Hündin Cleo ist auch irgendwie als Ergotherapeutin im Einsatz. © Stefan Grothues
Geburtstag am 24. Dezember

Mit einem Badeunfall beginnt Chris Goldhagens neues Leben

Wenn man den am 24.12. geborenen Sohn Chris nennt, werden die Eltern wohl Besonderes für ihn erhofft haben. Gekommen ist es anders als gedacht: Chris Goldhagen ist gelähmt – und lebensfroh.

Chris – wie Christkind. Kein Zufall, dass Siegfried und Brunhilde Goldhagen ihrem Sohn den Vornamen Chris geben, als er am 24. Dezember 1981 auf die Welt kommt. Ein besonderer Name für ein Kind, das an diesem besonderen Tag geboren wurde. Zuerst deutet auch nichts darauf hin, dass Chris anders ist als andere. Vielmehr ist er ein ganz normales Kind, ein ganz normaler Jugendlicher, der die erste Hälfte seines Lebens in Dorsten verbringt.

Nur die Geburtstage sind von Anfang an immer irgendwie anders. Die klassische Kindergeburtstagsfeier mit Topfschlagen und Co. gibt es nicht. „Als Kleinkind habe ich mich um Geschenke schon betrogen gefühlt, auch wenn es dann mitunter etwas Größeres für Geburtstag und Weihnachten zusammen gab“, sagt er.

Und oft werden die Festtage in Stadtlohn verbracht, sozusagen der Zweitwohnsitz der Familie Goldhagen. Hier, auf dem idyllisch gelegenen Campingplatz des Hofes Liemann, verbringt Chris zusammen mit den Eltern und seinen Zwillingsschwestern nicht nur die Ferien, sondern praktisch jedes Wochenende. Eine unbeschwerte Zeit.

Chris Goldhagen hat klare berufliche Ziele, besucht ein Berufskolleg in Recklinghausen, um das Fachabitur in Gestaltungslehre abzulegen und will mal Richtung Design weitermachen. Zuerst aber muss er eine „Ehrenrunde“ drehen und beginnt halbe Tage im Postfachzentrum zu jobben. Auf dem Weg dorthin macht er erstmals die Erfahrung, wie schnell etwas passieren kann und baut mit seinem Roller einen „Satz“, wie er sagt, bleibt aber unverletzt.

Abschied vom alten Leben

Auch am 1. Juli 2001 deutet zuerst nichts darauf hin, dass es der Abschied von seinem alten Leben sein wird. Es ist Sonntag. Nach einem ausgiebigen Disco-Besuch mit Kumpels in Südlohn schläft der 19-Jährige länger, zieht sich gegen Mittag seine Badeshorts an, sonnt sich und will sich im Campingplatz-See noch etwas erfrischen. Ein Kopfsprung an der tiefsten Stelle des Sees und Chris taucht nicht mehr auf. Zuerst hält man es für einen schlechten Scherz, schließlich wird er rausgezogen. Bewusstlos.

Auch von diesem Bild musste sich Chris Goldhagen verabschieden. Zumindest so lange, bis die Haare nach der Chemo wieder wachsen. © privat © privat

Von da an besteht seine Erinnerung nur aus Bruchstücken. Diese eine Äußerung der Frau, die ihn Mund-zu-Mund beatmet und offenbar noch den Restalkohol bemerkt, verfolgt ihn aber noch Jahre danach: „Wer besoffen in den See springt, ist selber schuld…“

Zuerst denkt keiner der Beteiligten, Ersthelfer, Notarzt, Krankenhausärzte, an einen Genickbruch, sondern es gehen alle von einer Kreislaufschwäche aus. Erst, nachdem er vom Stadtlohner Krankenhaus zum Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum gebracht und dort untersucht wird, steht die Diagnose fest: Tetraplegie – Querschnittslähmung. Seinen 20. Geburtstag erlebt er im Krankenhaus.

Gelähmt, aber lebendig

Für die Eltern ein schwerer Schock, von dem aber weiß Chris Goldhagen noch nichts, da er sich lange Zeit im künstlichen Koma befindet. Als er aufwacht und von alldem hört, ist seine erste Reaktion: „Scheiße, ich bin gelähmt, aber ich lebe.“

Und er kämpft sich ins Leben zurück, spielt Rollstuhl-Rugby, wird sogar Deutscher Meister und bekommt einen anderen Freundeskreis. Die Dorstener Freunde, mit denen er vorher so intensiv Sport gemacht hat, haben sich in Luft aufgelöst, wie er sagt. „Die sind mit der Situation nicht klar gekommen.“ Die Dartsfreunde aus Stadtlohn aber bleiben an seiner Seite.

Seit zwei Jahren kämpft er darum, ein Handbike mit E-Unterstützung zu bekommen. Bisher vergeblich. Nach zwei Jahren Bemühungen, Gutachten und Schriftverkehr hofft der 39-Jährige doch noch auf eine positive Wende.

Sogar das Sozialgericht beschäftigt sich mit dem Fall. Ein solches Bike aber wäre für ihn ein weiterer Schritt zu mehr „Freiheit“. „Der schlimmste Verlust durch den Unfall ist nämlich der der Selbstständigkeit“, sagt er. Durch verschiedene Therapien und vor allem einen starken eigenen Willen hat er es geschafft, alleine zu essen und hat sich dafür den „Pinzettengriff“ antrainiert.

Chris Goldhagen mit seinen Eltern Siegfried und Brunhild Goldhagen. Und immer dabei: Labrador-Hündin Cleo. Die Dart-Scheibe hat in Chris Goldhagens altem Leben eine große Rolle gespielt. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Im Lebensalltag benötigt er Hilfe. Selbst für die einfachsten Dinge. Für die Eltern von Chris Goldhagen, in deren Haus sich der Sohn eine kleine Wohnung eingerichtet hat, ein Rund-um-die-Uhr-Aufgabe. Eine, die sie zwar oft an den Rand der Erschöpfung bringen, die sie aber nie in Frage gestellt haben.

„Für ein Kind tut man doch alles“, betont Brunhilde Goldhagen. Und für Chris ist die Familie auch sein Lebensanker, oder wie es sein Vater ausdrückt: „Kraft heißt auch Familie.“

Neue Herausforderungen

Die allerdings wird seit Mai erneut auf die Probe gestellt. Da wurde bei Chris Morbus Hodkin, Lymphdrüsenkrebs, festgestellt. Durch die Chemotherapie hat er alle Haare verloren. „Jetzt bin ich ein Krüppel ohne Haare“, gibt er eine Kostprobe seines schwarzen Humors.

Trotz aller riesigen Herausforderungen aber, denkt Chris positiv: „Aufgeben war für mich nie eine Alternative, das wäre ja auch zu einfach.“ Zugute kommt ihm dabei sein „lebensbejahendes Wesen“. Auch die Frage nach dem „warum“ stellt er nicht.

Daher blickt er nach vorne, hat als Rollstuhlfahrer in Maria Veen sogar eine Ausbildung als Technischer Zeichner im Maschinen- und Anlagenbau absolviert. Nur einen Job hat er bislang nicht gefunden. Den zu bekommen ist ja auch nicht so einfach, da er in vielerlei Hinsicht Hilfestellung braucht. Homeoffice wäre da die beste Alternative.

Fitness für Geist und Seele

Auch körperlich kämpft er gegen seine medizinischen Baustellen. Neben der wöchentlichen Therapie dreht er kleine Runden, oft begleitet von Hündin Cleo, die mit ihren unermüdlichen Aufforderungen zum Ballspielen gleichzeitig als Ergotherapeutin ihres „Herrchens“ wirkt.

Das Internet hat für Chris Goldhagen große Bedeutung. Ist Freizeitvergnügen und auch Kommunikationszentrale. Hier hat er eine neue Community, einen neuen Freundeskreis gefunden. Zum Spielen, Reden, Lachen.

Zu Weihnachten hat das Geburtstagskind Chris Goldhagen eigentlich nur diese Wünsche: „Dass alle gesund bleiben und dass es endlich klappt mit dem E-Bike.“ Und vielleicht noch, dass es Steaks als Festessen gibt. Und auch in das kommende Jahr nimmt er sein Lebensmotto mit: „Ich lebe mein Leben, nur anders.“

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