Gleisstrang im Kreisverkehr soll an die Eisenbahngeschichte erinnern

mlzNordbahn

Das Auto hat der dem Zug in Stadtlohn längst den Rang abgelaufen. Jetzt soll die Erinnerung an die Bahnhistorie einen neuen Platz erhalten – ausgerechnet auf einer Insel im Autoverkehr.

Stadtlohn

, 06.02.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Kreisverkehr in Höhe der Hordtschule soll neu gestaltet werden: Ein Schienenstrang im Schotterbett soll auf der Mittelinsel an die Eisenbahn erinnern, die hier bis 1988 Vredener Straße kreuzte. Außerdem soll der historische Kilometerstein „2“ hier errichtet werden.

Vor 120 Jahren Eisenbahnbau beschlossen

Vor ziemlich genau 120 Jahren, am 4. Februar 1899, wurde in Stadtlohn und Vreden ein Telegramm bejubelt, das nachmittags um vier eintraf: Der Provinzial-Landtag hatte einstimmig den Bau der Nordbahn mit der Abzweigung Stadtlohn -Vreden beschlossen. Die Strecke Borken-Stadtlohn-Ahaus-Burgsteinfurt wurde schon drei Jahres später, am 1. Oktober 1902, eröffnet. In Stadtlohn begann die 9,2 Kilometer lange Stichstrecke nach Vreden. Hier wie dort blühte in der Folgezeit die Wirtschaft auf, zahlreiche neue Arbeitsplätze entstanden.

Rat beschloss Kreisel-Neugestaltung vor einem Jahr

Vor einem Jahr hat der Rat die Umgestaltung des Kreisverkehrs auf Antrag der CDU-Fraktion einstimmig beschlossen und 5000 Euro dafür bereitgestellt. Ideengeber war – wie könnte es anders sein – Heinz Garwer, Urgestein des Eisenbahn-Clubs Stadtlohn und zugleich die Seele des WLE-Eisenbahnmuseums an der Bahnallee.

Ähnlich wie dieser Kreisverkehr in Velen soll der Kreisverkehr an der Vredener Straße gestaltet werden.

Ähnlich wie dieser Kreisverkehr in Velen soll der Kreisverkehr an der Vredener Straße gestaltet werden. © Markus Gehring

Heinz Garwer kümmerte sich auch um die praktische Ausgestaltung der Idee. Vorbild ist ein Kreisverkehr in Velen, wo an der Ramsdorfer Straße ebenfalls ein Original-Gleiskörper auf einer Kreisverkehrs-Insel an die alte Eisenbahngeschichte erinnert. Er nutzte auch seinen guten Draht zur Westfälischen Landeseisenbahn in Lippstadt, um ein Schienenstück zu ergattern. Garwer: „Das will die WLE kostenlos zur Verfügung stellen.“ Das Ensemble soll durch einen Kilometerstein mit der Ziffer 2 abgerundet werden. Dieser Originalstein stand früher in unmittelbarer Nähe zum heutigen Kreisverkehr nahe der Hordtschule, dort wo in früheren Zeiten ein Bahnübergang war.

Der letzte Zug rollte 1988

Genauer gesagt bist 1988. Mit der Zunahme des Individualverkehrs per Auto und des Transports von Gütern auf der Straße hatte die Schiene an Bedeutung verloren. Der Personenverkehr zwischen Stadtlohn und Vreden wurde bereits am 31. Mai 1958 beendet. Am 1. April 1984 wurde der Güterverkehr Vreden-Stadtlohn-Borken von der WLE auf die Deutsche Bundesbahn übertragen. 1988 stellte die Bundesbahn den Güterverkehr Vreden-Stadtlohn-Borken. Bereits am 9. Februar 1988 begannen die Abbauarbeiten an der Strecke.

„Stadt der fünf Bahnhöfe“

Heinz Garwer möchte die Erinnerung an die Eisenbahngeschichte wachhalten. Immerhin war Stadtlohn eine echte Eisenbahnstadt mit fünf „Bahnhöfen“ – neben dem Hauptbahnhof Stadtlohn gab es ja die vier Haltestellen in Wessendorf, Wenningfeld, Almsick und Hundewick.

Die Bahnhofsgaststätte in Wenningfeld in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die Bahnhofsgaststätte in Wenningfeld in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts © Westfälische Verkehrsgesellschaft

Darum hat er sich vor einem Jahr riesig über die Entscheidung des Stadtrates gefreut, dem Kreisverkehr an der Vredener Straße Eisenbahn-Kolorit zu verleihen.

Der Haltepunkt in Wessendorf im Zweiten Weltkrieg

Der Haltepunkt in Wessendorf im Zweiten Weltkrieg © Westfälische Verkehrsgesellschaft

Beschluss noch nicht umgesetzt

Nur passiert ist seither noch nichts. Helmut Stowermann, Fraktionsvorsitzender der CDU, die die Umgestaltung im Rat beantragt hatte, übt sich in Geduld. „Es ist natürlich schade, dass das noch nicht umgesetzt werden konnte. Das nötige Geld liegt bereit. Ich weiß aber, dass der Bauhof viele andere, noch dringlichere Aufgaben zu bewältigen hat“, sagte Stowermann am Dienstag auf Anfrage. Er gehe davon aus, dass das Projekt in diesem Jahr in Angriff genommen wird.

Der Triebwagen VT1, der auf der Strecke Vreden-Stadtlohn fuhr

Der Triebwagen VT1, der auf der Strecke Vreden-Stadtlohn fuhr © Westfälische Verkehrsgesellschaft

Im Rathaus dagegen heißt es, man warte noch auf einen Gestaltungsvorschlag vom Eisenbahnclub. „Wir haben den Antrag so verstanden, dass die Initiatoren mit einem Plan auf uns zukommen. Darauf warten wir noch“, erklärte am Dienstag Günter Wewers als Sprecher der Stadt Stadtlohn. So sei auch die Verfahrensweise bei der Umgestaltung des Kreisverkehrs Breul im Jahr 2017 gewesen, für den sich die UWG stark gemacht habe. Hiervon wiederum zeigt sich Heinz Garwer überrascht. „Ich dachte die Stadt würde nach dem Beschluss alleine aktiv werden. Aber ich will gerne in den nächsten Tagen die Beispielsbilder aus Velen im Rathaus vorlegen.“

Der pünktliche Fahrgast

Zum Abschluss sei noch eine Anekdote erzählt, über die die „Nordbahner“ heute noch gerne schmunzeln. Sie kreist um das Thema Pünktlichkeit – nicht der Eisenbahn, sondern ihres seinerzeit wichtigsten Fahrgastes: Der Stadtlohner Textilfabrikant Carl Hecking sen. hatte sich schon um den Bau der Nordbahn verdient gemacht, dann wurde er einer ihrer wichtigsten Frachtkunde. Sein Werk in Vreden hatte ein eigenes Anschlussgleis.

Die Pünktlichkeit in Person: Carl Hecking sen. auf dem Weg zur Arbeit.

Die Pünktlichkeit in Person: Carl Hecking sen. auf dem Weg zur Arbeit. © Westfälische Verkehrsgesellschaft

Und der Frühaufsteher Carl Hecking fuhr stets mit der Bahn ins Büro, so hat es Siegfried Binder in dem eisebahnhistorischen Werk „Mit Volldampf ins 20. Jahrhundert“ festgehalten: „Um 4.40 Uhr ist die planmäßige Abfahrt des Zuges nach Vreden. Heckings Pünktlichkeit ist sprichwörtlich. Allmorgendlich um 4.39 Uhr betritt er den Bahnsteig in Stadtlohn; nie früher, nie später. Hat Carl Hecking sich einmal verfrüht, wartet er in respektvoller Entfernung bis 4.39 Uhr. Doch das Personal hat ihn bereits vorher ausgemacht und ist wohlbedacht, das Gleichmaß des hohen Herrn nicht zu erschüttern. Gibt es keine Beanstandungen, sind alle zufrieden. Ansonsten entlädt sich schon am frühen Morgen ein Gewitter über dem diensttuenden Fahrdienstleiter.“

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