Familie Demes bäiert hoch über den Dächern der Stadt

Glocken im Gleichklang

Es zieht - und riecht nach Geschichte. Auf rund 25 Quadratmetern steht eine kleine Bank hoch "über den Dächern der Stadt", darüber hängen zwei Seile. Von hier oben lässt Familie Demes seit fünf Generationen die Glocken klingen.

STADTLOHN

, 31.12.2016, 07:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Kette endet an einem Pedal. "Es kann losgehen", erklärt Hermann Demes, der soeben die Klöppel in die Glocken - eine Etage über ihm im sogenannten Glockenstuhl - eingehängt hat.

"Jetzt ist Weihnachten!" Wenn im Turm der St.-Otger-Kirche gebaiert - oder besser gebäiert - wird, dann stellt sich an Heiligabend nicht nur im Ortskern eine wohlige Ruhe ein - der morgendliche Stress scheint nie da gewesen. Dafür verantwortlich ist die Familie Demes: Die Brüder Hermann und Wilhelm Demes führen dieses Werk bereits in fünfter Generation aus - die Söhne Andre und Marvin sind ebenfalls bereits "infiziert". "Wir konnten uns ja auch kaum wehren", schmunzelt Andre Demes (28). Diese Tradition müsse weiterleben. Punkt 13 Uhr erklingen traditionell die ersten Glockentöne: "Der Grundrhythmus ist immer gleich. Man kommt rasch wieder rein", so Vater Hermann.

Vier Mann - vier Paosen

In Stadtlohn spielt der "Bäiermann" mit drei Glocken in vier sogenannten "Paosen": Hermann Demes beginnt mit der kleinen Glocke, dann folgt die mittlere, danach wieder die kleine und die große - und zuletzt alle drei in der Abfolge 3-2-3-1. Dadurch entsteht eine eigentümliche, schnell wechselnde Tonfolge ähnlich wie bei einem Glockenspiel. Es ist ein Hobby, das allein von der Praxis lebt. Immer öffentlich. In der Kirche oder gar zuhause proben - undenkbar. "Das ist aber wie Radfahren. Man verlernt es nicht mehr", berichtet Marvin Demes (25). Die theoretische Anleitung ist schnell verinnerlicht, die Zwischenspiele kämen "von ganz allein", ergänzt Vater Wilhelm.

13.10 Uhr, Hermann Demes beendet die erste Paose. Er reibt sich die Hände - und schränkt gleich ein: "Zum Glück ist es heute nicht ganz so kalt." Vater Wilhelm wählte ein ganz eigenes Mittel, um sich "aufzuwärmen". Ein kleines, staubiges Kornfläschchen zeugt heute noch davon - auf rund 55 Metern Höhe (Foto) über dem Meeresspiegel. "Der kleine Schluck in Ehren gehörte seinerzeit zum Ritual dazu", lässt Hermann Demes durchblicken.

Zeitgleich ertönt "Kling, Glöckchen, klingelingeling…": Die Turmbläser der Husaren unterstützen die Bäiermänner seit einigen Jahren an Heiligabend. "Ein besonderer Wunsch unseres ehemaligen Pfarrers Jürgens", berichtet Hermann Demes. "Süßer die Glocken, die klingen" und "Alle Jahre wieder" fügen sich harmonisch in die Thematik des Tages ein.

Glocken murmeln

Die Musiker tragen Gehörschutz - ebenso wie die Bäiermänner. Es ist nicht nur zugig, sondern auch laut. Die drei Glocken lassen den gesamten Turm vibrieren. Spürbar auch im Dach über den Glocken, wo das Uhrwerk das Bäiern im Viertelstundentakt unterstützt. Obwohl: Ursprünglich sprach man beim Bäiern auch vom "Glocken murmeln", weil es nicht ganz so laut ist wie das Läuten und weniger Manneskraft benötigt. Später wurde es dann durch die neuen elektrischen Läutwerke nahezu verdrängt. Wilhelm Demes übernimmt auf dem "Bäierstohl" - und arbeitet wie ein Organist mit Händen und Füßen. Man sieht auch ihm an, dass die zehn Minuten Konzentration erfordern - und durchaus auch Kraft kosten. Im immer gleichen Rhythmus zieht er die Pendel zu den Glocken - mit den Händen und über das Fußpedal. "Beim Bäiern werden die Glocken nicht - wie üblich - schwingend geläutet, sondern die Klöppel in einem vorgefassten Rhythmus gegen die Wände der ruhig hängenden Glocken geschlagen", erklärt Herbert Hörbelt vom Heimatverein währenddessen die eigentliche Charakteristik des Bäierns.

14 Uhr: Andre und Marvin Demes haben im Wechsel mit den Husaren ihre Paosen gespielt - zwischenzeitlich dringt spontaner Applaus von unten nach oben. Es herrscht nun Aufbruchsstimmung. Hermann Demes hängt die Klöppel wieder aus, damit das elektrische Läutwerk wieder ungehindert seinen Dienst verrichten kann. Der Abstieg die enge Wendeltreppe hinunter fällt nun deutlich leichter als der Aufstieg. Für die Musiker geht die Heiligabend-Tournee weiter, um auf Weihnachten einzustimmen.

Die Bäiermänner freuen sich auf den ersten Weihnachtstag und den nächsten Durchgang. Unten angekommen ist es Hermann Demes (Foto), der das elektrische Licht am Turmeingang ausschaltet. Bei all der historischen Mechanik eine echte Errungenschaft. "Wenn man es früher vergessen hatte, das Licht oben auszuschalten, ging es für einen wieder hinauf."

An diesem Tage nicht mehr. Schichtende. Weihnachten - für Familie Demes und alle Stadtlohner.

Zu Silvester/Neujahr, Ostern, Pfingsten und Weihnachten wird in Stadtlohn der Brauch des „Bäierns“ gepflegt. 1934 wurde er mit der Installation eines elektrischen Läutewerkes eingestellt. Im Jahre 1977 wurde das „Bäiern“ auf Initiative des Stadtlohner Heimatvereins wieder eingeführt. Das Amt des Läuteküsters oder „Bäiermanns“ vererbte sich in Stadtlohn seit dem 18. Jahrhundert bis heute in der Familie Demes. Bereits 1739 steht im Sterberegister von St. Otger: „Joan Gerd Deemes ex civitate zeit Lebens gewesener Beyermann“ (gest. 26.5.1738).“
Im 19. und 20. Jahrhundert übten bereits Wilhelm Demes (1860-1930), sein Sohn Hermann Demes (1887-1953) und dessen Sohn Wilhelm Demes (1922-1984) diese Tätigkeit aus (vgl. Wilhelm Elling: Bäiern in Stadtlohn. In: Ulrich Söbbing (Red.): Auf Dein Wort hin – 1200 Jahre Christen in Stadtlohn. Stadtlohn 2000. S. 487-491).
Neben der Familie Demes gab und gibt es in Stadtlohn viele weitere Bäiermänner – teils sogar Verwandtschaft.

Noch einmal bäiern Heimatverein und Familie Demes am Silvestertag ab 13 Uhr in der St-Otger-Kirche.

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