Schützenfesttag begann mit Trichtersaufen und endete mit einer blutigen Attacke

mlzStrafprozess

Für den Täter hatte der Schützenfesttag mit „Trichtersaufen“ begonnen. Er endete mit einer blutigen Attacke. Vor Gericht erinnerte er sich an nichts. Das allerdings bezweifelte der Richter.

Stadtlohn

, 28.08.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dieser Schützenfesttag bleibt der 26-jährigen Zeugin aus Stadtlohn in schlechter Erinnerung. Aus ihrer gut gemeinten Bemerkung entwickelte sich ein „Exzess“, so formulierte es der Richter am Dienstag im Strafprozess gegen einen 22-jährigen Südlohner. Am Ende verhängte der Richter eine sechsmonatige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung gegen den Angeklagten, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Darüber hinaus kommt dem jungen Mann seine Gewalttat teuer zu stehen.

„Ihr wollt doch nicht etwa noch Auto fahren?“

Die Zeugin hatte zusammen mit einer Freundin, ihrer Schwester und deren Freund am Samstag, 2. Juni, das Schützenfest des Schützenvereins Wessendorf St. Liudger besucht. Als sich die gut gelaunte Gruppe nach drei oder vier Bier nach Mitternacht auf den Heimweg machte, kamen sie an einem Pkw vorbei. „Das Licht brannte, die Türen standen offen und da waren zwei junge Männer. Da habe ich gesagt: ,Ihr wollt doch nicht etwa noch Auto fahren?‘ Das war aber nur eine nett gemeinte Frage.“ Sie habe verhindern wollen, dass sich einer der beiden alkoholisiert ans Steuer setzt.

Plötzlicher Schlag aus dem Nichts

Die Frage jedoch kam bei dem damals noch 21-jährigen Angeklagten und seinem immer noch unbekannten Begleiter gar nicht gut an. „Die beiden haben uns direkt schwer beleidigt und fingen eine Schubserei mit dem Freund meiner Schwester an“, berichtete die 26-jährige Zeugin. Doch dann habe sich die Situation schnell wieder beruhigt. Die drei Frauen und ihr Begleiter gingen weiter. „Nach 300 Metern haben uns die beiden wieder überholt. Der eine stellte sich vor den Freund meiner Schwester und beschimpfte ihn. Und der zweite schlug ihm plötzlich von der Seite an den Kopf.“

Der Richter hielt Fotos aus dem Krankenhaus hoch, die die Folgen des Schlags zeigten: eine klaffende Wunde am Kopf und an der Ohrmuschel. Auch nach einem Jahr sind noch Spuren der Verletzung zu erkennen, davon überzeugte sich der Richter höchstpersönlich. „Die Ärztin im Krankenhaus hat gesagt, so eine Verletzung kann nicht durch einen Faustschlag verursacht werden. Der Schlag sei vermutlich mit einem scharfkantigen Gegenstand ausgeführt worden“, berichtete die Freundin (und seit kurzem Ehefrau) des Opfers vor Gericht.

„Ich erkenne mich selbst nicht in der Person wieder, die ihr beschreibt“

Doch diesen Gegenstand hatte niemand der Zeugen gesehen. Und der 23-jährige Angeklagte selbst konnte am allerwenigsten zur Erhellung des Geschehens beitragen. „Ich erkenne mich selbst nicht in der Person wieder, die ihr beschreibt“, schrieb er dem Opfer, mit dem er entfernt verwandt ist, noch vor dem Prozess in einem Entschuldigungsbrief. Und: „Ich war nicht der Mensch, der ich sonst bin. Es tut mir leid“. Noch während des Prozesses entschuldigte er sich erneut mit Handschlag bei seinem Opfer.

Nach eigener Darstellung fehlt dem Angeklagten jegliche Erinnerung an das Tatgeschehen. Er berichtete, dass der Samstag „normal“ begonnen habe. Mit zwei Freunden habe er zuhause „vorgesoffen“: Wodka und jede Menge Bier aus dem Trichter. „Auf dem Schützenfest haben wir weitergetrunken. Dann bin ich am nächsten Tag bei meiner Freundin aufgewacht. Dazwischen fehlt komplett jede Erinnerung.“

Richter: Erinnerungsverlust ist eine beliebte Verteidigungsstrategie

Der Richter hegte Zweifel: „Dass sich jemand nicht erinnern kann, das höre ich oft. Das ist eine beliebte Verteidigungsstrategie. Ich nehme Ihnen auch nicht ganz ab, dass Sie nicht wissen, wer Sie zur Tatzeit begleitet hat.“ Der Anwalt des Angeklagten hatte noch weitere Verteidigungsstrategien parat: leise Zweifel, ob die Zeugen tatsächlich den richtigen als Schläger identifiziert haben, Zweifel ob es sich tatsächlich um eine schwere oder gemeinschaftliche Körperverletzung handelt, Zweifel an der grundsätzlichen Schuldfähigkeit aufgrund des Alkoholkonsums.

Vergleich: 2000 Euro Schmerzensgeld

Noch während des Strafprozesses schlossen Täter und Opfer einen Vergleich und vereinbarten die Zahlung eines Schmerzensgeld in Höhe von 2000 Euro. Danach drängte der Verteidiger auf eine Einstellung des Strafverfahrens. „Nein“, sagte der Richter, „das geht bei einer so schwerwiegenden Geschichte nicht, selbst wenn der Angeklagte 10.000 Euro Schmerzensgeld zahlen würde.“

Am Ende verhängte der Richter wegen schwerer Körperverletzung eine sechsmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung und zusätzlich zwei Monate Führerscheinentzug. Außerdem muss der 22-Jährige die Kosten des Verfahrens tragen und den Anwalt des 30-Jährigen bezahlen.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung und drei Monate Führerscheinentzug gefordert. Der Verteidiger hatte am Ende auf eine 2400-Euro-Geldstrafe (40 Tagessätze à 60 Euro) plädiert.

Richter rechnet mildernde Umstände ein

Der Richter betonte, die Strafe sei milder ausgefallen, weil der Angeklagte bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten sei, sich entschuldigt und Schmerzensgeld zugesagt habe. Auch habe er, so der Richter, eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund des Alkoholkonsums in sein Urteil eingerechnet. Der Richter schloss mit den Worten: „Ich denke aber, das Urteil ist ein passender Denkzettel.“

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