Wirtschaftswege haben viele Funktionen. Neben dem landwirtschaftlichen Verkehr dienen sie auch vielen Freizeitzwecken, Radausflüglern und Reitern zum Beispiel wie hier in Almsick. © Stefan Grothues
Wirtschaftswege

Ein Masterplan für Wirtschaftswege, falsche Trassen und eine Entschuldigung

Würde man alle Stadtlohner Wirtschaftswege aneinanderreihen, würden sie bis Frankfurt oder Hamburg reichen. Für die Pflege gibt es jetzt einen Leitfaden. Übers Geld muss noch geredet werden.

Das war eine Mammutaufgabe, die Christoph Hessel buchstäblich durch Wald und Flur führte. Der Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer NRW, Kreisstelle Coesfeld, hat als Projektleiter und Moderator im Auftrag der Stadt Stadtlohn sämtliche Wirtschafts- und Waldwege in Stadtlohn in Augenschein genommen und bewertet. In der jüngsten Sitzung des Wirtschaftsförderungs-, Infrastruktur- und Stadtentwicklungsausschusses hat er seine Ergebnisse vorgestellt.

Rund 300 Kilometer lang ist das Stadtlohner Wegenetz, das Äcker, Felder und Wälder erschließt und für Höfe und Siedlungen im Außenbereich wichtige Verbindungsfunktionen übernimmt. Aneinandergereiht würde die Wegstrecke bis nach Frankfurt, Hamburg oder Brügge reichen.

Welche Verbindungen sind wichtig – und welche nicht?

Die Instandhaltung ist eine Herkulesaufgabe. Welche Verbindungen sind wirklich wichtig? Welche Wege müssen besser gepflegt werden? Wo gibt es Gefahrenstellen, beispielsweise für Radfahrer gefährliche Kanten an den Seitenstreifen? Und welche Wegeverbindungen werden gar nicht mehr genutzt?

300 Kilometer Stadlohner Wirtschafts- und Waldwege hat Christoph Hessel von der Landwirtschaftskammer in den Blick genommen. Sein Ländliches Wegekonzept soll Grundlage für weitere politische Entscheidungen über die Instandhaltung des Wegenetzes sein.
300 Kilometer Stadlohner Wirtschafts- und Waldwege hat Christoph Hessel von der Landwirtschaftskammer in den Blick genommen. Sein Ländliches Wegekonzept soll Grundlage für weitere politische Entscheidungen über die Instandhaltung des Wegenetzes sein. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Diesen Fragen ist Christoph Hessel seit Herbst 2018 nachgegangen. „Ich habe dabei mit allen Beteiligten und vielen Bürgern gesprochen“, erklärte Christoph Hessel im Ausschuss. Allerdings: Die geplante öffentliche Abschlussveranstaltung fiel der Corona-Pandemie zum Opfer.

80 Seiten sind eine Fundgrube für Pättkesfahrer und Spaziergänger

Das 80 Seiten starke „Ländliche Wegenetzkonzept“ mit vielen Bildern und einer detailreichen Übersichtskarte ist aber auf der Internetseite der Stadt Stadtlohn zu finden. Das Werk mit 950 gesondert betrachteten Wegabschnitten gibt nicht nur Anliegern und Nutzern Einblicke in die Einstufung, Handlungsempfehlungen und Priorisierungen der Instandhaltung.

Zugleich ist das Konzept auch eine wahre Fundgrube für Radfahrer, Spaziergänger und Heimatfreunde: Reine Fuß-, Reit- und Wanderwege (10 Kilometer) sind ebenso gesondert ausgewiesen wie Wegsäume mit hoher ökologischer Vielfalt oder zugewachsene und weitgehend ungenutzte Wege (50 Kilometer), die heute wertvolle Lebensräume für Tier- und Pflanzenvielfalt bieten.

Rechtsunsicherheit: Ein Drittel der Wege liegt „falsch“

Ein weiteres interessantes Detail hob Christoph Hessel noch hervor: 95 Kilometer, also fast ein Drittel der Wegestrecken, liegt nicht auf den dafür vorgesehenen Trassen. Hessel: „In den ländlichen Bereichen Hengeler, Almsick, Estern und Büren sind teilweise große Abweichungen zwischen Wegeverlauf und kommunalem Eigentumskataster feststellbar.“ Das heißt: Die Wege verlaufen über Privatgrund, während die eigentlich vorgesehenen Wegstrecken landwirtschaftlich genutzt werden. Hessel: „Daraus ergibt sich eine Rechtsunsicherheit. Eine einfache Lösung gibt es für dieses Problem nicht.“

Diese Ist-Erfassung der Wege wurde mit einer Projektgruppe aus Vertretern der örtlichen Land- und Forstwirtschaft, der Vereine, des Tourismus, des Naturschutzes und der Politik diskutiert. Daraus entwickelte Christoph Hessel ein Soll-Konzept mit Handlungsempfehlungen für jeden Wegabschnitt.

Vor einem Jahr wurde das Wirtschaftswegekonzept durch die Bezirksregierung Münster anerkannt. Das ist wichtig für die mögliche Inanspruchnahme von Fördermitteln für die Instandhaltung des Wegenetzes.

Konzept ist eine unverbindliche Handlungsempfehlung

„Das Konzept ist für den Rat nicht verbindlich, sondern nur eine Handlungsempfehlung und ein Leitfaden“, betonte Christoph Hessel. Entscheidend ist nun die Frage, wie viel Geld die Stadt jährlich für die Instandhaltung des Wegenetzes bereitstellen soll. Darüber hatten sich die Fraktionen im März im Stadtentwicklungsausschuss noch nicht einigen können. Eine Fachgruppe wird sich nun auf Grundlage des Wegekonzepts mit dieser Frage auseinandersetzen.

Der Stadtentwicklungsausschuss verzichtete in seiner jüngsten Sitzung auf eine Abstimmung über das Konzept. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Otger Harks hatte die Abstimmung verhindert. „Es gibt massive Differenzen und ärgerliche Fehler in dem Konzept. Die müssen erst ausgeräumt werden“, kritisierte Harks in der Sitzung.

Entschuldigung für irrtümlichen Vorwurf

Nach einem zwischenzeitlich erfolgten Gespräch mit Christoph Hessel hat Otger Harks seine Einschätzung zurückgezogen und sich entschuldigt. „Beim Vergleich der Wegekategorisierung mit der Kartendarstellung ist mir ein systematischer Fehler unterlaufen, den ich sehr bedauere“, erklärte Otger Harks gegenüber unserer Redaktion.

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Stefan Grothues

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