Bürgermeister Berthold Dittmann in seinem Amtszimmer. © Stadt Stadtlohn
100-Tage-Bilanz

Nach 100 Tagen: Berthold Dittmann will nicht Schulden-Bürgermeister sein

Stadtlohns erster unabhängiger Bürgermeister ist seit 100 Tagen im Amt. Wir haben mit Berthold Dittmann über Glück und Ärger gesprochen. Und über die wichtigste Aufgabe der nächsten 100 Tage.

Seit dem 1. November ist Berthold Dittmann Bürgermeister der Stadt Stadtlohn. Im Gespräch mit Redakteur Stefan Grothues hat er eine Bilanz der ersten 100 Tage gezogen, die im Schatten der Corona-Pandemie standen.

Heute vor 100 Tagen haben Sie Ihr Bürgermeisteramt angetreten. Spüren Sie noch was vom Zauber eines Anfangs oder ist der Gang ins Rathaus schon Routine?

Keine Frage, der Zauber ist noch da! Die Aufgabe ist total spannend, es macht Spaß, sie auszufüllen zu dürfen. Ja, das Funkeln in den Augen ist noch da.

Was haben Sie im Rathaus verändert?

Weniger Besprechungen, weniger Papier: Bei den Besprechungen gab es manche eingefahrene Routinen. Ich hatte das Gefühl, Mitarbeiter zu oft in Besprechungen zu sehen. Nach den ersten vier Wochen habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt schon auf dem Stuhl des Bürgermeisters gesessen habe. Ich habe versucht, das ein wenig zu straffen. Die Aktenrundläufe werden weniger. Mails und andere digitale Wege werden jetzt häufiger genutzt.

Bürgermeister Berthold Dittmann strebt das papierlose Rathaus an.
Bürgermeister Berthold Dittmann strebt das papierlose Rathaus an. © Stadt Stadtlohn © Stadt Stadtlohn

Und hat das Rathaus Sie schon verändert?

Gute Frage … (überlegt). Ich bin hier und da ausgebremst worden. Das meine ich nicht im negativen Sinne. Manche Dinge hätte ich vielleicht schneller verändern wollen. Meine Ungeduld ist aber immer noch da. Aber ich musste hier und da lernen, die Menschen besser mitzunehmen. Aber groß verändert hat sich das Rathaus nicht – hoffe ich mal.

Kennen Sie jetzt alle 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus schon persönlich?

Bei dem einen oder anderen muss ich noch mal kurz überlegen, aber die meisten kann ich direkt mit Namen ansprechen. Es macht viel Spaß, weil ich sehr, sehr gut aufgenommen worden bin.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Es gibt viele Besprechungen, interne und externe. Persönliche Begegnungen sind auf das Notwendigste begrenzt. Im großen Sitzungssaal können wir aber Besprechungen abhalten. Viele Termine mit Vertretern anderer Behörden oder mit Investoren stehen ja schon seit Langem fest. Vieles lässt sich aber auch über Videokonferenzen regeln. Zum Aktenstudium bleibt mir – fast hätte ich leider gesagt – oft wenig Zeit. Um dafür Ruhe zu haben, bleib ich abends schon mal länger. Oder ich lese eingescannte Akten am Wochenende zu Hause.

Und haben Sie sich das so vorgestellt?

Eigentlich schon, ja. Aber es fehlt ja coronabedingt noch ein ganz wesentlicher Teil der Bürgermeisteraufgaben: die Repräsentationsaufgaben. Ich habe mich schon gefragt, wie die noch in den Terminkalender passen können. Aber sie sind ja wichtig. Sie sind ein Bindeglied zu den Bürgerinnen und Bürgern. Bei allem, was wir machen, fehlt ein wenig die Rückkoppelung, das direkte Gespräch. Das fühlt sich nicht ganz richtig an.

Was war für Sie bislang die größte Überraschung im neuen Amt?

Überraschung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Beeindruckt hat mich am meisten, wie ich im Rathaus empfangen wurde, wie ich von jeder Seite Unterstützung bekam, das hat mich beeindruckt.

Und was war bislang der größte Ärger?

Dass wir bei der Digitalisierung ausgebremst werden. Es ging konkret um den digitalen Postlauf und um Rechnungseingänge. Obwohl wir Fachfirmen damit beauftragt haben, fehlt die Kompatibilität und es gibt keine vernünftigen Lösungsansätze. Das ärgert mich. Gerade in der Frage der Digitalisierung muss es doch schnell vorangehen.

Welche Ihrer Entscheidungen war bislang die wichtigste?

(überlegt). … Das könnte ich jetzt nicht einmal sagen. Alles hat ja seine Komplexität. Da gibt es zumeist nicht die eine Entscheidung.

Haben Sie schon mal eine schlaflose Nacht wegen Ihres Amtes gehabt?

Nein. Aber ich stehe jetzt sehr früh auf und arbeite schon mal zu Hause bei einer Tasse Kaffee. Da wundern sich schon mal die Mitarbeiter, wenn sie im Posteingang eine sehr frühe Mail von mir finden.

Mit wem beraten Sie sich in wichtigen Fragen?

Besonders oft mit dem Ersten Beigeordneten Günter Wewers und dem Kämmerer Matthias Wesker und den Fachbereichsleitern. Die Zusammenarbeit mit Günter Wewers ist wirklich sehr gut, obwohl wir ja vor der Wahl Konkurrenten waren. Ich glaube, er sieht das auch so. Es ist wichtig, dass wir uns abstimmen und gemeinsam eine Richtung haben. Hilfreich ist auch der Austausch mit den anderen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern.

Abgesehen von Corona: Welche Themen haben Sie in den ersten 100 Tagen am meisten beschäftigt?

Haushalt, Haushalt, Haushalt! In der Verwaltung haben wir den Entwurf vorbereitet, der jetzt von der Politik beraten wird. Des Weiteren beschäftigen uns gerade viele Bauthemen und der große Investitionsbedarf an städtischen Gebäuden wie zum Beispiel die Hilgenbergschule.

Die Haushaltsplanberatungen stehen jetzt an. Die Pro-Kopf-Verschuldung der Stadtlohner wird in diesem Jahr voraussichtlich einen großen Sprung machen. Sie steigt um 750 Euro auf 2500 Euro – ein Spitzenwert im Kreis Borken. Macht Ihnen das nicht Sorgen?

Ja, grundsätzlich schon. Aber man darf nicht alles an dieser einen Zahl festmachen. Wir dürfen nicht von jeder Investition Abstand nehmen. Mein Vorschlag ist aber, dass wir jetzt im Arbeitskreis eine langfristige Perspektive für den Haushalt entwickeln. Ich bin der erste unabhängige Bürgermeister der Stadt Stadtlohn. Ich möchte dazu nicht noch den Titel des Schulden-Bürgermeisters haben.

Ganz konkret: Wo kann und muss die Stadt aus Ihrer Sicht Geld sparen?

Wir müssen bei der Planung und Entwicklung von Flächen genau überlegen, was wir dem freien Markt überlassen können. Diese Frage müssen wir uns zum Beispiel bei der Entwicklung von Gewerbeflächen stellen. Eine klare Antwort darauf habe ich noch nicht. Wir müssen auch feste Budgets für bestimmte Bereiche schaffen. Und wir müssen uns bei unseren eigenen Immobilien fragen, wie wir personelle Ressourcen effizienter einsetzen können.

Mehr Transparenz war für Sie ein großes Wahlkampfthema. Wie läuft der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern?

Wegen der Corona-Pandemie läuft der Dialogtag, den ich den Bürgern einmal im Monat anbiete, noch etwas verhalten an. Im Januar gab es etliche Anrufe. In den Videochat aber hat sich noch keiner getraut. Am Donnerstag (11. Februar) ist wieder ein Dialogtag. Ab 9 Uhr bin ich für die Stadtlohnerinnen und Stadtlohner zu sprechen.

Was wollen Sie in den nächsten 100 Tagen unbedingt erledigen?

Ich möchte insbesondere dem Einzelhandel und der Gastronomie auf die Beine helfen. Das ist eine echte Aufgabe, die wir als städtische Gemeinschaft stemmen müssen. Ich will unbedingt verhindern, dass wir am Ende von Corona eine leere Innenstadt haben.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
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Stefan Grothues

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