„Ich bleibe ein St.-Otger-Fan“

Pfarrer Stefan Jürgens

Der Abschied naht. Am Sonntag, 26. Juni sagt Pfarrer Stefan Jürgens seiner Pfarrgemeinde St. Otger Lebewohl. Zehn Jahre lang hat der 47-jährige das Gemeindeleben der fast 17000 Katholiken in Stadtlohn mitgeprägt, als Seelsorger, Prediger und Leiter der Gemeinde. Redakteur Stefan Grothues sprach mit Stefan Jürgens über seine Zeit in Stadtlohn.

STADTLOHN

, 17.06.2016, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sind die Koffer schon gepackt?

Nein. Ich ziehe ja erst Anfang August um. Aber ich habe schon begonnen, einen Teil meiner Bibliothek auszumisten. Im neuen Pfarrhaus in Münster habe ich weniger Platz als hier. Außerdem: Es reist sich ja bekanntlich besser mit leichtem Gepäck.

Wie ist denn Ihr erster Eindruck vom neuen Zuhause?

Sehr gut. Aber das schönste Pfarrhaus des Münsterlandes ist ja wohl das in Stadtlohn. Ich werde mich umstellen müssen. Der Garten in Münster ist kleiner. Dafür muss ich dort selbst den Rasen mähen. Und eine Haushälterin werde ich auch nicht haben. Dabei kann ich gar nicht kochen.

Ahnen Sie schon, was Sie sonst noch in Münster vermissen werden?

Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht das: Hier in Stadtlohn ist man als Kirchenmann immer willkommen, wenn man die Menschen besucht, auch bei denen, die der Kirche nicht mehr so nahestehen. Was ich auch vermissen werde ist das Miteinander im großen Seelsorgeteam. Das Team in Münster ist viel kleiner.

Als Sie vor zehn Jahren nach Stadtlohn kamen, haben Sie gesagt: "Ich habe noch keine Gemeinde erlebt, die so voller Wohlwollen ist." Und so eine Gemeinde wollen Sie jetzt verlassen?

Nicht gerne! Ich war damals richtig stolz auf meine neue große Gemeinde. Und ich finde sie auch heute noch richtig klasse. Ich bleibe ein Fan von St. Otger. Das ist ein gutes Leben und Arbeiten hier. Andererseits: Man darf sich nicht zu sehr einrichten und es sich allzu bequem machen. Wir müssen bereit zum Aufbruch sein. Dreimal habe ich Nein gesagt und Stellenangebote ausgeschlagen. Jetzt wage ich etwas Neues - wann, wenn nicht jetzt, in der Mitte des Lebens?

Welcher Tag oder welches Ereignis werden Ihnen aus Ihrer Stadtlohner Zeit in besonderer Erinnerung bleiben?

Sehr tief berührt hat mich hier immer wieder die Feier der Osternacht. Das ist der Hammer. Und mir fällt die Kreativaktion "Stadtlohn - voll Gott!" aus dem letzten Jahr ein. Sie hat gezeigt, wie leicht es ist, in Stadtlohn Dinge anzustoßen und Leute dafür zu gewinnen.

Keine Arbeit ohne Niederlagen. Worauf hätten Sie gern verzichtet?

Auf Konflikte mit Mitarbeitern. Wir haben ein kommunikatives Geschäft. Vertrauen ist ein hohes Gut. Ich strebe nach Harmonie. Misstrauen ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Worauf ich noch hätte verzichten können: auf komplizierte Zusammenarbeit mit Behörden, die manchmal etwas träge sind. Damit meine ich vor allem unsere eigenen, kirchlichen.

Worauf sind Sie stolz?

Auf unsere Erwachsenenbildung und Katechese. Die Glaubensgespräche sind gut angekommen. Ich glaube auch, dass ich als Priester und Prediger ganz gut gelitten bin. Ich freue mich, dass mir viele Menschen großes Vertrauen entgegengebracht haben. Ich habe von den Leuten so vieles erfahren. Stolz können wir auch auf das neue Otgerushaus sein, das jetzt nach langen Diskussionen gebaut wird. Das wird ein tolles Ding.

Sie gelten als ein Mann des geschliffenen und des offenen Wortes. Können Worte die Welt verändern?

Ja! Worte verändern Gedanken, Gefühle und damit auch die Welt. Alle großen Entwicklungen der Menschheit haben mit Worten begonnen. Ohne Worte gibt es auch keine Ideen. Manche sagen: "Die Pfarrer reden ja nur." Jesus hatte auch nur das Wort. Und das hat die Menschen verändert.

Sie sind mit Ihren Predigten auch schon mal angeeckt. Haben Sie mal ein Wort bereut?

Inhaltlich noch nie - manche Formulierung ja. Ich habe lernen müssen, dass die sprachlichen Mittel der Ironie und Übertreibung in Predigten nicht immer richtig überkommen.

Was gibt es nur in Stadtlohn?

(lacht) Hier gibt es die weltweit einzige St.-Otger-Kirche! Aber hier gibt es auch etwas, was ich woanders so noch nicht erlebt habe: eine große Selbstverständlichkeit, auf die Kirche zuzugehen, nicht bei allen, aber bei vielen.

Ihr Vorgänger in Münster hat das Handtuch geworfen, weil zu viele Gemeindemitglieder gleichgültig waren. In Legden hat sich vor einer Woche Ihr Amtsbruder wegen des Zölibats aus dem Amt verabschiedet. Erodiert die Amtskirche?

Ja, das tut sie schon lange. Priester sind aber Verkünder einer Botschaft, nicht Vertreter einer Institution. Unsere Motivation müssen wir aus der Beziehung zu Jesus Christus ziehen, dann sucht man nicht so schnell das Weite. Der Pflichtzölibat, das habe ich schon immer gesagt, ist ein archaisches Relikt, eine strukturelle Sünde der Kirche. Er hat viel Unheil angerichtet und gehört abgeschafft - genau wie die Ausgrenzung der Frauen aus dem Amt.

Ihr Lieblingsplatz in Stadtlohn?

Unterwegs auf dem Fahrrad!

Was bleibt von Ihnen in Stadtlohn?

Das wird man sehen. Im übrigen hoffe ich für mein Team, dass die hierarchiefreie Leitung bleibt.

Kennen Sie schon Ihren Nachfolger?

Nein. Aber es gibt einen. Er wird heute (gestriger Freitag) in der Personalkonferenz vom Bischof benannt. Allerdings wird er heute noch nicht bekanntgegeben.

Hätten Sie einen Rat für ihn, wenn er Sie fragen würde?

Ein Pfarrer muss gut integrieren und die unterschiedlichsten Typen zusammenhalten können.

Jetzt haben Sie Gelegenheit, eine Antwort ohne Frage zu geben:

Ich bin sehr, sehr dankbar: Das hier war die richtige Stelle für mich. Und was ich noch sagen möchte: Das persönliche Gebet ist das A und O. Wenn das wegfällt, ist die Kirche nur noch ein großer Sozialkonzern auf ganz dünnen theologischen Beinchen. Es ist wichtig zu wissen, um wen es geht.

 

 Stefan Jürgens (47) ist gebürtiger Borghorster. Nach seinem Diakonatsjahr in Bocholt wurde er 1994 zum Priester geweiht. L Berufliche Stationen: Kaplanszeit in Ahaus, Landesjugendseelsorger im Offizialatsbezirk Oldenburg, Jugendhof Vechta, Pfarrer in Holdorf.

Bevor Jürgens Pfarrer in Stadtlohn wurde, war er vier Jahre lang Geistlicher Rektor der katholischen Akademie in Cloppenburg-Stapelfeld. Als Sprecher der ARD-Fernsehsendung „Wort zum Sonntag“, Autor mehrerer Bücher und durch seinen Internet-Blog „Landpfarrer“ ist Stefan Jürgens auch überregional bekannt. 

Die Verabschiedung am Sonntag, 26. Juni, beginnt mit einm feierlichen Hochamt in St. Otger. Anschließend findet ein Empfang auf dem Schulhof der St.-Anna-Realschule statt.  

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