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Nach Tills Geburt bauten Handwerker den Kreißsaal ab

mlzGeburtshilfe verlegt

Genau 100 Kinder haben in diesem Jahr im Stadtlohner Kreißsaal das Licht der Welt erblickt. Ein 101. Kind wird hier nicht geboren werden. Die Handwerker haben mit der Demontage begonnen.

Stadtlohn

, 02.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Der kleine Till schläft selig. Seine Eltern Jennifer (31) und André (34) Beeke sind im siebten Himmel. Aufregende Tage liegen hinter den Dreien. Am Freitag um 23.37 Uhr hat Till im Kreißsaal des Stadtlohner Krankenhauses das Licht der Welt erblickt, 60 Zentimeter groß, 4015 Gramm schwer und kerngesund. Die kleine Familie ist glücklich. „Es ist alles perfekt gelaufen“, sagt die junge Mutter.

Das 100. Kind ist das letzte

Till ist das 100. Kind, das in diesem Jahr im Krankenhaus Maria-Hilf geboren wurde. In den letzten Jahren wurden hier weit über 400 Geburten gezählt, Jahr für Jahr. Doch Tills Geburt war für das Team der Geburtshilfestation alles andere als Routine. Es war die letzte Geburt vor der endgültigen Schließung des Kreißsaals. Die ersten Stadtlohner Hebammen haben bereits am Montag ihren Dienst am neuen Einsatzort im St.-Marien-Krankenhaus in Ahaus aufgenommen. Die Kinderkrankenschwestern und das Ärzteteam betreuen in Stadtlohn zurzeit noch fünf Mütter mit ihren Neugeborenen. Am Mittwoch wird die letzte Mutter entlassen. Dann ist die Stadtlohner Geburtshilfestation Geschichte.

Nach Tills Geburt bauten Handwerker den Kreißsaal ab

Jennifer und André Beeke sind glücklich mit ihrem kleinen Till. Er erblickte als 100. Baby des Jahres 2019 in Stadtlohn das Licht der Welt. Danach schloss der Kreißsaal seine Türen – für immer. © Stefan Grothues

Um dauerhaft „eine wohnortnahe geburtshilfliche Versorgung zu sichern, hatte sich das Klinikum Westmünsterland im vergangenen Jahr dazu entschlossen, die beiden geburtshilflichen Abteilungen in Ahaus und Stadtlohn zusammenzulegen. Die Entscheidung hatte nach Bekanntwerden im Oktober 2018 für viele Diskussionen und auch für Proteste in der Bevölkerung gesorgt. „Wenn wir nicht gehandelt hätten, hätten wir dauerhaft die Zukunft der Geburtshilfe im Nordkreis riskiert. Nur gemeinsam können wir dauerhaft zukunftssichere Strukturen schaffen,“ sagt Holger Winter, Geschäftsführer im St.-Marien-Krankenhaus Ahaus-Vreden und im Krankenhaus Maria Hilf Stadtlohn. Bereits im Juni 2018 hatte sich das Stadtlohner Krankenhaus dem Klinikum Westmünsterland angeschlossen, zu dem auch das Ahauser Krankenhaus gehört.

Viel Lob für die familiäre Atmosphäre

Jennifer und André Beeke sind Gescheraner. Sie haben die Schließungsdiskussion in ihrer Nachbarstadt Stadtlohn aufmerksam verfolgt. „Für uns stand von Anfang an fest, dass wir zur Geburt ins Stadtlohner Krankenhaus fahren wollen“, sagt André Beeke. „Wir hatten von Freunden und Verwandten ja nur Gutes über die Geburtsstation in Stadtlohn gehört. Alle waren von der familiären und freundlichen Atmosphäre und von den Räumlichkeiten begeistert.“ Und der errechnete Geburtstermin passte so gerade eben: 24. März, eine Woche vor der geplanten Schließung. Till machte es aber noch einmal spannend, indem er sich mit seiner Geburt noch fünf Tage länger Zeit ließ.

Am Freitag wurde die Geburt eingeleitet. „Als wir ins Krankenhaus kamen, waren wir erst ein wenig erschrocken. Rund um den Kreißsaal trafen die Handwerker schon die ersten Vorbereitungen für den Abbau“, erzählt Jennifer Beeke. Und dann gab es am Freitagmorgen kurzzeitig kein Wasser mehr. „Gleich schalten sie noch den Strom ab“, scherzte André Beeke. So kam es natürlich nicht. Der vorübergehende Druckabfall in der Wasserleitung hatte auch nichts mit den Handwerkern im Krankenhaus zu tun, sondern mit einem Brand im Wasserwerk. Doch dann lief alles ganz reibungslos.

Nach Tills Geburt bauten Handwerker den Kreißsaal ab

Müssen schweren Herzens Abschied von der Stadtlohner Geburtenstation nehmen (von links): Praktikantin Lara Koch, Kinderkrankenschwester Birgit Jansen und Nachtschwester Anneliese Geesink. Ab Mittwoch ist ihr Arbeitsplatz in Ahaus. © Stefan Grothues

Drei Tage später ist der Kreißsaal schon leer geräumt. Kabel hängen von der Decke. Nur die große Wanne für Wassergeburten und die freundliche Himmelstapete an der Decke erinnern an die emotionale Geschichte des Raumes. Kinderkrankenschwester Birgit Jansen und Nachtschwester Anneliese Geesink schauen sich traurig um. „Heute auf den Tag genau vor genau 30 Jahren habe ich hier in Stadtlohn auf der Kinderstation angefangen“, sagt Birgit Jansen. Tausende von Müttern und Neugeborenen hat sie in all den Jahren betreut. Eines der Kinder hieß Lara Koch. Die steht heute als Praktikantin mit Birgit Jansen im ausgeräumten Kreißsaal. So wie das ganze Team, wird sie ab Mittwoch nach Ahaus wechseln.

Pizza und Rotwein zum Abschied

Am Sonntagabend haben alle noch einmal auf dem Flur vor dem Kreißsaal an einer langen Tafel Platz genommen: Hebammen, Kinderkrankenschwestern, Frauen- und Kinderärzte, Schülerinnen, Reinigungskräfte und Praktikantinnen. „Wir waren fast 40 Leute. Es gab Pizza und Rotwein. Es war ein richtig schöner Abend“, sagt Birgit Jansen. Schön und emotional. „Es sind auch Tränen geflossen.“ Anneliese Geesink schaut sich auf der Baustelle, die einmal der Kreißsaal war, um. Hier entsteht jetzt eine kardiologische Abteilung. Sie sagt: „Wenn ich das hier so alles sehe, dann ist es jetzt wirklich Zeit für den Wechsel.“ Und Birgit Jansen ergänzt: „Ja, wir wollen jetzt nach vorne schauen.“

Jennifer Beeke und ihr Sohn Till werden am Dienstag entlassen. Bei aller Freude und aller ausgezeichneten Betreuung spürten die frischgebackenen Eltern auch den Abschiedsschmerz im Team. „Ich habe auch mal Tränen bei den Schwestern gesehen“, sagt André Beeke. „Das kann man ja auch nachvollziehen. Nach all den Jahren“, sagt seine Frau. Die beiden haben ihre Entscheidung für das Stadtlohner Krankenhaus nicht bereut. Im Gegenteil. „Die Mitarbeiter hier behandeln jedes Kind so, als wäre es ihr eigenes“, sagt André Beeke. Er und seine Frau würden sich jederzeit wieder für eine Geburt in Stadtlohn entscheiden – wenn es den Kreißsaal noch gäbe.

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