Die Geschwister Birgit, Thomas und Hans-Günter (nicht im Bild) Lüfkens haben ihr Elternhaus in der Dufkampstraße an die Stadt Stadtlohn verkauft. In Verbindung mit dem Vikariegebäude (r.), das sich bereits im Eigentum der Stadt befindet, können nun interessante Möglichkeiten für Investoren eröffnet werden. © Stefan Grothues
Geschäftshaus

Haushaltsauflösung: In der Dufkampstraße endet eine lange Familienära

Die Geschichte des ehemaligen Familienbetriebs Lüfkens an der Dufkampstraße reicht bis zu Napoleon zurück. Jetzt wird das Geschäftshaus verkauft. Was nun mit dem Haus passiert, ist noch unklar.

Eine Warteschlange vor dem Geschäftslokal an der Dufkampstraße 14 – das hat es schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Immer nur zehn Kunden dürfen gleichzeitig ins Ladenlokal. So ist das in Corona-Zeiten. Doch die eigentliche Nachricht ist eine andere: Lange war der Laden im Schatten der Otgerkirche ganz geschlossen. Jetzt prangt in den Schaufenstern in großen Lettern: „Haushaltsauflösung“. Für das Geschäftshaus Lüfkens endet eine fast 140-jährige Familientradition. Die Ursprünge reichen sogar noch weiter bis zu Napoleon zurück.

Bunter Flohmarkt im Geschäftslokal

Dort wo die Familie Lüfkens über vier Generationen hinweg mit Gardinen, Lederwaren und Teppichen handelte, stehen die Geschwister Thomas und Birgit Lüfkens in dieser Woche inmitten eines bunten Sammelsuriums: Holzschnitt-Drucke, Bilder aus dem alten Stadtlohn, Kleidung, Porzellan, Dekoratives, Schallplatten, Haushaltsgerät, Bücher – ein ganzer Geschäftshaushalt steht für kleines Geld zum Verkauf. Hans-Günter Lüfkens, der heute in Niedersachsen lebt, kann erst am Sonntag zu seinen beiden Geschwistern dazustoßen.

Das Haus Lüfkens an der Dufkampstraße im Jahr 1925. Es wurde bei der Bombardierung Stadtlohns im März 1945 zerstört.
Das Haus Lüfkens an der Dufkampstraße im Jahr 1925. Es wurde bei der Bombardierung Stadtlohns im März 1945 zerstört. © Lüfkens © Lüfkens

Vor zwei Monaten ist Irmgard Lüfkens, die Mutter der drei Geschwister gestorben. Doch schon seit dem Umzug der 88-Jährigen ins Altenheim hatte die Familie beschlossen, den Haushalt komplett aufzulösen und das Wohn- und Geschäftshaus in prominenter Lage zu verkaufen. „Interessenten gab es etliche“, sagt Thomas Lüfkens. Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Der Kaufvertrag liegt beim Notar. „Unterschrieben ist er allerdings noch nicht“, sagt Thomas Lüfkens. So bleibt die Frage noch offen, ob das Haus abgerissen wird und was an seine Stelle treten könnte.

Haushaltsauflösung weckt viele Erinnerungen

Ohnehin richten die drei Lüfkens-Geschwister in dieser Woche den Blick eher zurück in die Vergangenheit als in die Zukunft. „Ich musste heute schon daran denken, wie ich als Jugendliche hier eingespannt wurde und Gardinen bügeln musste“, sagt Birgit Lüfkens lachend. Sie lebt schon seit vielen Jahren im Rheinland. Und ihrem Bruder Thomas Lüfkens fällt ein, wie er als Schüler Lattenroste bearbeiten musste.

Birgit Lüfkens hebt eine „nagelneue“ Leder-Aktentasche in die Höhe. „Hier klebte noch das Preisschild von 1991 drauf: 481 DM“. Jetzt ist sie für 20 Euro zu haben. 1991 war das Jahr, in dem Familie Lüfkens ihr Geschäft schloss. Heinz und Irmgard Lüfkens wechselten damals in den Ruhestand. Und die drei Geschwister hatten anderen berufliche Pläne und Interessen.

Wechselvolle Geschichte von Boutique bis Tatoo

Das Ladenlokal in der Dufkampstraße erlebte danach eine wechselvolle Geschichte. Zunächst übernahm „Magnus Lederwaren“ das Geschäft. Es folgten einige Bekleidungsgeschäfte, ein Tattoo-Studio und ein Antiquitätenladen. Zuletzt wurden aber nur noch die Schaufenster vom Johanneslädchen und von der Husarenkapelle genutzt. Das eigentliche Ladenlokal stand leer. Jetzt wird es verkauft.

„Für unsere Eltern war die Geschäftsaufgabe 1991 genau die richtige Entscheidung. Sie haben noch 15 schöne gemeinsame Jahre mit vielen Reisen gehabt“, sagt Birgit Lüfkens. Ihr Bruder Thomas nickt und sagt: „Für den Einzelhandel ist es ja seither auch immer schwieriger geworden.“

Urururgroßvater lernte sein Handwerk bei der Kavallerie

1955 hatten ihre Eltern Heinz und Irmgard Lüfkens das Geschäft von Heinz‘ Eltern Heinrich und Franziska übernommen. Die Familientradition reicht aber bis ins Jahr 1813 zurück und spiegelt ein Stück Zeitgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wider. Damals wurde Arnold Martin, der Urururgroßvater von Thomas, Birgit und Hans-Günter Lüfkens schwer in der Völkerschlacht bei Leipzig verletzt. Der Sergeant der preußischen Kavallerie wurde daraufhin als Gendarm nach Nienborg versetzt.


Weil sein Gendarmen-Gehalt allerdings nicht ausreichte, um die sechsköpfige Familie zu ernähren, besann sich Arnold Martin auf seine Kavallerie-Erfahrungen: Er reparierte und fertigte für einen Nebenverdienst Pferdegeschirre und Kutschen für die bäuerliche Kundschaft und gründete 1827 eine Sattlerei.

So sah das Haus Lüfkens in der Dufkampstraße in den 1970er-Jahren aus.
So sah das Haus Lüfkens in der Dufkampstraße in den 1970er-Jahren aus. © Lüfkens © Lüfkens

Seit 1882 ist das Haus an der Dufkampstraße in Familienbesitz

Sein Sohn Carl kam ebenfalls über den Militärdienst beim 11. preußischen Husarenregiment zum Sattlerhandwerk, übernahm das Geschäft des Vaters und eröffnete 1846 am Stadtlohner Marktplatz eine Sattlerei und Polsterei.

Nach Carls frühem Tod übernahmen dessen Söhne Fritz und Stephan zunächst gemeinsam das Geschäft. 1882 aber erwarb Fritz Martin das Haus an der Dufkampstraße und gründete sein eigenes Geschäft, das 1903 komplett abbrannte. Im Ersten Weltkrieg warteten weitere Schicksalsschläge: Ein Sohn fiel an der Front, ein zweiter wurde schwer verletzt, sodass Tochter Franziska das Geschäft übernehmen musste. Sie führte es gemeinsam mit ihrem Mann Heinrich Lüfkens und baute es nach der Bombardierung Stadtlohns 1945 neu wieder auf. Zehn Jahre später übernahmen Sohn Heinz und seine Frau Irmgard das Geschäft – bis 1992.

Und jetzt trennt sich Familie Lüfkens von Haus und Hausstand in der Dufkampstraße. „Wir wollen das nachhaltig tun und möglichst alles verwerten“, sagt Birgit Lüfkens. „90 Prozent der Dinge hier kosten weniger als fünf Euro. Und diesen Erlös spenden wir der Aktion Kind e. V, die Wünsche kranker und behinderter Kinder erfüllt“, betont Thomas Lüfkens. Der Verkauf wird noch am Freitag und Samstag, 11. und 12. Dezember, von 10 bis 18 Uhr fortgesetzt.

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Stefan Grothues

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