam der Regen im Juni noch rechtzeitig. Auf besseren Standorten waren Erträge von 9 bis 10,5 Hektar möglich. Isselburger Landwirte erreichten kaum 6 Tonnen je Hektar.

Roggenähre

Roggenähre © picture-alliance/ dpa

Roggen und Triticale: Diese beide Getreidesorten kommen mit der Trockenheit besser zurecht als Weizen. „Die Roggenanbaufläche im Kreis hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt“, sagt Heinrich Emming. Der Roggen konnte mit 6 bis 7,5 Tonnen das Vorjahresniveau halten. Die Triticale-Ernte fiel etwas schwächer aus.

Grasernte

Grasernte © picture alliance / dpa

Grünland: Die Grasernte war schlecht. Stellenweise konnte nur die Hälfte des üblichen Ertrags eingefahren werden. Emming: „Der erste Schnitt war noch gut, der dritte, vierte und fünfte aber fiel oft komplett aus.“ Das sei ein schwerer Schlag für die Milchviehbetriebe. „Die Futterreserven sind im dritten Dürrejahr komplett auf. Die Betriebe müssen das Futter jetzt teuer zukaufen.“

Die Maisernte (hier in Sabstätte) ist zurzeit in vollem Gange.

Die Maisernte (hier in Sabstätte) ist zurzeit in vollem Gange. © Stefan Grothues

Mais: „Von der Maisernte bin ich positiv überrascht“, sagt Heinrich Emming. „Da hatte ich Schlimmeres befürchtet.“ Vielerorts vor allem im Nordkreis werden von der jetzt laufenden Maisernte zufriedenstellende Erträge erwartet. Im südwestlichen Kreisgebiet sind aber fast alle Maisflächen deutlich von der Trockenheit betroffen.

Zuckerrüben

Zuckerrüben © picture alliance/dpa

Zuckerrübe: Die Zuckerrübe erlebt nach Einschätzung Ludger Schulze Beierings eine „Renaissance“, weil sie in der Lage ist, auch längere Trockenperioden zu überleben. Die Ernte steht noch aus. Derzeit ist nach Einschätzung der Kreisstelle Borken der Landwirtschaftskammer „mit hohen Zuckergehalten bei eher unterdurchschnittlichen Erträgen“ zu rechnen. Viele Anbauer hoffen jetzt noch auf regenreiche Septembertage und weiteren Massenzuwuchs vor der Rodung.

Kartoffelernte

Kartoffelernte © picture alliance/dpa

Kartoffeln: Der Kartoffelanbau ist besonders häufig im Südkreis anzutreffen. Künstlich beregnete Flächen versprechen laut Kreisstelle Borken einen „gut durchschnittlichen“ Ertrag, unberegnete Flächen eine unterdurchschnittliche Ernte.

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