Einzelhandel trotzt dem Online-Riesen

Weihnachtsgeschäft

Amazon und Co. boomen. 15 Millionen Pakete werden in der Vorweihnachtszeit verschickt – täglich. Das hinterlässt Spuren im Einzelhandel.

Stadtlohn

, 15.12.2017, 18:40 Uhr / Lesedauer: 3 min
Blicken zuversichtlich in die Zukunft: Michael Weitzell mit Ehefrau Waltraud und Sohn Carsten Weitzell zwischen Weißer und Brauner Ware. MLZ-Foto: Grothues

Blicken zuversichtlich in die Zukunft: Michael Weitzell mit Ehefrau Waltraud und Sohn Carsten Weitzell zwischen Weißer und Brauner Ware. MLZ-Foto: Grothues © Stefan Grothues

Über Geschäftsaufgaben und Leerstände wird viel berichtet“, sagt Waltraud Weitzell am Telefon der Münsterland Zeitung. „Schreiben Sie doch mal über ein Fachgeschäft, das nicht aufgibt.“

Einverstanden.

Doch vor dem Interview kommt die ältere Kundin im Elektrofachgeschäft zu ihrem Recht. Seniorchef Michael Weitzell berät sie in aller Ruhe. Zwei Birnchen ihrer Lichterkette sind defekt. „Nein, Sie brauchen keine neue“, sagt Michael Weitzel. Sie müssen beim Ersatz nur auf die richtige Spannung achten.“ Schnell sind die richtigen Ersatzbirnchen gefunden, die Kundin verlässt glücklich das Ladenlokal an der Neustraße.

Hier haben Michael Weitzell und sein Sohn Carsten vor zwölf Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Damals schloss gerade das alteingesessene Elektrogeschäft Lanfer für immer seine Türen. Michael Weitzell war bis dahin im Elektrogroßhandel tätig, sein Sohn Michael hatte eine – wie er selbst sagt – „gute Stelle“ als Elektrotechniker in der Industrie. „Aber wir sahen eine echte Chance für ein neues Elektrofachgeschäft in Stadtlohn“, erinnert sich Geschäftsführer Carsten Weitzell.

Amazon noch kein Thema gewesen

Amazon gab es damals schon. Aber der der Online-Händler war noch eher ein Buchverkäufer denn ein allesverkaufender Riese. War die drohende Konkurrenz aus dem Internet 2005 bei Weitzells Geschäftsgründung schon ein Thema? Carsten Weitzell schüttelt den Kopf. „Nein, die Stimmung im Handel war damals noch eine andere. Was da auf uns zukommen würde, haben wir damals nicht geahnt.“

„In den ersten Jahren gab es noch ein echtes Weihnachtsgeschäft bei Mixern, Dampfbügelstationen und anderen Elektrokleingeräten“, berichtet Waltraud Weitzell. „Da war hier an den Adventssamstagen richtig was los.“ Die Zeiten seien aber vorbei.

Dafür kommen heute häufiger Kunden die eigentlich gar keine sind. Carsten Weitzell: „Sie lassen sich ausführlich beraten, begutachten die Geräte und werden dann nicht wieder gesehen.“

Carsten Weitzell ahnt auch warum: „Bestellt wird anschließend im Internet. Dort kann günstiger verkauft werden, weil auf Fachpersonal und Beratung verzichtet wird.“

Und die Ahnung wird zur Gewissheit, wenn die Weitzell-Servicetechniker die im Internet gekauften Geräte anschließen sollen. „Manche Kunden sind da eiskalt“, sagt Carsten Weitzell. Dennoch: Er und seine Mitarbeiter erfüllen auch diese Kundenwünsche. „Das ist ja unsere Stärke, dass wir nicht nur verkaufen, sondern einen Rundumservice anbieten“, so der Juniorchef. Vielleicht, so seine Hoffnung, überzeuge dieses Paket am Ende ja auch den ein oder anderen Internetkäufer zur Rückkehr ins Einzelhandelsgeschäft vor Ort.

„Rad lässt sich kaum zurückdrehen“

Nach seiner Überzeugung wird der Onlinehandel in den nächsten Jahren noch weiteres Terrain erobern. „Das Rad lässt sich kaum zurückdrehen.“ Verzweifeln aber lässt ihn das nicht. „Ich bin davon überzeugt, dass die Kunden in einigen Jahren merken werden, was es letztlich bedeutet, nur noch im Internet zu kaufen.“ Die Innenstädte, vor allem in den Kleinstädten, drohten zu veröden. „Und dann gibt es auch keinen Service mehr“, wirft Vater Michael Weitzell ein. Daher ist sich Carsten Weitzell sicher: „Es wird in einigen Jahren bei den Kunden ein Umdenken geben. Sie werden auch andere Dinge schätzen als nur den Preis. Und selbst der, so betont Carsten Weitzell, sei auch im Internet nicht unschlagbar.

Ihrem Optimismus lassen die Weitzells auch Taten folgen. Bislang lag ihr Schwerpunkt auf Weiße Ware, das sind Haushaltsgeräte wie Kühlschränke, Herde und Waschmaschinen. Jetzt haben sie auch Fernseher als Braune Ware zusätzlich ins Sortiment aufgenommen.

Doch die Zuversicht für die Zukunft mögen die Weitzells nicht allein auf den Einzelhandel stützten. Kundendienst, Hausinstallation und Veranstaltungstechnik sind längst weitere wichtige Standbeine des Familienunternehmens, das heute zwölf Mitarbeiter zählt.

Damit machen die Weitzells längst das, was Amazon-Chef Jeff Bezos über die von ihm in Bedrängnis gebrachten Einzelhändler sagt: „Sie werden sich weiterentwickeln, sie werden nicht aufgeben. Wettbewerb löst immer eine Evolution aus. Am Ende entscheiden die Kunden, wo sie kaufen, nicht wir.“

Das sehen Vater und Sohn genauso. Michael Weitzell: „Wir sind nicht zum Sterben verurteilt.“ Carsten Weitzell: „Und wir werden uns nicht verstecken.“

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