Minister Jens Spahn spricht mit Stadtlohner Schülern über Organspende, Cannabis und Corona

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Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums haben Gesundheitsminister Jens Spahn zum Thema Organspende befragt. Cannabis, Homosexualität und Coronavirus brachten die Schüler auch zur Sprache.

Stadtlohn

, 18.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vincent Schlüter und Lara Terpelle sind etwas angespannt. Als Schülersprecher des Stadtlohner Geschwister-Scholl-Gymnasiums kennen die beiden 18-Jährigen den Auftritt vor versammelter Schülerschaft. An diesem Dienstagmorgen aber begrüßen sie einen leibhaftigen Gesundheitsminister in der Schulaula: Jens Spahn, der zudem aktuell in der Union als einer der Anwärter auf den Bundesparteivorsitz und eine Kanzlerkandidatur gilt.

Doch die CDU-Personaldebatte spielt in dieser politischen Schulstunde für die 16- bis 18-jährigen Schülerinnen und Schüler der Stufen Q1 und Q2 keine Rolle. Und darüber freut sich Religionslehrerin Birgit Prangenberg: „Wir wollen über Inhalte reden. Wir haben uns im Religionsunterricht intensiv mit der Organspende und der ethischen Verantwortung auseinandergesetzt. Ich habe gespürt, dass das für die Schüler ein echtes Anliegen ist – das ist im Religionsunterricht nicht immer so.“

10.000 Menschen warten auf ein Spenderorgan

Der Minister nimmt diesen Faden gerne auf. „Fast 10.000 Menschen stehen auf der Warteliste für ein Spenderorgan.“ Viele von ihnen leiden zu lang, viele von ihnen vergebens. Jens Spahn nennt Beispiele aus seinem persönlichen Lebensumfeld. Die Schüler spüren, dass ihm das Thema am Herzen liegt.

Gesundheitsminister Jens Spahn im Geschwister-Scholl-Gymnasiums mit Schülersprecherin Lara Terpelle und Schülersprecher Vincent Schlüter.

Gesundheitsminister Jens Spahn im Geschwister-Scholl-Gymnasiums mit Schülersprecherin Lara Terpelle und Schülersprecher Vincent Schlüter. © Stefan Grothues

Jens Spahn sagt: „Jeder sollte sich mal mit dem Thema Organspende beschäftigten.“ Die Wirklichkeit: Die Zahl der Organspenden ist seit Jahren rückläufig. Das zu ändern war auch das Ziel seiner Gesetzesinitiative zur „doppelten Widerspruchslösung“, wonach künftig jeder als Spender gelten sollte – außer man widerspricht. Dieser Vorstoß fand allerdings vor wenigen Wochen im Bundestag keine Mehrheit.

„Ist die Widerspruchslösung damit vom Tisch?“, will ein Schüler wissen. Jens Spahn sieht nicht nur die Niederlage. „Es ist noch nie soviel über das Thema diskutiert worden und das ist gut.“ Er selbst sei vor Jahren noch ein Gegner der Widerspruchslösung gewesen und habe seine Meinung geändert. Das Thema bleibe weiter auf der Tagesordnung.

Schüler mehrheitlich für Widerspruchslösung

Manche Schüler nicken: Bei einer Abstimmung im Religionskurs hatten sich zwei Drittel der Schüler für die Spahn‘sche Widerspruchslösung ausgesprochen. Dagegen aber hatten sich im Vorfeld der Bundestagsabstimmung die Kirchen ausgesprochen. Wie das der Christdemokrat Jens Spahn bewerte, will eine Schülerin wissen.

Der antwortet offen: „Wenn es nach der Kirche ginge, dann wäre ich auch nicht mit meinem Mann verheiratet.“ Die Stimme der Kirche nehme er „sehr, sehr ernst“, fügt Spahn hinzu. Das sage er aus Überzeugung „als alter Messdiener und KJG‘ler“. Aber die Stimme der Kirche sei eine Stimme unter mehreren. Spahn: „Das ist das Schöne, dass Staat und Religion getrennt sind.“

„Homosexualität ist in Ordnung“

Jetzt öffnen die Moderatoren Vincent Schlüter und Lara Terpelle die Fragerunde für andere Themen. Ein Schüler fragt, warum die umstrittene „Konversionstherapie“, die eine „Heilung“ von Homosexualität anstrebe, erst jetzt verboten werde.

Jens Spahns Antwort ist klar und persönlich: „Das Verbot sei ein klares gesellschaftliches Signal. Homosexualität ist in Ordnung und muss nicht therapiert werden. Die „Konversionstherapie“ sei mitnichten eine Therapie, sondern eine Manipulation, die Menschen in einen „Psychotunnel“ schicke mit dem Gefühl: „Mit mir ist etwas nicht in Ordnung.“

„Ich weiß wovon ich rede“, sagt der 39-jährige Minister. Es sei auch für ihn nicht einfach gewesen, als er vor 22, 23 Jahren als Jugendlicher in Ottenstein seine Homosexualität entdeckt habe. „2020 ist nicht 1997, das kann ich euch sagen. Wie schwierig es damals war, kann man sich heute kaum noch vorstellen.“ Der Minister schränkte aber ein. „Blöde Bemerkungen oder Briefe gibt es auch heute noch.“

Pandemie durch Coronarvirus nicht ausgeschlossen

Die Fragerunde drehte sich munter weiter. Coronavirus? Die Infektionskette sei bislang in Europa unterbrochen worden, so Spahn. „Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht anders wird. Eine weltweite Pandemie ist nicht auszuschließen.

Es sei aber schon viel gewonnen, wenn hier eine Infektionswelle um sechs bis acht Wochen verzögert werden könnte, damit das Gesundheitssystem nicht parallel gegen die „normale“ Grippewelle und dem Coronavirus zu kämpfen habe.

Minister ist gegen Cannabis-Legalisierung

Cannabisverbot? „Diese Frage ist in jeder Schulklasse ein Thema. Das beschäftigt viele“, so Spahn. Zum Schutz der Jugend sei das Verbot aber sinnvoll, „auch wenn die Jugend nicht geschützt werden will.“ Eine Legalisierung von Cannabis wäre aus Sicht des Ministers ein falsches Signal, „weil es ein Signal der Verharmlosung wäre.“ Schließlich sei medizinisch erwiesen, dass Cannabis gerade 13- bis 17-Jährigen „physisch und psychisch richtig schaden kann.“

Und was war für den Minister der größte Erfolg und die größte Niederlage? Jens Spahn schlägt den Bogen zurück zur Organspende und der Ablehnung der Widerspruchsregelung. „Das war für mich eine echte Enttäuschung.“

Stolz auf Masernimpfpflicht

Stolz aber sei er auf die Durchsetzung der Masern-Impfpflicht vor dem Besuch von Schulen und Kitas. Spahn: „Das ist seit der Pockenimpfung 1874 die erste verpflichtenden Impfung, die durchgesetzt werden konnte. Viele haben gesagt: Das geht in Deutschland gar nicht.“

Die Stunde geht ihrem Ende entgegen. Der Minister appelliert noch an die Schüler, ihre Stimme bei der Kommunalwahl am 13. September abzugeben und Einfluss auf die Politik vor Ort zu nehmen. Die Schüler verabschieden ihn mit einem herzlichen Applaus.

"Auf Augenhöhe mit dem Minister diskutiert": Eine positive Bilanz zogen nach der Veranstaltung (von links) Paul Voß, Birgit Prangenberg (Religionslehrerin und stellvertretende Schulleiterin) und Joelina Kreielkamp.

"Auf Augenhöhe mit dem Minister diskutiert": Eine positive Bilanz zogen nach der Veranstaltung (von links) Paul Voß, Birgit Prangenberg (Religionslehrerin und stellvertretende Schulleiterin) und Joelina Kreielkamp. © Stefan Grothues

Paul Voß (18) ist einer von ihnen. Er sagt: „Ich dachte Politiker wären strenger und unnahbarer. Er war aber locker und sympathisch, sehr überlegt und er hat sehr präzise geantwortet.“ Mitschülerin Joelina Kreielkamp (18) lobt: „Der Minister hat auf Augenhöhe mit uns gesprochen.“

Und auch das Moderatorenteam kann aufatmen. „Es war cool, nachdem die erste Aufregung vorbei war“, sagt Vincent Schlüter. Er wünschte sich fast, es hätte noch länger gedauert. „Wir hatten noch mehr Fragen, aber die Zeit war ja beschränkt.“

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