Norbert Sass und sein Anwalt Frank Theumer (l.) bei der Verfahrenseröffnung im Amtsgericht Heilbronn im Jahr 2019. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Selbsternannter „Krebs-Heiler“ Norbert Sass bleibt im Gefängnis

Norbert Sass, selbsternannter Krebs-Heiler, muss länger hinter Gittern bleiben. Im Amtsgericht Heilbronn wurde der ehemalige Stadtlohner zu drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Bettina Jörg, Leitende Staatsanwältin am Amtsgericht Heilbronn, hatte für den Angeklagten Norbert Sass eine Freiheitsstrafe von vier Jahren beantragt. Das höchste Strafmaß, das für Verfahren am Amtsgericht überhaupt möglich ist. Mit drei Jahren und zehn Monaten blieben Richter Alexander Lobmüller und die beiden Schöffen nur knapp darunter.

Das Amtsgericht Heilbronn hat jetzt das Strafverfahren gegen Norbert Sass mit einem Urteil beendet.
Das Amtsgericht Heilbronn hat jetzt das Strafverfahren gegen Norbert Sass mit einem Urteil beendet. © Christiane Hildebrand-Stubbe © Christiane Hildebrand-Stubbe

Verurteilt wurde der ehemalige Betreiber des „Löwenhofs“ für mehrere Straftaten. Im Fokus des Verfahrens stand aber in zwei Fällen der Tatvorwurf der schweren vorsätzlichen Körperverletzung und der Verstoß gegen das Heilpraktiker-Gesetz.

Krebs-Therapie mit illegalen Mitteln

Rückblende: Norbert Sass, der meist als Dr. Norbert Sass auftrat und laut Zeugen den Eindruck erweckt hatte, Arzt zu sein, hatte zwei an Krebs im Endstadium erkrankte Patientinnen mit einer illegalen Therapie „behandelt“. Für seine „Dienste“ stellte er Rechnungen in Höhe von 74.000 und 100.000 Euro aus.

Zur Anwendung kamen dabei sogenannte Exosome, „Ableger“ von Stammzellen, die aus Nabelschnüren gewonnen werden und die sich Sass in Beirut beschaffte. In dem Fall einer jungen Frau wurde für den Transport der Exosome in der Universitätsklinik Greifswald eine Pumpe implantiert, allerdings erfolglos. Die versprochene Heilung blieb aus, beide Frauen starben.

Sachverständige zweifeln an Wissenschaftlichkeit

Neben den Aussagen verschiedener Zeugen waren es vor allem die Darstellungen zweier renommierter Sachverständiger, die intensiv mit der Thematik befasst waren, die die Wissenschaftlichkeit des Norbert Sass grundsätzlich in Frage stellten.

Einige ihrer zahlreichen Kritikpunkte: Exosome sind bei Körpertemperatur gar nicht überlebensfähig. In der besagten von Sass genutzten Pumpe wäre das aber naturgemäß der Fall gewesen. Bei einer Patientin hatte er sogar Ultraschall eingesetzt, was fatal war. Außerdem wurde deutlich gemacht, dass es sich bei Exosomen lediglich um ein Transportmittel handelt. Sass hatte es aber als Tumor-Therapie ohne irgendeine onkologische Expertise eingesetzt.

Richter Lobmüller sieht es daher als erwiesen an, dass Norbert Sass für seine sogenannte Therapie jegliche fachliche Grundlage fehlt: „Das ist alles Kokolores.“ Dementsprechend sprach er vom Angeklagten als „Scharlatan“, der die Verzweiflung schwerstkranker Menschen und ihrer Angehörigen ausgenutzt habe. Bei der Bemessung des Strafmaßes habe auch eine Rolle gespielt, dass Norbert Sass kein unbeschriebenes Blatt ist und er schon mehrfach vorbestraft ist. Wegen Delikten, die aber schon länger zurückliegen.

Kosten trägt die Staatskasse

Auch zum Ende des Verfahrens, das sich coronabedingt über zwei Jahre hingezogen hatte, konnte Norbert Sass keinen Beweis dafür vorlegen, dass er tatsächlich jemals promoviert hat und rechtmäßig einen Doktortitel trägt. In seinen jüngsten „Auftritten“ im Internet hat er aber ohnehin auf ihn verzichtet. Auch eine medizinische Ausbildung kann er nicht nachweisen, war vielmehr in den unterschiedlichsten und recht bunten Berufsfeldern aktiv.

Norbert Sass, der sich schon seit der Verhandlung am 27. April in Untersuchungshaft befindet, nahm laut Augenzeugen das Urteil am Dienstagnachmittag, 18. Mai, völlig gefasst auf. Eine Woche hat er jetzt Zeit, in Berufung zu gehen, was Staatsanwältin und Richter auch erwarten.

Ein Schritt, der ihn persönlich – zumindest erst einmal – finanziell nicht belasten wird. Auf Anfrage bestätigte Richter Alexander Lobmüller, dass die Kosten für Verhandlung, Pflichtverteidiger und auch für Sachverständige die Staatskasse trägt. Nächste Instanz ist dann das Landgericht Heilbronn.

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