Hamid Arif (15) will einen guten Schulabschluss, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Darum geht er in den Ferien freiwillig in die Lern-Bar der Losbergschule, um Wissenslücken nach dem Corona-Lockdown aufzufüllen. Im Hintergrund Eva Vehring (Jugendwerk), Gerrit Messelink (Schulsozialarbeiter) und Schulamtsleiter Klaus-Dieter Weßing. © Stefan Grothues
Losbergschule

Modell für Stadtlohner Schulen: Lern-Bar füllt Lücken nach Lockdown auf

Homeschooling ade! Der Schulbetrieb in der Losbergschule läuft wieder ganz normal. Aber die Zeit des Lockdowns hat Wissenslücken hinterlassen. Sie sollen in der „Lern-Bar“ aufgefüllt werden.

„Ich habe zuhause nichts gemacht.“ So beschreibt Hamid Arif geradeheraus die Zeit des Homeschoolings. Dabei sei die Schule ihm ganz und gar nicht egal, sagt der Fünfzehnjährige, der die achte Klasse an der Losbergschule besucht. „Ich wollte ja etwas tun. Aber dann habe ich es immer vor mir hergeschoben. Und dann war irgendwie keine Zeit mehr, um die Aufgaben zu machen. Es macht mir einfach keinen Spaß, alleine zu lernen“, sagt Hamid. Nach der Rückkehr in die Schule spürt er jetzt die Lücken: „Ich habe schlechtere Noten in Mathe, Deutsch, Englisch …“ Die Liste ist noch länger.

Jeder dritte Schüler hat nach Corona Wissenslücken oder schlechtere Noten

Hamid ist kein Einzelfall, weiß Schulsozialarbeiter Gerrit Messelink. Er und seine Kollegin Michelle Cannoletta schätzen, dass etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nach dem Corona-Lockdown schlechtere Noten hat als vorher. Ein weiteres Drittel der Schüler hingegen sei gut mit dem Homeschooling klar gekommen.

Und das dritte Drittel? „Es gibt auch Schülerinnen und Schüler, für die die Zeit des Homeschoolings und des Wechselunterrichts in kleinen Gruppen eine echte Chance war“, sagt Schulsozialarbeiterin Michelle Cannoletta. Das seien Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten in großen Gruppen, die bei einer Einzelbetreuung durch die Eltern aufgeblüht seien.

Lern-Bar soll individuell und zielgerichtet fördern

Aber das war nicht Hamids Welt. Und auch nicht die von vielen anderen. Darum haben die Schulsozialarbeiter der Losbergschule, das Jugendwerk und die Stadt Stadtlohn gemeinsam das Programm „Lern-Bar“ initiiert. Dort sollen zunächst vor allem die Neuntklässler die Chance erhalten, außerhalb des normalen Unterrichts den Unterrichtsstoff nachzuarbeiten. Zielgerichtet, individuell und motivierend. In den Ferien. Freiwillig.

Freiwillig in den Ferien? „Ja“, sagt Gerrit Messelink. In den letzten beiden Ferienwochen vom 2. bis zum 12. August sollen jeweils von montags bis donnerstags von zehn bis eins insgesamt vier Kurse im Mensa-Gebäude der Losbergschule angeboten werden. 40 bis 50 Jugendliche könnten daran teilnehmen.

Messelink: „Die Motivation der Neuntklässler ist da. Ihnen ist bewusst, dass nun das wichtige Abschlussjahr auf sie zukommt.“ Auch viele Eltern seien in Sorge. Sie wissen um die Bedeutung, ob ihre Kinder mit dem Hauptschul- oder mit dem Realschulabschluss die Losbergschule verlassen.

Lernen in der „coolen Lounge“

Die Motivation der Jugendlichen will Eva Vehring, die sozialpädagogische Leiterin des Jugendwerks Stadtlohn, durch eine besondere Atmosphäre hochhalten. „Es soll kein Schuleindruck entstehen, es sind ja Ferien.“ Die Klassenzimmer werden gemieden. Gelernt wird in einer „coolen Lounge“ im Ganztagsgebäude der Schule. Der Unterricht wird von Lehramtsanwärtern gestaltet. Die Klassenlehrer benennen vorab die individuellen Wissenslücken.

Finanziert wird die Lern-Bar zu 80 Prozent vom Land NRW. 20 Prozent steuert die Stadt bei. Für die Teilnehmer ist sie kostenfrei. „Das ist einhelliger politischer Wille in der Stadt“, sagt Schulamtsleiter Klaus-Dieter Weßing. Das gelte auch für eine Ausweitung des Programms im Jahr 2022 auf das Geschwister-Scholl-Gymnasium und auf die Herta-Lebenstein-Realschule.

Für Hamid ist die Anmeldung schon abgemachte Sache. Das zehnte Schuljahr strebt er nicht an. Darum ist das anstehende neunte Schuljahr für ihn besonders wichtig. „Ich will gute Noten haben, um parallel zum neunten Schuljahr an einem Tag in der Woche auch ein Jahrespraktikum als Dachdecker machen zu können. Danach hoffe ich auf einen Ausbildungsplatz.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Vier Wochen Ferien sind ja genug. Ich kann auch mal zwei Wochen zusätzlich lernen. Ich will mein Bestes geben.“

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Stefan Grothues

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