Norbert Sass und sein Anwalt Frank Theumer (l.) bei der Verfahrenseröffnung im Amtsgericht Heilbronn im Jahr 2019. © Christiane Hildebrand-Stubbe
Umstrittene Krebs-Therapie

Polizeibeamte führen Norbert Sass aus dem Gerichtssaal ab

Von Polizeibeamten begleitet musste Norbert Sass das Amtsgericht Heilbronn Richtung Untersuchungsgefängnis verlassen. Angeklagt ist der 70-Jährige wegen einer illegalen Krebs-Therapie.

Es ist Dienstag, 27. April, kurz nach 16 Uhr. Sieben Stunden nach Verhandlungsbeginn im Amtsgericht Heilbronn verliest Richter Lobmüller den Haftbefehl gegen Norbert Sass. Das Ende des ersten Verhandlungstages der neuen Verfahrensrunde mit dem ehemaligen Stadtlohner als Angeklagtem, da nach einer coronabedingten mehrmonatigen Pause der ganze Prozess neu aufgerollt werden muss.

Auf dem Aushang zur öffentlichen Hauptverhandlung im Sitzungssaal 145 in der Sache Norbert Sass „wegen Betruges u.a.“ fehlt diesmal der Doktortitel. Das war bei Prozessbeginn im Januar 2020 noch anders.

Zweifel am Doktortitel

Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines akademischen Grades gab es von Beginn an. Der aber spielt bei der juristischen Klärung der Anklagepunkte eine gewichtige Rolle, weil mehrere Betroffene davon ausgegangen waren, dass Norbert Sass, ehemals Betreiber des Löwenhofes in Stadtlohn-Wendfeld, Mediziner sei und als solcher die Exosomen-Therapie (Ableger von Stammzellen) auch eingesetzt hat.

Wie berichtet, hatte Norbert Sass trotz öffentlicher „Auftritte“ als Dr. med. bestritten, sich jemals so vorgestellt zu haben. Unbestritten ist aber, dass er mehreren schwer an Krebs Erkrankten seine „Therapie“, für die er nach wie vor keine Zulassung hat, aber nach wie vor Geldgeber sucht, verkauft hat.

Doppelter Einsatz vor Gericht

Für mich war es diesmal eine ganz neue Erfahrung: Nicht wie im Januar 2020 als Berichterstatterin im Einsatz, sondern für den Verfahrenstag war ich auch als Zeugin geladen. Deswegen, weil unsere Redaktion im Oktober 2017 über die Thematik mit Norbert Sass als Hauptakteur groß berichtet hatte.

Vor mir, ich war die Letzte an dem Tag, waren schon fünf weitere Zeugen und ein Sachverständiger zu Wort gekommen. Offensichtlich hat das aber nicht zu einer tatsächlichen Entlastung des Angeklagten geführt, sodass Staatsanwältin Bettina Jörg beantragte, den wegen dessen Gesundheitszustandes ausgesetzten Haftbefehl wieder neu zu beantragen.

Richter erlässt Haftbefehl

Dem gab Richter Lobmüller nach Beratung mit den beiden Schöffen auch statt. Wegen Wiederholungsgefahr, führte er aus. Mildere Mittel, um einen Haftbefehl zu vermeiden, schloss er in diesem Fall aus. Dagegen spreche die weitere aktive Suche nach Investoren für seine Methode und ein Versprechen von rund 200 Prozent Rendite.

In seiner Begründung verwies der Richter auch auf zwei weitere Verfahren gegen Sass. Am 28. Mai 2020 hatte das Amtsgericht Magdeburg Norbert Sass verurteilt, 60.000 Euro der Behandlungskosten an die Hinterbliebenen einer verstorbenen Patientin zu zahlen. Die Berufung gegen dieses Urteil wurde vom OLG Naumburg am 6. November 2020 zurückgewiesen. Eine Klage eines weiteren Hinterbliebenen auf Rückzahlung der Behandlungskosten liegt beim Landgericht Heilbronn. Das Verfahren ruht. Bis zur strafrechtlichen Entscheidung des Amtsgerichts.

Dafür sind bislang zwei weitere Verhandlungstage, am 4. Und 18. Mai angesetzt.

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