Heinrich Große Liesner achtet genau auf die Bodenstruktur auf seinem Acker und setzt dafür auf ein Bodenanalyse-Verfahren von früher. © Laura Schulz-Gahmen
Hybridlandwirtschaft

Landwirt aus Stadtlohn plädiert für längst vergessene Bodenanalyse

Landwirt Heinrich Große Liesner betreibt Hybridlandwirtschaft in Stadtlohn und arbeitet auf Grundlage eines bereits in den 60er-Jahren abgeschriebenen Bodenanalyseverfahrens.

Wenn Menschen an Landwirtschaft denken, dann denken sie an Trecker auf dem Acker, Gülle und vielleicht an volle Ställe und an Schinken oder Schnitzel. Aber Landwirte fahren nicht einfach auf dem Acker herum und pflügen ihn einmal um, sie müssen ganz genau wissen, was sie dort machen und vor allem, warum sie es machen.

Es gibt unzählige Stoffe, die in Böden enthalten sind, manche von ihnen sind wünschenswert, manche eher weniger. Von wieder anderen Stoffen braucht es eine ganz genaue Menge und das aus guten Gründen.

Mix aus konventionell und öko

Und hier kommt Landwirt Heinrich Große Liesner (49) ins Spiel. Er betreibt „Hybrid-Landwirtschaft“, wie er sagt. Das ist eine Art Landwirtschaft, in der zwar auf die Produktivität geschaut wird wie in der konventionellen Landwirtschaft, aber auch auf die Ressourcenschonung wie im Ökolandbau.

Wenn ein Landwirt wissen möchte, was in seinen Böden drin ist, gibt er Bodenproben zum Labor für Agrar- und Umweltanalytik der Landwirtschaftskammer Nordrhein Westfalen, oder kurz gesagt: zur „Lufa“ nach Münster. Das machen Landwirte regelmäßig, um die Bodenqualität stets im Blick zu haben und mit ihr all die Stoffe, die im Boden sind.

„Ich war geschockt“

Heinrich Große Lienser hatte eine Beobachtung gemacht. Er hat sich gefragt, warum sein Arbeitskollege, der ebenfalls Lehmböden hat, noch bis in den November Weizen einsäen kann, während er das nicht kann. „Bei uns würde das nicht gehen“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Der Boden wäre bereits viel zu schmierig für die Saat.

Daraufhin hat er eine Humusanalyse seines Bodens machen lassen, und zwar von der am schlechtesten zu bearbeitenden Lehmstelle. Der Humusanteil im Boden betrug sechs Prozent, „also ganz gut“. Auf einer anderen Fläche, die gedüngt wurde und auf der Stroh eingearbeitet wurde, betrug der Humusanteil aber nur 2,3 Prozent. „Ich war geschockt, weil durch die Bodenbearbeitung eher ein Humusanteil von 4 bis 5 Prozent im Boden hätte herrschen müssen“, so der Landwirt.

Albrecht-Verfahren oder Kinsey-Methode

Er hat sich gefragt, wie das sein kann, und recherchierte im Internet. Er stieß dabei auf das Albrecht-Verfahren und kaufte sich ein Buch dazu. „Das Albrecht-Verfahren und die Kinsey-Methode sind Synonyme für einander, denn Neal Kinsey war einer der letzten Studenten von Professor William Albrecht“, erklärt Heinrich Große Liesner.

Aber wer war dieser Albrecht? William A. Albrecht (1888-1974) war ein Professor für Bodenbiologie und der Leiter des Instituts für Bodenkunde an der Universität Missouri. Er war eine international bekannte Autorität auf dem Gebiet der Bodenkunde und ein Pionier des ökologischen Landbaus.

Mikronährstoffe sind essentiell

Beide Verfahren haben einen entscheidenden Ansatz, der in der herkömmlichen Bodenanalyse nach Lufa nicht berücksichtigt wird. In den Basisdaten, die bei der Lufa geprüft werden, sind Werte wie der pH-Wert, Humusgehalt und das Verhältnis von Kohlenstoff zu Stickstoff im Boden angegeben.

Daneben gibt es zwar ergänzend die Angabe der Makronährstoffe im Boden wie Calcium, Magnesium, Kalium, Natrium, Schwefel und Phosphor, es fehlen jedoch bei der Bodenanalyse die Werte der einzelnen Mikronährstoffe wie Bor, Eisen, Mangan, Kupfer und vielen weiteren Stoffen. Diese sind nur bedingt im Boden, können aber laut dem Albrecht-Verfahren essentielle Auswirkungen auf den Boden haben.

Kein Standard mehr in der Landwirtschaft

Das Albrecht-Verfahren, oder auch Kinsey-Methode, geht darauf ein, dass die Nähstoffe im Boden in einer Wechselwirkung zueinander stehen und sich somit gegenseitig beeinflussen. Nach Kinsey haben schwere und humusreiche Böden eine hohe Kationenaustauschkapazität. Kationenaustauscher dienen als Reservoir für Pflanzennährstoffe, die durch Ionenaustauschvorgänge nach und nach an die Bodenlösung abgegeben und von den Wurzeln aufgenommen werden können.

Die benötigten Informationen über die Gehalte an Mikronähstoffen im Boden liefert die Lufa aber nicht standardmäßig. Wenn ein Landwirt etwas darüber erfahren möchte, muss er diese Analyse zusätzlich bezahlen.

„Ich lasse alle meine Böden nach dem Albrecht-Verfahren prüfen“, sagt Heinrich Große Liesner. Das macht für ihn durchaus Sinn: „Man kann nicht die Spurenelemente vernachlässigen. Bis in die 50er-Jahre war eine erweiterte Prüfung des Bodens üblich, doch in den 60er-Jahren wurde festgelegt, dass die Basisprüfung reicht.“ Das war nach Meinung des Hybrid-Landwirtes noch zu einer Zeit, „in der die meisten Betriebe noch gleichförmig waren“.

Auch die Spurenelemente haben Einfluss auf den Boden

Je stärker sich die Betriebe spezialisiert haben, desto weniger sei die einfache Bodenanalyse nach Lufa geeignet, die tatsächliche Realität im Boden abzubilden. Beispielsweise sei das Verhältnis zwischen Calcium und Magnesium wichtig für die Bodenstruktur.

Um die Bodenstruktur weiter zu fördern, hat Heinrich Große Liesner angefangen, verstärkt das Spurenelement Mangan zu düngen. Das fördert beispielsweise die Bildung von Seitenwurzeln und aktiviert das Wachstum durch Einfluss auf das Zellstreckungswachstum.

Bodenstruktur: größere und festere Kluten.
Bodenstruktur: größere und festere Kluten. © privat © privat

Deshalb ist es für Heinrich Große Liesner wichtig, nicht nur auf die Makronährstoffe wie Calcium und Stickstoff zu schauen, sondern auch auf die Mikronährstoffe wie Eisen, Mangan, Bor und Molybdän, die ebenfalls großen Einfluss auf die Bodenstruktur haben.

Bodenstruktur wichtig für Wasser- und Nährstoffaufnahme

Viele denken vermutlich, dass Boden gleich Boden ist und eben nur Erde. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. „Eine gute Bodenstruktur sollte nach Möglichkeit aus 50 Prozent festem Anteil, 25 Prozent Wasser und 25 Prozent Luft bestehen“, so der Landwirt. Die Bodenstruktur zeigt, wie stark die einzelnen Bodenteilchen, auch Kluten genannt, aneinanderhaften.

Feinkrümelige Bodenstruktur mit besser ausgeglichenem Nährstoffhaushalt
Feinkrümelige Bodenstruktur mit besser ausgeglichenem Nährstoffhaushalt © privat © privat

Dieser Faktor entscheidet darüber, wie gut oder schlecht die Nährstoffe im Boden und das Wasser zur Pflanze gelangen. Wenn die Bodenteilchen zu groß und zu fest sind, sind sie fast wie Steine und somit sind die Nährstoffe im Inneren der Kluten nicht für Pflanzen verfügbar. Außerdem rauscht das Regenwasser dann durch die Freiräume und verschwindet ungenutzt.

Erste Effekte erkennbar

Daher ist es wichtig, dass die Bodenteilchen nicht zu groß, aber auch nicht zu klein sind. „Sind sie zu klein, schmiert der Boden und das Regenwasser kann nicht eindringen. Es fließt oberflächig wieder ab“, erklärt Heinrich Große Liesner. Er habe selbst gerade erst damit begonnen, seinen Ackerbau regenerativ zu bewirtschaften.

Bis man gute Effekte sehen könne, dauert es wohl noch zwei bis drei Jahre. Und trotzdem kann Heinrich Große Liesner schon sehen, dass seine Bewirtschaftungsweise Früchte trägt. Die Bodenstruktur habe sich bereits verändert.

Auf der linken Seite sind fünf junge Weizenpflanzen zu sehen, die bereits wesentlich mehr Erdanhang aufweisen, als die Pflanzen auf der rechten Seite.
Auf der linken Seite sind fünf junge Weizenpflanzen zu sehen, die bereits wesentlich mehr Erdanhang aufweisen als die Pflanzen auf der rechten Seite. © privat © privat

Der Erdanhang an den Wurzeln signalisiert, dass die Wurzeln von Mikroorganismen besiedelt sind. Dann ernährt die Pflanze das Bodenleben mit Kohlenhydraten und das Bodenleben ernährt die Pflanze mit Nährstoffen.

Böden mit einem intakten Bodenleben brauchen für denselben Ertrag weniger Nährstoffe als Böden mit wenig Leben. Für Heinrich Große Liesner ist jedenfalls klar zu sehen: „Wo das Zusammenspiel der Nährstoffe schon gut funktioniert, ist der Boden bereits feinkrümelig. Wo noch Korrekturen am Nährstoffgehalt nötig sind, sind die Krümel deutlich gröber.“

Über die Autorin
Redakteurin
Laura Schulz-Gahmen, aus Werne, ist Redakteurin bei Lensing Media. Vorher hat sie in Soest Agrarwirtschaft studiert, sich aber aufgrund ihrer Freude am Schreiben für eine Laufbahn im Journalismus entschieden. Ihr Lieblingsthema ist und bleibt natürlich: Landwirtschaft.
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Laura Schulz-Gahmen

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