Die Anzeichen, dass ein Stadtlohner seinem Leben eine Wende geben kann, waren erkennbar. Doch Drogen- und Spielsucht führten immer wieder zu Betrügereien. Der Richter sah wenig Spielraum.

Stadtlohn

, 06.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Sie sind nicht der Typ, den ich erwartet hatte.“ Trotz des durchaus positiven und klaren Auftretens wurde ein 35-jähriger Stadtlohner nun zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Die Summe an Vergehen, die dieser auf dem Kerbholz hatte, war einfach zu erdrückend, um dem Familienvater noch eine Bewährungsstrafe zuzugestehen.

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„Bei ihrer letzten Verurteilung hatte der Richter ihnen schon eine allerletzte Chance zugestanden. Das kann ich nun nicht mehr“, so der Richter, der in seinem Urteil dennoch deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft geblieben war. Zur Last legte er dem Angeklagten auch einschlägige Vorstrafen – unter anderem wegen Betruges und wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, woraus bereits zwei Bewährungsstrafen resultierten.

Lange Palette an Anklagepunkten

Die Liste an Anklagepunkten war enorm: In sieben Fällen hatte sich der 35-Jährige von Sommer 2019 bis ins Frühjahr 2020 des gewerbsmäßigen Betruges in besonders schwerem Fall schuldig gemacht. Immer wieder bot er über Online-Portale unter falschem Namen iPads und Spielekonsolen an – in dem Wissen, diese gar nicht ausliefern zu können. Die Einnahmen behielt er dennoch ein. Mit diesen finanzierte seine Drogen- und Spielsucht. In gleich 19 Fällen machte er sich um den Jahreswechsel 2019 auf 2020 zudem strafbar wegen des unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln.

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Diese Taten gab der Stadtlohner auch uneingeschränkt zu. Seit dem 18. Lebensjahr konsumiere er Cannabis in „nicht unerheblichen Mengen“, hinzu sei die Spielsucht gekommen. „Ich bin da in einen Kreislauf hineingeraten, aus dem ich nicht mehr herausgekommen bin“, erklärte er. Irgendwann sei es „nur noch bergab“ gegangen: „Ich musste rauchen, ich musste spielen.“

Seit drei Monate endlich „clean“

Seit drei Monaten und mit neuer beruflicher Perspektive sei er nun „clean“, was ein aktuelles Drogenscreening auch belege. Auch spielen tue er nicht mehr, seine Frau sei nun auch in alles eingeweiht: „Sie hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt, es steht nun zu viel auf dem Spiel.“ Er bemühe sich um eine ambulante Drogentherapie, auch wolle er die Spielsucht nun mit professioneller Hilfe angehen. „Lieber werfe ich zwei Euro in die Spardose meiner Kinder denn in einen Automaten.“ Ein anstehendes Praktikum ab Dezember eröffne nun eine neue Perspektive auf dem Weg zu einer festen Arbeit.

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Diesen Willen, dem Leben eine Wende zu geben, erkannte die Bewährungshelferin nur bedingt an. Die Kontakthaltung habe sich als „sehr schwierig“ gestaltet, die massive Drogenproblematik sei erst „spät offengelegt“ worden. Auch die nicht unerheblichen Geldauflagen im Zuge der laufenden Bewährungsstrafen seien erst in den vergangenen drei Monaten in kleinen Raten abgegolten worden, auch warteten bisher Geschädigte noch auf ihren Wertersatz.

Kaum Belege für eine günstige Sozialprognose

„Insgesamt habe ich nichts in der Hand, was eine Sozialprognose begünstigt“, gab sie an. Das erste Drogenscreening sei wenig aussagefähig, die Drogensucht noch zu präsent: „Unter diesen Umständen muss man zu der Frage kommen, ob eine ambulante Therapie noch Sinn macht.“

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Keine gute Prognose erkannte auch die Staatsanwältin, die beim Betrug den Sachverhalt der eigennützigen Handlung zur Schaffung von Umsatz als gegeben sah, obwohl diese allein zur Finanzierung der Drogensucht diente. Folglich seien die Betrugshandlungen gewerbsmäßig erfolgt. In Summe stellte sie den Antrag auf eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten.

Die Verteidigung erkannte ebenso den Bericht der Bewährungshelferin an, sie erinnerte aber daran, wie wichtig die aktuelle berufliche Entwicklung für die Zukunft des Angeklagten sei: „Die Einsicht ist da, der Schalter ist umgelegt.“ Eine unabwendbare Freiheitsstrafe sollte noch einmal zur Bewährung ausgesetzt werden.

Trotz letzter Chance immer weitergemacht

Für diese sah der Richter in seiner Urteilsbegründung keine Chance mehr. Geständnis und Einsicht seien anerkennenswert, die Folgen einer Freiheitsstrafe für die Familie zu erahnen. Das alles habe er mit der Ansetzung von Mindeststrafen auch berücksichtigt. Aber: „Wir reden in beiden Fällen nicht von geringen Mengen, sie sind einschlägig vorbestraft und haben sich während zweifach laufender Bewährung wieder strafbar gemacht.“

Dass er nun etwas ändern wolle, sei lobenswert. „Aber sie hatten lange genug Zeit, etwas gegen ihre Suchtproblematik zu tun. Es ist nichts passiert, ich habe nur Absichtserklärungen vorliegen. Sie hatten mehrfach eine letzte Chance und trotzdem weitergemacht.“

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