Der schnelle Einsatz der Feuerwehr konnte nicht verhindern, dass das Obergeschoss komplett ausbrannte. © Stefan Grothues
Lebensretter

Junger Mann rennt in brennendes Haus und rettet 89-jährige Bewohnerin

Ein Haus in Stadtlohn stand am Dienstag lichterloh in Flammen. Zwei Menschen wurden leicht verletzt. Es hätte viel schlimmer kommen können, wenn Lebensretter Senad Bajraj nicht gewesen wäre.

Senad Bajraj sagt: „Es war wie im Actionfilm.“ Und man kann dem 23-Jährigen durchaus die Rolle des Actionfilmhelden zuschreiben. Hiltrud Südfels nennt ihn „unseren Engel“. Sie sagt: „Du bist der beste Retter, den es gibt. Du hast Oma das Leben gerettet.“ Das war am Dienstag gegen Viertel vor zwölf, als ihr Haus am Richters Kamp lichterloh in Flammen stand.

Hiltrud Südfels wohnt im Erdgeschoss eines zweistöckigen Wohnhauses am Richters Kamp, ihre 89-jährige Mutter in der Wohnung im Obergeschoss. Gegen Mittag stutzte Hiltrud Südfels. Der Strom war ausgefallen. „Da habe ich erst nach draußen geschaut und mich gewundert, dass es so dunkel wurde.“ Alles war voller Rauch.

Hiltrud Südfels nennt Senad Südfels
Hiltrud Südfels nennt Senad Bajraj „unseren Lebensretter”. Der 23-Jährige kam zufällig am Brandort vorbei und rettet die 89-jährige Mutter von Hiltrud Südfels aus dem Bett im brennenden Obergeschoss. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Zu diesem Zeitpunkt schlugen die Flammen bereits an der Fassade des Hauses hoch und züngelten unter die Sparren der Dachgeschosswohnung. „Das Feuer muss in der Garage oder in einem Anbau ausgebrochen sein“, sagt Markus Vennemann, Einsatzleiter der Stadtlohner Feuerwehr.

„Ich spürte sofort: Ich muss helfen“

Zu diesem Zeitpunkt ist die Feuerwehr noch nicht vor Ort. Wohl aber der 23-jährige Senad Bajraj. „Ich fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt, weil ich meine Bewerbungsunterlagen für eine Ausbildungsstelle klar machen wollte“, erzählt der junge Mann. „Da sah ich ein kleines Mädchen, das zeigte auf etwas. Da sah ich erst die dichten Rauchwolken über dem Haus. Ich spürte sofort: Ich muss helfen.“

Senad Bajraj rennt sofort los, nimmt den kürzesten Weg quer durch einige Privatgärten. „Ich musste über zwei, drei hohe Zäune klettern. Aber ich habe nur ein Ziel gehabt.“ Die Tür steht offen, Senad Bajraj stürmt in das brennende Haus. Auf der Treppe trifft er Hiltrud Südfels in heller Aufregung. „Sie rief nur in Panik: ,Meine Mutter, meine Mutter ist noch oben!‘“, erzählt Senad Bajraj. „Meine Mutter ist ja gehbehindert. Das hätte eine halbe Stunde gedauert, bis ich mit ihr die Treppe hinabgestiegen wäre“, sagt Hiltrud Südfels später im Gespräch mit unserer Redaktion.

89-Jährige lag hilflos im Bett

So viel Zeit ist nicht. Das weiß Senad Bajraj. Der 23-Jährige nimmt mehrere Stufen auf einmal, stürzt in das Schlafzimmer der 89-Jährigen, die im Bett liegt. „Alles war voller Rauch. Und ich hatte ja nur die normale Atemmaske auf. Ich wusste, jetzt geht es um das Leben der Frau. Und um mein Leben“, so Senad Bajraj.

Darum fackelt er nicht lange. Keine Zeit für Erklärungen, keine Zeit für Behutsamkeit. „Ich habe die Frau einfach gegriffen und über meine Schulter geworfen. Und dann bin ich mit ihr die Treppe herunter.“

Mit Hilfe des Teleskopfahrzeug wurde der Löschangriff von oben gestartet. Das Dachgeschoss konnte aber nicht mehr gerettet werden.
Mit Hilfe des Teleskopfahrzeug wurde der Löschangriff von oben gestartet. Das Dachgeschoss konnte aber nicht mehr gerettet werden. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Unten an der Haustür empfangen ihn zwei Feuerwehrleute in Zivil, die rein zufällig dort vorbeikamen. Matthias Schlattmann, einer von ihnen, berichtet: „Ich habe die Flammen aus dem Haus schlagen sehen und den Rauch. Wir haben dann aus dem Nachbarhaus noch zwei Leute herausgeholt, weil die Flammen überzuschlagen drohten.“

Danach fühlt sich der Feuerwehrmann hilflos, ohne Hilfsmittel ist an Löschen nicht zu denken. „Das waren die längsten Minuten meines Lebens“, sagt Matthias Schlattmann, der ein einsatzerprobter Feuerwehrmann ist.

Rauchsäule bis zur Feuerwehrwache hin sichtbar

Seine Kameraden an der Feuerwaches rücken zu diesem Zeitpunkt schon aus. „Zuerst hieß es Wohnungsbrand, dann wurde die Alarmierung aber ausgeweitet: Der ganze Zug wurde mit Sirenen alarmiert“, sagt Einsatzleiter Markus Vennemann. Die Rauchsäule am Richters Kamp war inzwischen auch schon von der Feuerwache aus zu sehen. Mit dem Teleskop-Fahrzeug und von ebener Erde aus wurden die Löschangriffe am Richters Kamp gestartet.

Unterdessen hatte die Polizei den Bereich weiträumig abgesperrt. Marco Hoffmann, der Einsatzleiter der Polizei, kann schon um kurz nach zwölf eine erste beruhigende Bilanz ziehen: „Es sind nur zwei Personen leicht verletzt worden. Die ältere Dame, als sie die Treppe heruntergetragen wurde. Die Hausbesitzerin, die nicht selbst in dem Haus wohnt, aber zum Brandort geeilt war, erlitt einen leichten Schock.“ Die 89-Jährige wurde zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht.

Familie hat mehrere Angebote für eine Notunterkunft

Hiltrud Südfels, ihr Mann und ihre Mutter sind am Dienstag nur kurzzeitig obdachlos. Hiltrud Südfels zeigt sich gefasst. „Wir leben und haben das Feuer so gut wie unverletzt überstanden. Für alles andere wird sich ein Weg finden. Wir haben schon mehrere Angebote, wo wir jetzt vorübergehend wohnen können.“

Der Sachschaden indes ist groß. „Er geht deutlich in den sechsstelligen Bereich“, sagt Frank Rentmeister, Pressesprecher der Kreispolizei. Warum es gebrannt hat, das ist noch unklar. Die Kriminalpolizei ermittelt. „Heute wird es wohl noch keine gesicherten Erkenntnisse geben“, so Frank Rentmeister am Dienstagnachmittag.

Vor Ort erklärte Polizeieinsatzleiter Marco Hoffmann: „Dass nichts Schlimmeres passiert ist, ist dem Mut und der Zivilcourage des jungen Ersthelfers zu verdanken.“ Senad Bajraj nimmt es lächelnd hin und sagt: „Da bin ich stolz drauf.“

Und er erzählt noch, dass er gerne eine Ausbildung als Industriemechaniker machen möchte, aber noch keine Lehrstelle findet. Und dass er bald Vater wird. „Das war überhaupt der Grund, warum ich auf das kleine Mädchen geachtet habe, das das Feuer zuerst gesehen hat.“

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Stefan Grothues

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