Ein Handy ist die Nummer eins auf den Wunschzetteln vieler Kinder. Doch wann ist ein Kind reif dafür? Und wie bereitet man es aufs Internet vor? Wir haben Emily (9) und ihre Mutter gefragt.

Stadtlohn

, 06.12.2018, 12:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das muss doch noch schneller gehen! Emilys Finger huschen routiniert über den Bildschirm des Tablet-PCs. Die Neunjährige aus Stadtlohn steuert mit raschen Bewegungen Jakes Flucht. Der Inspektor und sein Hund sind dem Graffiti-Sprayer dicht auf den Fersen. Jump’n’Run – springen und rennen – darum dreht sich alles in dem Online-Spiel „Subway Surf“, das Emily gerade in Atem hält.

Emily macht einen Führerschein fürs Internet

Emily zeigt ihrer Mutter Wera Tenbrock auf dem Tabletbildschirm, wie Graffiti-Sprayer Jake in einer furiosen Jagd dem Aufseher entkommt. © Stefan Grothues

Doch dann erwischt der Inspektor den flinken Jake doch. Und Emily hat Zeit zu erzählen, was ihr in der digitalen Welt sonst noch Spaß macht: Musikhören, Blitzrechnen mit den Mathepiraten, das Bücherquiz mit Antolin, Hörspiele, Kästchenmalen ...

83 Prozent der 10- bis 13-Jährigen haben ein eigenes Smartphone

Das Internet bietet unzählige Möglichkeiten des Spielens und Lernens. Kein Wunder, dass Tablets und Smartphones auf den Wunschlisten der Sechs- bis Neunjährigen eindeutig an der Spitze stehen. Das ist das Ergebnis der bundesweiten Kinder-Medien-Studie 2018, die sechs große Verlagshäuser in Auftrag gegeben haben. Fast 6000 Kinder und Jugendliche wurden befragt. Jeder zweite in dieser Altersgruppe wünscht sich ein Smartphone, jeder dritte ein iPad oder ein anderes Tablet. Und es wären noch mehr, wenn nicht der Wunsch für viele längst wahr geworden wäre. Über 35 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen haben bereits ein Handy oder Smartphone. Über 10 Prozent in dieser Altersgruppe sind stolze Besitzer eines Computers, Laptops oder Tablets. Bei den 10- bis 13-Jährigen haben sogar schon fast 83 Prozent ein eigenes Smartphone.

Emily macht einen Führerschein fürs Internet

Informationen, Lernen, Spiele – Internet-Apps bieten Kindern viele Möglichkeiten. © Stefan Grothues

Emily hat noch keines. „In meiner Klasse haben schon einige ein Handy – auch mit Whatsapp“, erzählt die Drittklässlerin. „Ich hätte auch gerne eins“, fügt sie hinzu und schaut ein wenig sehnsüchtig ihre Mutter an. Aber Emily weiß, dass sie sich noch etwas gedulden muss: „Bis ich in die fünfte Klasse komme.“ Sie trägt es mit Fassung. Dafür gibt es drei Gründe.

  • Erstens: „Meine beste Freundin bekommt erst mit 13 ein eigenes Smartphone“, sagt Emily.
  • Zweitens: Emily hat viele Hobbys abseits des Bildschirms. Ihr fallen zuerst Playmobil, Malen, Weben, Lego Friends, Lesen ein. Leichtathletik und Reiten gehören auch dazu. „Und im Garten habe ich eine Hütte, da habe ich im Sommer ganz oft mit meiner besten Freundin gespielt.“
  • Drittens wird das Warten auf ein eigenes Smartphone dadurch erleichtert, dass Emily ein eigenes Passwort für das Familien-Tablet hat.

Doch die Internetnutzung ist wie die Fernsehzeit streng reglementiert. Darauf legen Emilys Eltern großen Wert. „Tagsüber bleiben der Fernseher und der Computer aus“, sagt Mutter Wera Tenbrock (43). Abends darf Emily eine halbe Stunde fernsehen. Ihre Lieblingssendungen: Wissen macht Ah!, die Kindernachrichten Logo!, die Detektivgeschichten TKKG und die Sportmacher. Oder Emily darf mit dem Familien-iPad spielen.

1984 erreichte die erste Internet-Nachricht Deutschland

Rückblende ins Jahr 1984: Damals war Wera Tenbrock neun Jahre alt, so alt wie Emily heute ist. Sie erinnert sich lachend: „Ich glaube, unser Telefon zuhause hatte noch eine Wählscheibe. Und im Fernsehen gab es nur drei Programme. Ich habe mich immer besonders auf die Sendung mit der Maus gefreut, auf Löwenzahn und auf Tom & Jerry. Meistens aber habe ich draußen gespielt.“ 1984 war aber auch das Jahr, in dem nicht nur das Privatfernsehen auf Sendung ging. Vor 34 Jahren wurde auch die erste elektronische Nachricht per Internet aus den USA an die Universität in Karlsruhe gesendet: die Geburtsstunde des Internets in Deutschland. Doch das Internet sollte noch für einige Jahre nur in den Köpfen einiger Wissenschaftler eine Rolle spielen.

Die große digitale Pinnwand

Heute ist das Netz allgegenwärtig. Und aufgeweckte Kinder können es sogar schon erklären. Die belesene Emily hat spontan einen Vergleich parat: „Das Internet ist wie eine riesige Pinnwand. Da kann man Nachrichten dranheften oder Fotos oder Geschichten oder Ausmalbilder, sogar Musik und Filme und alles Mögliche. Es haben schon ganz viele Leute Sachen an die Pinnwand geheftet. Darum findet man auf viele Fragen eine Antwort im Internet. Es verbindet alle Computer und Handys miteinander.“ Diesen Vergleich zitiert Emily aus einem ihrer Lieblingsbücher: „Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat“ von Marc-Uwe Kling.

Kinder dürfen nicht in der digitalen Welt versinken

Die Reglementierung der Internetnutzung ihrer Tochter hat für Wera Tenbrock nichts mit grundsätzlichen Vorbehalten gegenüber der digitalen Welt zu tun. Im Gegenteil. „Das Internet öffnet uns die Türen zu einem riesigen Wissensschatz – wie eine riesengroße Bibliothek“, sagt auch Wera Tenbrock. Aber die digitale Welt sollte ihrer Ansicht nach nicht zuviel Raum im Leben der Kinder einnehmen.

Emily macht einen Führerschein fürs Internet

Smartphones üben auf Kinder eine große Faszination aus. © picture alliance/dpa

„Viele Kinder bekommen schon zur Kinderkommunion ein Handy. Ich finde, das ist noch etwas früh. Der Übergang zur weiterführenden Schule ist ein guter Zeitpunkt. Die Kinder sind reifer und es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Und die Rechtsanwältin sagt auch: „Das Internet bietet viele Chancen, wenn man weiß, wie man mit den Gefahren und dem Schutz seiner persönlichen Daten umzugehen hat. Ich selbst bin ziemlich pingelig, wenn es darum geht, Fotos von Kindern auf Facebook oder Whatsapp zu veröffentlichen.“

Emily macht einen Surfschein fürs Internet

Aber Wera Tenbrock weiß, dass sie in den nächsten Jahren nach und nach immer mehr Kontrolle abgeben und durch Vertrauen ersetzen muss. „Chatten und Surfen gehört ja heute zur Jugend ganz selbstverständlich dazu“, sagt sie. Auf dem Weg in die digitale Eigenständigkeit ihrer Tochter Emily kam ihr ein Angebot des Jugend- und Familienbildungswerks Stadtlohn gerade recht. In der Münsterland Zeitung entdeckte sie die Ankündigung eines „Surfkurses“ fürs Internet. An vier Samstagmorgenden lernt Emily nun mit ihrer besten Freundin und sechs weiteren Kindern im Alter von acht bis elf Jahren im Computerraum der Herta-Lebenstein-Realschule die Chancen und die Tücken des Internets spielerisch kennen. „Wir haben schon verschiedene Suchmaschinen für Kinder kennengelernt, ,Blinde Kuh‘ und ,Helles Köpfchen‘. Beim letzten Mal haben wir über die Gefahren gesprochen, zum Beispiel über Leute, die einem im Internet Angst machen wollen.“ Emily fühlt sich nun gewappnet. Sie blättert in ihrer Kursmappe und liest die Tipps des Eichhörnchens Flizzy vor:

  • Erstens: Ich glaube nicht alles, was ich im Internet lese.
  • Zweitens: Im Internet ist nicht jeder der, für den er sich ausgibt.
  • Drittens: Wenn mir eine Person im Internet komisch vorkommt, breche ich den Kontakt sofort ab.
  • Viertens: Ich treffe mich niemals mit jemandem, den ich nur aus dem Internet kenne.
  • Fünftens: Ich öffne keine E-Mails und E-Mail-Anhänge von Fremden.
  • Sechstens: Kettenbriefe lösche ich sofort.
  • Siebtens: Adresse und Handynummer gebe ich im Internet nur zusammen mit meinen Eltern an.

Emily ist begeistert von dem Kurs. Nicht nur, weil sie wissbegierig ist und das Thema Internet hochspannend ist. „Wir dürfen am Ende jeder Stunde auch an den PCs spielen“, sagt sie und ihre Augen strahlen. Ursula Wessels hört das gerne. „Der Kurs soll Spaß machen. Mit Entdeckerfreude und Quiz-Ehrgeiz nehmen die Kinder viel mehr auf.“ Auch den Eltern will die Expertin nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, obwohl manche von ihnen in Sachen Virenschutz, Whatsapp und AGB nicht immer auf dem Laufenden seien.

Bauchgefühl und Wachsamkeit

Die 50-Jährige gibt schon seit mehr als 25 Jahren beim JFB nebenberuflich Computerkurse. 2010 bildete sie sich bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) in Köln zur medienpädagogischen Fachkraft weiter. Bei ihrem Surfschein-Seminar hat sie einen besonderen Experten an ihrer Seite: den zwölfjährige Noah, einen ihrer zwei Söhne, mit dem sie sich im Kurs die Bälle zuwirft.

Emily macht einen Führerschein fürs Internet

Surfschein fürs Internet: Ursula Wessels macht Kinder fit für Smartphone und PC. Ihr Sohn Noah (12) assistiert ihr dabei. © Stefan Grothues

„Noah ist noch näher an den Kindern dran, die Grundschüler hören ihm ganz anders zu als mir.“ Den Eltern will Ursula Wessels entspannte Aufmerksamkeit mit auf den Weg geben. „Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl“, lautet einer ihrer Ratschläge. Und ein zweiter: „Reden Sie mit anderen Eltern über das Thema!“ Dann sei nämlich schnell festzustellen, ob es stimmt, was das Kind zuhause erzählt: „Alle anderen Kinder in meiner Klasse haben längst ein Handy – nur ich nicht.“

Mit den Kindern das Gespräch suchen

Wann ist denn aus Sicht der Expertin das Kind alt genug für ein eigenes Handy? „Feste Regeln gibt es nicht. Jedes Kind ist anders. Aus meiner Sicht haben Kinder ab der fünften Klasse ein gutes Alter fürs eigene Handy“, sagt Ursula Wessels. Das war übrigens auch Mehrheitsmeinung bei einer Eltern-Onlineumfrage des Vereins Internet-ABC.

Noch wichtiger als die Frage nach dem Mindestalter ist für Ursula Wessels die Goldene Eltern-Regel nach dem Smartphone-Kauf: „Zeigen Sie Interesse an dem, was ihr Kind mit dem Smartphone macht! Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber! Die Kinder sind stolz wie Bolle, wenn sie merken, dass sie die Spiele besser beherrschen als ihre Eltern.“ Im vertrauensvollen Gespräch sei es dann auch leichter, Nutzungsregeln und zeitliche Begrenzungen mit den Kindern fest zu vereinbaren. „Verteufeln macht keinen Sinn. Die Kinder haben keine Chance, an den Medien vorbei zu kommen.“

Warum auch? Emily freut sich schon drauf. Und bis es soweit ist, wird sie ihre Mutter auf dem Familien-iPad noch manches Mal beim Subwaysurfen abgehängt haben.

Infos und Termine

  • Der nächste Surfscheinkurs soll im Februar 2019 starten. Nähere Infos hierzu gibt es beim Jugend- und Familienbildungswerk Stadtlohn unter Tel. (02563) 96 97 13.
  • Die Idee des Surfscheins für Internet basiert auf dem Angebot des Vereins Internet-ABC. Dem gemeinnützigen Verein gehören alle Landesmedienanstalten an.
  • Ziel der Vereinsarbeit ist es, Kinder und Erwachsene beim Erwerb und der Vermittlung von Internetkompetenz zu unterstützen. Auf der Internetseite Internet-ABC gibt es viele hilfreiche Tipps für Kinder, Lehrer und Eltern.
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