Randale im Rathaus und Hammer-Attacke auf Schaufenster bringen Stadtlohner vor Gericht

mlzLandgericht Münster

Ein obdachloser Stadtlohner sorgte 2018 gleich öfter für Schlagzeilen. Unter anderem zerlegte er das Bürgerbüro und zerstörte ein Schaufenster mit einem Hammer. Nun steht er vor Gericht.

Stadtlohn

, 07.01.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Jackett zugeknöpft, die verbliebenen Haare ordentlich gerichtet, das Gesicht frisch rasiert. Nein, dieser 50-jährige Mann verbreitet auf den ersten Blick keine Angst und Schrecken. Beim Prozessauftakt am Dienstagmorgen vor dem Landgericht Münster folgte er den Ausführungen des Staatsanwalts aufmerksam, die Fragen des Richters beantwortete er rhetorisch gewandt. Keine Frage, dieser Mann hat eine gute Kinderstube und Bildung genossen. Und doch wiegen die Anschuldigungen gegen den Stadtlohner schwer.

Im Jahr 2018 eskalierten gleich drei Situationen derart, dass jeweils erst Außenstehende und dann die später hinzugestoßene Polizei den 50-Jährigen mit viel körperlicher Anstrengung stoppen mussten.

Ausraster im Sozialamt der Stadt Stadtlohn

Der erste Vorfall ereignete sich an einem Freitag im März 2018. Der obdachlose Frührentner war knapp bei Kasse und hatte nach eigenen Angaben den sonst üblichen Gang zur örtlichen Tafel „verpennt“. Mit Blick auf das Wochenende begab er sich ins Rathaus, um im Sozialamt nach einem Vorschuss zu fragen.

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Dieser wurde ihm vom zuständigen Sachbearbeiter, der am Dienstag als Zeuge geladen war, nicht gewährt. „Wir waren in ähnlichen Fällen in der Vergangenheit ein paar Mal in Vorleistung gegangen, aber die Intervalle, in denen er nach weiteren Leistungen gefragt hat, wurden immer kürzer. Irgendwann haben wir keine Regelung mehr gefunden“, erklärte der Mitarbeiter der Stadt Stadtlohn dem Richter.

Das habe beim 50-Jährigen für sichtbaren Unmut gesorgt. „Ich kannte ihn so gar nicht und war sehr überrascht. Er war zuvor nie aufbrausend gewesen“, so der Sachbearbeiter weiter.

Erst Ex-Polizist kann Situation stoppen

Der Richter verwendete für den Gemütszustand des Angeklagten ein anderes Vokabular: „Er war komplett in Rage und außer Kontrolle.“ Denn während es der 50-Jährige im Büro des Sachbearbeiters beim Knallen einer Schranktür beließ, drehte er anschließend komplett durch. Mit roher Gewalt schmiss er im Bürgerbüro den Kopierer und mehrere Schreibtische um, warf Monitore und Blumentöpfe auf den Boden und beleidigte die anwesenden Mitarbeiter aufs Übelste.

Randale im Rathaus und Hammer-Attacke auf Schaufenster bringen Stadtlohner vor Gericht

Eine Spur der Verwüstung hinterließ der 50-jährige Stadtlohner. © Stadt Stadtlohn

„Ich habe kurzfristig Rot gesehen“, räumte der Angeklagte kleinlaut ein. „Das war auf keinen Fall eine geplante Aktion.“ An die Details könne er sich auch nur noch schemenhaft erinnern. Mit der Relativierung, „ja nicht den ganzen Laden auseinandergenommen zu haben“, sorgte er jedoch für Stirnrunzeln bei Richter und Staatsanwaltschaft. Denn erst das beherzte Eingreifen des stellvertretenden Fachbereichsleiters vom Ordnungsamt sorgte dafür, dass der 50-Jährige gestoppt werden konnte. Fotos zeigen eine Schneise der Verwüstung.

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Der ehemalige Polizist hatte ihn in einer günstigen Situation zu Boden gerungen und bis zum Eintreffen seiner Ex-Kollegen festgesetzt. Dieser bestätigte aber zumindest in Teilen die Beteuerungen des 50-Jährigen: „Er machte keine Anstalten, Menschen anzugreifen.“ Dennoch folgte für den Stadtlohner ein mehrtägiger Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Den stationären Aufenthalt verlängerte er auf eigenen Wunsch.

Handgemenge mit Brieftaubenzüchter

Obwohl er von da an regelmäßig seine Medikamente einnahm, ereignete sich nur wenige Monate später der nächste schwere Konflikt. Und dieses Mal richtete sich die Wut des Stadtlohners auch gegen Menschen. Vor Gericht berichtete er von einer Dauerrivalität zwischen den Bewohnern seiner Obdachlosen-Notunterkunft und Mitgliedern des benachbarten Taubenzüchtervereins.

„Es gab öfter Reibereien und Differenzen. Sie wollen uns am liebsten weghaben. Ich habe immer einen großen Bogen um die Taubenzüchter gemacht“, erklärte der 50-Jährige. Dennoch sei es eines Tages zu einem handfesten Konflikt mit einem Taubenzüchter gekommen. Dieser habe ihn zu sich rübergerufen, dann die Hände wie für einen Faustkampf gehoben. „Ich dachte, er wollte mir was. Deshalb kam es zu einer kleinen Rauferei. Ich wollte mich nur verteidigen“, erklärte der Stadtlohner.

Erst als der Richter ihm die Aussage des Taubenzüchters vorlas („der Streit wurde durch eine Provokation des 50-Jährigen entzündet“), räumte der Stadtlohner ein, „dass es auch so gewesen sein könnte“. Obwohl auf Fotos die Gesichtsverletzungen des Taubenzüchters festgehalten worden waren, beharrte der Stadtlohner auf seiner Aussage, nur mit der flachen Hand zugeschlagen zu haben. Auch den gezielten Schlag gegen eine damals ebenfalls anwesende Taubenzüchterin stritt er ab: „Sie wollte dazwischengehen und da habe ich sie vielleicht aus Versehen getroffen.“

Dritter Vorfall sorgt für viele Fragezeichen

Je länger die Verhandlung am Dienstagvormittag dauerte, desto mehr bröckelte die Fassade des Angeklagten. Immer öfter verstrickte er sich in seinen Aussagen und blickte hilfesuchend zu seiner Verteidigerin. Denn während es bei den ersten beiden Vorfällen im Jahr 2018 zumindest noch Anhaltspunkte für das Verhalten des 50-Jährigen gab, sorgte ein weiterer Ausraster im November des Jahres nur noch für Fragezeichen.

Mit einem Hammer bewaffnet hatte er die Schwester seines Schwagers aufgesucht. Diese sei ihm schon immer unsympathisch gewesen, deshalb habe er sich an diesem Tag unflätig ihr gegenüber geäußert: „Es war meiner unbefriedigenden Lebenssituation geschuldet. Ich war in Rage.“

Randale im Rathaus und Hammer-Attacke auf Schaufenster bringen Stadtlohner vor Gericht

Der Hammer hinterließ an der Schaufensterscheibe deutliche Spuren. © Stefan Grothues

Ebenfalls räumte er ein, den Hammer drohend über seinen Kopf gehalten zu haben. Dass er allerdings im Anschluss einen der Hunde seiner „Schwippschwägerin“ getreten habe - so wie es in der Anklageschrift steht - bestritt er vehement: „Ich bin tierlieb. Das sind boshafte Unterstellungen. Ich weiß nicht, warum die Frau so etwas sagt.“

Scheibe einer Bücherei eingeschlagen

Doch nicht nur seine entfernte Verwandte bekam die Wut des 50-Jährigen zu spüren. Direkt im Anschluss hatte er sich zu einem nahegelegenen Stadtlohner Buchladen begeben, bedrohte dort die Inhaberin und schlug mit dem Hammer auf die Scheibe ein, die klirrend zu Bruch ging. Als die Inhaberin sich aus Panik in dem Geschäft einschloss, zerstörte der Angeklagte die Eingangstür mit einem weiteren gezielten Schlag. Erst dann konnten ihn Passanten überwältigen und später der Polizei übergeben.

Als Grund für seine Ausraster verwies der Stadtlohner im Laufe des ersten Prozesstages immer wieder auf seine Lebensumstände: „Ich bin gutbürgerlich und behütet aufgewachsen. Hatte eine gute Arbeit, war sogar stellvertretender Filialleiter in einem Elektronikmarkt. Aber irgendwann ging alles bergab.“

Harte Drogen oder Alkohol seien jedoch nie sein Problem gewesen: „Das lehne ich kategorisch ab.“ Seine Familie habe sich mittlerweile fast gänzlich von ihm abgewendet. „Nur mit meiner Schwester stehe ich noch im Briefkontakt.“ Aktuell ist er in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik untergebracht.

Am Donnerstag, 9. Januar, um 9 Uhr wird der Prozess am Landgericht Münster in Saal A10 fortgesetzt. Dann werden weitere Zeugen und der psychologische Sachverständige vernommen.

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