Freund der Tochter des Opfers schmiedete Plan für brutalen Überfall

mlzBrutaler Raub

Es war eine der brutalsten Straftaten in der hiesigen Region in den vergangenen Jahren. Opfer: eine 54-jährige Stadtlohnerin. Als Drahtzieher angeklagt war auch der Freund ihrer Tochter.

Stadtlohn

, 08.05.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Seitenlang liest der Vorsitzende Richter des Ahauser Jugendschöffengerichts den forensischen Bericht der Gerichtsmedizin vor. Fast jede Körperstelle und jedes Gliedmaß einer 54-jährigen Stadtlohnerin wies nach dem Überfall im Mai des vergangenen Jahres Hämatome, Abschürfungen oder - an der Hand und im Halsbereich - Verletzungen durch ein Messer auf.

Die Frau lag nach der Tat wochenlang im Krankenhaus und hat bleibende Schäden behalten. Eine Sehstörung und eine Narbe am Hals wiegen dabei wahrscheinlich nicht einmal so schwer, wie die Ängste, unter denen das Opfer noch heute massiv leidet. Ihr Haus hat die Frau nie wieder betreten, es wurde verkauft.

Die Jugendstrafe...

...ist im deutschen Jugendstrafrecht eine speziell für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre) konzipierte Freiheitsstrafe. Sie darf nur wegen so genannter schädlicher Neigungen oder wegen der besonderen Schwere der Schuld verhängt werden (§ 17 Abs. 2 JGG). Strafzweck der Jugendstrafe ist neben dem Erziehungsgedanken auch die Sühne der Schuld. Die Jugendstrafe darf nach der Rechtsprechung des BGH jedoch nicht auf Erwägungen gestützt werden, dass Abschreckung bewirkt werden solle.

Am Donnerstag mussten sich die beiden Täter vor dem Jugendschöffengericht in Ahaus verantworten. 38.000 Euro haben die heute 18- und 19-Jährigen aus einem Safe im Schlafzimmer des Hauses am Cohaus Esch erbeutet. Sie wurden zu dreieinhalb beziehungsweise drei Jahren Freiheitsstrafe ohne Bewährung nach dem Jugendstrafrecht verurteilt.

Zwei Mal in Haus eingedrungen

Was ist am 16. Mai 2019 in Stadtlohn passiert? Der heute 18-jährige Arbeitslose aus Stadtlohn drang durch ein offenes Kellerfenster in das Haus am Cohaus Esch ein, um aus einem im Haus befindlichen Safe von den Tätern erhoffte 100.000 Euro zu rauben. Die Kenntnis von dem Safe in dem Haus und einer hohen Summe Bargeld darin hatte der Freund einer Tochter der Familie.

Der 19-jährige Mitangeklagte Kurierfahrer aus Herten plante die Tat zusammen mit dem späteren Haupttäter. Der Richter sprach am Donnerstag sogar davon, dass sich der 19-Jährige in dem 18-Jährigen ein „Werkzeug“ gesucht hatte, das die Tat ausführte.

Zweimal drang der ehemalige Förderschüler durch ein von seinem Komplizen geöffnetes Kellerfenster in das Reihenhaus der Stadtlohner Familie ein. Beim ersten Raubversuch einige Tage vor der tatsächlichen Tat saß der Ehemann des späteren Opfers im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Da verlor der Arbeitslose den Mut und er verließ das Haus wieder.

Ein „Butterfly“ ist ein Faltmesser mit zweigeteilten, schwenkbaren Griffen. Ein Sicherungsstift am anderen Ende hält die beiden Griffhälften sowohl im aus- als auch im eingeklappten Zustand zusammen.

Zusammen mit dem Freund der Tochter des Hauses überarbeitete er dann den zuvor geschmiedeten Plan für den Raub. Hatte der 18-Jährige beim ersten Versuch ein Küchenmesser dabei, so organisierte ihm der Kurierfahrer jetzt ein etwa 30 Zentimeter langes Butterfly-Messer für die Tat.

Freund der Tochter lenkte Mann des Opfers ab

Damit der Mann des Opfers bei der Tat nicht im Haus war, lenkte der Kurierfahrer diesen am Tattag ab, indem er ihn bat, mit ihm nach Ahaus zu fahren, um speziellen Tabak und Kohle für die Shisha zu kaufen. Als die beiden gegen 18.15 Uhr am 16. Mai 2019 ins Auto stiegen, erhielt der 18-jährige Haupttäter von seinem Mittäter eine WhatsApp-Nachricht. „Welche Tabaksorte soll ich kaufen?“, so hieß das Go für den Raub, für den der Kurierfahrer zuvor wieder ein Kellerfenster geöffnet hatte.

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Noch auf der Kellertreppe des Reihenhauses wurde der 18-Jährige von der 54-jährigen Stadtlohnerin entdeckt. Der junge Mann stürmte sofort auf die Frau zu, würgte sie und drückte ihr das Messer an die Kehle, berichtete das Opfer im Zeugenstand. In die Küche gedrängt, sah sie dann sogar ihren Mann noch mit dem Mittäter ihres Peinigers durchs Fenster wegfahren.

Unvorstellbares Martyrium

Was für die zierliche Frau dann folgte, war ein unvorstellbares Martyrium. „Ich habe das Messer immer am Hals gehabt“, berichtete die Frau von der Tat, die etwa 30 Minuten dauerte, ihr aber vorkam, als ob es Stunden gedauert hätte. Mit geballter Faust habe der Täter sie mehrfach geschlagen, als sie zu Boden ging wurde sie an den Haaren wieder hochgezogen.

Ziel des 18-Jährigen war das Schlafzimmer der Frau im Obergeschoss. Dort sollte sich der Safe mit dem Geld befinden. „Er wusste genau, wo er hin muss“, sagte das Opfer am Donnerstag. Im Zimmer stieß der Täter die Frau aufs Bett und begann nach dem Safe zu suchen.

„Bei drei bist du tot“

„Er wurde wütend, weil er den Tresor nicht gefunden hat“, berichtete die Frau zitternd. Der 18-Jährige habe sie vom Bett gezogen, gegen die Heizung geworfen und ein Knie in den Bauch gestoßen.

Als die 54-Jährige vor Gericht in Tränen ausbrach, bleib das bei den Angeklagte nicht ohne Reaktionen. Der Haupttäter legte den Kopf auf den Tisch vor sich. Der Kurierfahrer war bei den Schilderungen der Mutter seiner Freundin den Tränen nah, er musste mehrfach seine Brille absetzen und sich durch die Augen reiben.

Weil der 18-Jährige den Safe in der Wohnung nicht finden konnte, spitze sich die Situation zu. Er schlug die Frau mit dem Messergriff und verletzte sie bleibend am Auge. Außerdem hob er das Messer hoch. „Bei drei bist du tot“, drohte er seinem Opfer und wollte wissen, wo der Tresor ist. Um zu verhindern, dass der Mann zustach, griff die Frau geistesgegenwärtig ins Messer, verletzte sich dabei, hielt es aber so fest sie nur konnte.

Mund und Nase zugeklebt

Schließlich fand der Arbeitslose den Safe in einem Schrank hinter Wäsche. Problem: Ihm fehlte der Pincode und die Frau kannte ihn nicht. Das Opfer sollte ihren Mann anrufen und nach dem Code fragen. Da das Handy der Frau im Erdgeschoss lag, drängte der Täter die Frau durchs Treppenhaus, wo die Frau über Deko-Vasen stolperte. An den Haaren zog er die 54-Jährige wieder hoch.

Im Erdgeschoss hagelte es erneut brutale Schläge für die Frau, als der Anruf nicht sofort klappte. „Ich habe Todesangst gehabt“, so die Stadtlohnerin. Mit der von ihrem Ehemann genannten Pin ließ sich der Safe dann aber nicht öffnen. Da brach der Räuber den Safe aus der Wand.

Danach fesselte er die Frau mit Panzerband. Hände und Füße wurden umwickelt und auch Mund und Nase. „Ich habe gedacht, jetzt erstickt er mich“, schilderte die Frau dem Gericht. Als sie versuchte, die Nase frei zu bekommen, schlug der Arbeitslose wieder brutal zu.

Angeklagter: „Nur ein paar Backpfeifen“

Niemand im Gerichtssaal glaubte ihm zu diesem Zeitpunkt noch, dass er der Frau „nur ein paar Backpfeifen gegeben“ hatte, wie der Angeklagte zuvor geschildert hatte. Sein Mittäter beteuerte, nur das sei abgesprochen gewesen.

Als der 18-Jährige sich mit dem Safe beschäftigte, gelang es der Frau, in ein Zimmer zu flüchten und sich einzuschließen. Der Täter flüchtet mit seinem gestohlenen grünen Fahrrad, den Safe unter dem Arm.

Im Schrebergarten des Vaters die Beute geteilt

Im Schrebergarten vom Vater des Arbeitslosen trafen sich die Täter später, als die Polizei noch in Stadtlohn nach den Tätern fahndete, und teilte das Geld auf. Dort fand die Polizei einige Tage später Safe und Panzerband. Im Haus des Vaters stellte die Polizei dann 13.500 Euro vom Anteil des 18-Jährigen sicher. Der berichtete, er habe 15.000 Euro von der Beute erhalten. Er hatte sich für etwa 1500 Euro Schuhe und Kleidung gekauft.

Sein Mittäter, der 19-jährige Kurierfahrer, gab vor Gericht an, er habe von der Beute nur 3000 bis 4000 Euro erhalten. Von den 38.000 Euro Ersparnissen des Opfers fehlen bis heute 24.400 Euro. Das Gericht ging in der Urteilsbegründung davon aus, dass dieser Teil noch im Besitz des 19-Jährigen ist.

„Es war seine Idee. Es war sein Plan, ich habe das umgesetzt“, sagte sein 18-jähriger Mittäter vor Gericht. Den hatte der Kurierfahrer dann nach Meinung des Gerichts auch noch beim Verteilen der Beute betrogen.

Vertrauensmissbrauch sitzt tief

Für das Opfer ist neben den erlittenen Qualen, den Schmerzen, den bleibenden Schäden und dem immer tief sitzenden Schock der Vertrauensmissbrauch durch den Freund ihrer Tochter besonders schlimm. Die Frau hatte dem jungen Mann sogar einen Urlaub mit der Familie bezahlt.

Als der Angeklagte sich bei der 54-Jährigen entschuldigen wollte, brach diese erneut in Tränen aus. „Warum ich, warum musste ich im Haus sein?“, wollte die Frau vom Freund ihrer Tochter wissen. Er habe Gelegenheit genug gehabt, den Safe zu stehlen, sei auch allein im Haus gewesen.

Er sei seit acht Jahren Staatsanwalt. In dieser Zeit habe nur „wenige Zeugen erlebt, die noch so unter der Tat leiden“, sprach der Staatsanwalt von einer „unglaublich brutalen Tat“. Das sei auch nicht als „Blackout“ zu entschuldigen, wie es der Anwalt des Kurierfahrers im Prozess bezeichnet hatte. Die Tat sei „sinnvoll geplant“ und nach dem ersten Scheitern noch nachjustiert worden.

Echte Reue habe er vor Gericht von den Angeklagten nicht gesehen, meinte der Anklagevertreter in seinem Plädoyer. Das Opfer habe Todesängste gehabt. „Die Frau war davon überzeugt, dass sie nicht überlebt“, gab der Staatsanwalt seinen Eindruck von der Tatschilderung durch das 54-jährige Opfer wieder.

Staatsanwalt: Tat ist unfassbar

Und: „Die Tat ist schon ein bisschen unfassbar“. Der Staatsanwalt beantragte vier Jahre und zwei Monate Jugendstrafe für den 18-Jährigen und drei Jahren und neun Monate für den 19-Jährigen.

In ihrem Plädoyer bezeichnete die Anwältin des Arbeitslosen die Tat als „sehr gewalttätig“. Aber: „Das haben sie nicht ansatzweise so gewollt“, sagte die Anwältin. Für ihren Mandanten sah sie eine zweijährige Strafe auf Bewährung nach dem Jugendstrafrecht als angemessen an.

Der Anwalt des 19-jährigen Kurierfahrers sprach von einer „völlig verständlichen Entrüstung nach den Aussagen des Opfers“. Diese müsse beim Urteil aber „vom Erziehungsgedanken des Jugendstrafrechts getrennt“ werden. Der Erziehungsgedanke müsse im Vordergrund stehen.

Anwalt spricht von Niederträchtigkeit

Entsprechend forderte er für seinen Mandanten eine Bewährungsstrafe. Er räumte aber auch die „Niederträchtigkeit“ seines Mandanten gegenüber dem Opfer ein. „Der Gewaltexzess war nicht vorgesehen“, so der Anwalt. Er beantragte eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten. Auch weil dieser sonst als Serbe vom Ausländeramt in Herten ausgewiesen werden.

Dreieinhalb- und drei Jahre lautete im Anschluss das Urteil. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 19-Jährige die Tat initiiert hatte. Der Angeklagte habe „bei der Polizei und auch vor Gericht gelogen“, war der Richter überzeugt. Und: „Es ist unsere Überzeugung, dass sie weiterhin im Besitz der Beute sind.“

Schwer nachvollziehbares Bild vor dem Gericht

Neben der Jugendhaft müssen die Angeklagten 24.400 Euro Wertersatz an das Opfer leisten. Damit nicht genug. Im folgenden zivilrechtlichen Verfahren kommen weitere Forderungen auf die Angeklagten zu: Schmerzensgeld für das Opfer oder für die im Haus entstandenen Schäden.

Ein nur schwer nachvollziehbares Bild bot sich dem Beobachter dann nach dem Prozess vor dem Amtsgericht. Dort stand die Tochter des schwer misshandelten Opfers und empfing den gerade verurteilten 19-jährigen Mittäter und Initiator der Tat.

Angemerkt!

Keine Hilfe für das Opfer

15 Sitzungen bei der Traumaambulanz in Münster hatte das 54-jährige Opfer dieser Straftat. Die Frau hat noch immer große Angst, alleine zu bleiben, besonders am Abend. „Ich schließe immer alles dreimal ab“. Um in den Schlaf zu kommen, sind Schlafmittel erforderlich. Den Versuch, Hilfe durch einen Psychotherapeuten zu bekommen, hat die Stadtlohnerin irgendwann abgebrochen. „Ich bekam immer nur Absagen und habe es irgendwann aufgegeben“, schilderte die Frau vor Gericht. Psychotherapeuten im weiten Umkreis könnten keine neuen Patienten aufnehmen, weil sie ausgelastet oder überlastet seien. Hilfe bietet ihr nun der Hausarzt. Er nimmt sich im Anschluss an seine Praxissprechstunden Zeit für die Stadtlohnerin, führt lange Gespräche mit dem Opfer. Wichtige Gespräche, für die unser Gesundheitssystem eigentlich Fachärzte in ausreichender Zahl bereitstellen müsste. Bernd Schlusemann
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