Vielerorts sind Hauptschulen geschlossen worden. In Stadtlohn aber behauptet die Losbergschule im dreigliedrigen Schulsystem selbstbewusst ihren Stand. Linda Benjamin weiß, warum das so ist.

Stadtlohn

, 04.02.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Ein Gespräch über ihre Schulzeit als Hauptschülerin? „Ja, sehr gerne!“ – Linda Benjamin (24) zögert nicht lange. Und auch der Treffpunkt in der Losbergschule an der Uferstraße ist kein Problem. „Der Schulweg ist mir noch ganz vertraut. Es war ein schönes Gefühl, ihn heute noch einmal zu gehen“, sagt die junge Frau mit den langen dunklen Locken und strahlt. Und sie hat wohl auch allen Grund dazu. Linda Benjamin hat ihren Weg gemacht. Nicht trotz Hauptschule, sondern mit der Hauptschule.

Es gibt immer weniger Hauptschulen

Die Hauptschulen, Ende der 1960er-Jahre aus der Volksschule hervorgegangen, haben vielerorts zu kämpfen: mit der demografischen Entwicklung, mit Vorurteilen, mit der Konkurrenz von Real-, Gesamt- und Sekundarschulen. Das Hauptschulsterben grassiert. „Im Kreis Borken gab es noch vor 25 Jahren 29 Hauptschulen mit rund 11.000 Schülern“, sagt Michael Ballmann vom Schulamt des Kreises Borken. Heute seien es nur noch neun Hauptschulen mit 1800 Schülern. Von den neun Hauptschulen sind sechs auslaufend gestellt, das heißt, sie werden bald ihre Türen für immer schließen. Dann wird es nur noch drei Hauptschulen im Kreis geben – zwei in Bocholt und die Losbergschule in Stadtlohn.

Gute Übergangsquoten in Stadtlohn

Stadtlohn widersetzt sich dem Hauptschulsterben. Zwar stellte die Owweringschule im Jahr 2014 nach 48 Jahren ihren Schulbetrieb ein. Doch behauptet die Losbergschule als einzig verbliebene Hauptschule ihre Stellung im dreigliedrigen Schulsystem der Stadt Stadtlohn neben den beiden Realschulen und dem Gymnasium. Im vergangenen Jahr wurden 66 Kinder für die Hauptschule angemeldet, darunter 58 Stadtlohner Kinder. Die Übergangsquote der Stadtlohner Kinder zur Hauptschule lag damit bei 24,5 Prozent. Mit anderen Worten: Jeder vierte Stadtlohner Viertklässler wechselte zur Hauptschule.

Traumjob im Bürgerbüro

Viele Stadtlohner kennen Linda Benjamin – oder Linda Haggie, wie die 24-Jährige noch bis vor kurzem, bis zu ihrer Hochzeit, hieß. Wer im Bürgerbüro des Rathauses einen Personalausweis beantragt, sein Auto abmelden oder eine Theaterkarte kaufen möchte, dem hilft sie gerne und kompetent weiter. Linda Benjamin hat 2015 im Stadtlohner Rathaus ihre Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte erfolgreich abgeschlossen. Sie mag den Umgang mit Menschen. Und sie mag die große Vielfalt der Aufgaben, die sich in einer Stadtverwaltung stellen. Die Arbeit im Bürgerbüro ist ihr Traumjob.

Praktikum öffnete Türen

War es denn schwierig für sie, als Hauptschülerin, den Ausbildungsplatz in der Verwaltung zu bekommen? Das war schon eine Zitterpartie, erinnert sich die junge Frau. 2011 waren Ausbildungsplätze rarer gesät als heute. „Es wurde in der Verwaltung nur ein Ausbildungsplatz angeboten. Und wir waren 17 Bewerberinnen und Bewerber, darunter auch etliche mit Fachabitur oder Abitur“, erinnert sie sich.

Aber nach einer Vorstellungsrunde bekommt Linda Benjamin die Stelle. Sie hatte zwei entscheidende Vorteile: Bei ihrem künftigen Arbeitgeber hatte sie schon während eines dreiwöchigen Schulpraktikums im Rathaus einen guten Eindruck hinterlassen. Und Linda Benjamin konnte bei ihrer Bewerbung einen sehr guten Realschulabschluss vorzeigen.

Hauptschule führt auch zur Fachoberschulreife

Realschulabschluss auf der Hauptschule? Dass das möglich ist, ist nicht allen Eltern von Viertklässlern klar. Neben dem Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder 10 können an der Losbergschule alle Abschlüsse der Sekundarstufe I erworben werden, also bei erfolgreichem Besuch der Klasse 10 Typ B auch der mittlere Schulabschluss mit Fachoberschulreife – das ist der klassische Realschulabschluss. Und der eröffnet bei guten Leistungen auch den Zugang zur Oberstufe im Gymnasium.

Hätte Linda Benjamin nach der vierten Klasse in der Fliednerschule nicht auch direkt zur Realschule gehen können? „Ich hatte von der Grundschule eine Empfehlung für die Realschule“, sagt sie. Und sie ist heute auch selbstbewusst genug um zu sagen: „Ich hätte die Realschule auch geschafft.“ Schließlich hat sie während ihre Ausbildung am Studieninstitut in Münster bewiesen, dass sie auch mit Fachabiturienten und Abiturienten mithalten kann. Aber als Grundschülerin mit zehn, elf Jahren, da war sie sich noch nicht sicher genug.

„Lieber ein guter Hauptschüler als ein schlechter Realschüler“

Ihre Mutter, Seydi Haggie, war es auch nicht. „Ich habe mit Linda die Tage der offenen Tür in der Realschule und in der Hauptschule besucht. Wir waren hin- und hergerissen“, erzählt Seydi Haggie. Am Ende waren für sie zwei Dinge entscheidend.

Erstens: „Die Lehrer an der Hauptschule haben betont, dass den Schülern der Hauptschule bei entsprechenden Leistungen alle Türen zu allen Bildungswegen offenstehen.“

Und zweitens: „Der Mensch ist zufriedener und motivierter, wenn er gute Leistungen bringt. Es ist besser, ein sehr guter Hauptschüler zu sein, als mit Ach und Krach an der Realschule klarzukommen. Ich wollte meinen Kindern das Scheitern ersparen.“

Markus Ueding, Mathelehrer und Konrektor der Losbergschule sieht das nach langjähriger Erfahrung genauso: „Kinder gehen gerne zur Schule, wenn sie Erfolgserlebnisse haben. Dann blühen sie auf.“

Hauptschule verschenkt keine Schulabschlüsse

Linda Benjamin fühlte sich von der fünften Klasse an direkt rundum wohl an der Losbergschule. Hat sie nie Vorurteile gegenüber Hauptschülern zu spüren bekommen? „Klischees gibt es immer wieder mal, aber das war nie wirklich ein Problem.“ Zu ihren Lieblingsfächern zählten Englisch, Religion, Sport, Kochen und Hauswirtschaft. Ein Spaziergang aber war die Schullaufbahn keineswegs. „Mathe war nicht so mein Ding, der Stoff wurde von Jahr zu Jahr schwieriger“, sagt sie. Heute kann sie darüber lachen. Damals musste sie sich gehörig anstrengen.

Auch Hauptschüler erhalten ihren Abschluss nicht geschenkt, schon gar nicht die Fachoberschulreife. Markus Ueding, Mathelehrer und Konrektor der Losbergschule, sagt: „Der Realschulabschluss bei uns ist ja nicht nur gleichwertig, sondern auch genauso schwer wie auf der anderen Seite der Berkel.“ Damit meint er die Herta-Lebenstein-Realschule. Schließlich müssten hier wie dort die Schüler am Ende die gleichen zentralen Prüfungen mit identischen Aufgaben bestehen.

Auch Lindas drei Brüder machen ihren Weg an der Hauptschule

„Linda war immer eine fleißige Schülerin“, sagt ihre Mutter Seydi Haggie. Lindas Brüder seien nicht immer so strebsam gewesen, fügt sie hinzu. Alle drei haben wie Linda die Losbergschule besucht. „Und bei keinem habe ich es bereut, alle haben einen guten Weg genommen“, sagt Seydi Haggie.

Josef, Lindas älterer Bruder, schaffte über ein Betriebspraktikum den Sprung in eine Ausbildung beim Stadtlohner Unternehmen Lichtgitter. „Dort fühlt er sich jetzt schon seit zehn Jahren wohl“, sagt seine Mutter.

Martin, vier Jahre jünger als Linda, hat nach der Hauptschule am Berufskolleg Lise Meitner in Stadtlohn sein Fachabitur abgelegt und macht nun eine Ausbildung zum Industriekaufmann.

Und Christian, der jüngste unter den Haggie-Geschwistern, schließt im kommenden Sommer die Losbergschule ab. Seine Mutter sagt: „Er hat schon eine Lehrstelle angeboten bekommen. Vielleicht wird er aber auch die Fachoberschule am Berufskolleg für Technik in Ahaus besuchen.“

Losbergschüler sind bei den Firmen begehrt

Die Haggie-Geschwister sind keine Ausnahme unter den Hauptschülern.

„Aktuell haben alle Schulabgänger eine sehr gute Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen“, sagt Birgit Kentrup. „Hier ist Flexiblität gefragt und eventuell auch mal das ,Über den Tellerrand schauen‘. Die Firmen rufen hier sogar an und fragen nach, ob wir nicht noch Schüler haben, die zum Beispiel an einer Ausbildung zum Holztechniker interessiert sind.“ Das war vor 15 Jahren noch undenkbar.

Viele Schüler empfinden die guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt als Motivationsschub für schulische Anstrengungen, aber eben nicht jeder. „Wir können das Pferd zur Tränke führen, trinken muss es selber,“ sagt Birgit Kentrup und verspricht: „Wir nutzen alle Möglichkeiten, um alle unsere Schülerinnen und Schüler zu einem bestmöglichen Abschluss zu bringen.“ Beziehungsarbeit sei dabei von großer Bedeutung. Aus Sicht einer Mutter sagt Seydi Haggie: „Es ist ganz wichtig, dass die Eltern Interesse am Schulleben zeigen, nahe dran sind und das Gespräch mit den Lehrern suchen. Ich bin auch beim vierten Kind noch zu jedem Informationsabend gegangen.“

Gute Noten für die Losbergschule

„Uns ist es wichtig, Schüler dort abzuholen, wo sie stehen und sie gemäß ihres Leistungsvermögens zu fordern und zu fördern“, erklärt Birgit Kentrup und zählt ein ganzes Maßnahmenbündel auf: den Ganztagsunterricht, Klassenlehrerunterricht, freiwillige Stützkurse (= individuelle Anschlussförderung nach Schulschluss, Lernberatung, Langzeitpraktika (= eine Vielzahl an Praktikumsmöglichkeiten ab Klasse 8), pädagogische Programme, Berufseinstiegsprogramme und die Förderprogramme des Landes. Hinzu komme die gute Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur, den Betrieben in Stadtlohn, dem Berufsorientierungszentrum und den Berufskollegs in Ahaus.

Gute Noten für die Schule

Die selbstbewusste Einschätzung der Schulleiterin kann sich auf objektive Daten stützen. Bildungsexperten des Ministeriums gaben der Losbergschule 2017 in einem umfangreichen Qualitätsbericht sehr gute Noten. Bestbewertungen gab es zum Beispiel für das soziale Klima und das Schulleben, für die Berufsorientierung und Kooperationen mit der Wirtschaft, für das Schulgebäude und für seine Ausstattung durch die Stadt Stadtlohn als Schulträger. Positiv bewertet wurden auch die schulinternen Lehrpläne, die Teamarbeit unter den Lehrern und das Fortbildungskonzept.

Keine Zitterpartie bei den Anmeldungen

Unter diesen Vorzeichen macht sich Günter Wewers keine großen Sorgen um die Zukunft der Losbergschule. Der Erste Beigeordnete und Dezernent für das Schulwesen in Stadtlohn erklärt, die Hauptschule sei in Stadtlohn alles andere als ein Auslaufmodell. „Die Erziehungsberechtigten in Stadtlohn haben aufgrund der Grundschulempfehlungen, die im ganzen Land noch immer von der Dreigliedrigkeit ausgehen, die besten Möglichkeiten, die Empfehlungen passgenau umzusetzen.“ Dabei sei die Hauptschule das beste Angebot besonders für Schüler und Schülerinnen mit einem individuellem Förderbedarf. Bei den jetzt bevorstehenden Anmeldungen befürchtet Günter Wewers keine Zitterpartie. „Bei den Übergangsquoten, wie sie in den letzten Jahren waren, gehen wir sogar von drei neuen Eingangsklassen an der Losberg-Hauptschule aus.“

Neustart in Ostwestfalen

Für Linda Benjamin ist die Schulzeit längst Geschichte. Ihre Entscheidung für die Hauptschule hat sie auch im Nachhinein nie bereut. Mit ihrem Mann wird sie bald nach Harsewinkel ziehen. Dort muss sie sich dann auch einen neuen Traumjob suchen, am liebsten wieder in einem Rathaus, so sagt sie. Nach den Erfahrungen ihrer Schul- und Ausbildungszeit in Stadtlohn sieht sie ihren Neustart im Ostwestfälischen selbstbewusst und optimistisch. „Das wird schon klappen.“

  • Die Anmeldungen für das Schuljahr 2019/20 finden vom 6. bis zum 8. März statt. Zum Anmeldegespräch in der Losbergschule, Uferstraße 21-25, sind nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder eingeladen.
  • Mitgebracht werden sollten die Geburtsurkunde, das aktuelle Halbjahreszeugnis, die Empfehlung der Grundschule und den Original-Anmeldeschein der Grundschule.
  • Weitere Fragen beantwortet die Schule unter Tel. (02563) 9 35 20.
Lesen Sie jetzt