Bio-Landwirt in Teilzeit: Stefan Benkhoff-Liesner. © Nils Dietrich
Bio-Landwirtschaft

Stadtlohner Landwirte wagen das Bio-Abenteuer – ihr Timing ist perfekt

Die Liesners haben es gewagt: Sie züchten seit drei Jahren vor den Toren Stadtlohns Bio-Rinder. Und die Nachfrage steigt, denn immer mehr Menschen wollen nachhaltig produziertes Fleisch.

Idyllisch ist es bei den Liesners in Stadtlohn, kurz vor der Grenze zu Ahaus. Die Herde Kühe schaut neugierig herüber, als Stefan Benkhoff-Liesner die Weide betritt. Langsam pirschen sich die sanften Riesen heran, das Exemplar mit der Nummer 139 geht direkt auf den Landwirt zu. „Das hier ist die zutraulichste“, erzählt der 49-Jährige, während er dem Tier über den Kopf streichelt.

Eines Tages wird der Weg von Nummer 139 zum Schlachter führen. Bis dahin aber soll sie ein glückliches Leben führen mit ihren Artgenossen auf der Weide, nur im Winter müssen die Paarhufer in den Stall. „Sie bekommen hier reines Gras und Heu, ergänzend gibt es noch Kleegrassilage“, berichtet Stefan Benkhoff-Liesner.

Strenge Vorgaben für Bio-Bauern

Alles Bio, alles zertifiziert. Die Anforderungen sind streng und Tiere, die unter dem Bio-Label laufen, dürfen logischerweise nur Bio-Futter bekommen. Spritzmittel und mineralische Dünger sind auf den 40 Hektar der Liesners tabu, gleiches gilt für Unkrautvernichter. „Das bedeutet beim Mais, dass wir wie früher mit der Hacke durch die Reihen gehen“, sagt Stefan Benkhoff-Liesner. „Als Dünger verwenden reinen Mist, der steht aber nur begrenzt zur Verfügung.“ Über die Einhaltung der Vorgaben wachen Prüforganisationen.

Am Ende bedeutet dieser Gegenentwurf zur Hochleistungs-Landwirtschaft 30 bis 40 Prozent weniger Ertrag bei Getreide als beim konventionellen Anbau, wie Stefan Benkhoff-Liesner schätzt. Auch Aufwachsphase und Mast brauchen mehr Zeit. Normalerweise ist der Jungbulle nach 18 Monaten fertig und hat 450 Kilo Schlachtgewicht. „Unsere Tiere brauchen 24 Monate Minimum, manchmal 30“, rechnet der Bio-Landwirt vor. Die Färsen brächten es dann auf 320 Kilo, die Ochsen vielleicht auf 360 bis 370 Kilo Schlachtgewicht.

„Da wird man nicht reich bei, man muss sich dessen bewusst sein“, wirft Ehefrau Angelika Liesner ein. Die Landwirtschaft ist für das Paar „nur“ ein Nebenjob: „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel“, sagen sie. Aber das Paar macht das aus Überzeugung: „Wir haben Spaß an der Sache, unsere Nische gesucht und gefunden.“

Früher war der Liesner’sche Hof ein Milchviehbetrieb, dann zogen sich die Eltern aufs Altenteil zurück. Doch für eine dauerhafte Perspektive erschien der Hof zu klein. Irgendwann ging es um die Frage, wer die Nachfolge machen soll. In den 90ern mussten sie sich entscheiden: „Dann haben wir es versucht“, sagt Angelika Liesner, die gelernte Landwirtin ist, aber heute als Pflegemanagerin arbeitet.

Der „eingeheiratete“ Stefan Benkhoff-Liesner ist eigentlich Betriebswirt, jetzt Teilzeit-Landwirt. „Ich habe ihr schon damals gesagt, dass ich irgendwann mal Bio-Landwirt werden möchte. Da hat sie noch ganz verwundert geschaut.“ Es dauerte noch einige Jahre, bis aus der Verwunderung Begeisterung werden sollte: „Wir haben dann irgendwann mal bei einem schönen Glas Wein in Südtirol beschlossen, dass wir was anderes machen.“

Die Bullen haben die Liesners auf einer separaten Weide untergebracht - so gibt es keinen Ärger in der Herde.
Die Bullen haben die Liesners auf einer separaten Weide untergebracht – so gibt es keinen Ärger in der Herde. © Nils Dietrich © Nils Dietrich

Inzwischen hat das Paar seinen Entschluss in die Realität umgesetzt, seit über drei Jahren gibt es das Bio-Rindfleisch aus dem Stadtlohner Norden. Das Timing könnte besser nicht sein, denn seit zwei Jahren zieht die Nachfrage an: „Das Interesse ist spürbar größer“, erzählt das Paar. Corona habe einen zusätzlichen Schub gebracht.

Aber nicht nur das. Die Zeiten, in denen Bio nur ein Thema für „Ökos“ war, sind längst vorbei. „Den Kunden, die wir haben, ist es wichtig, dass das Tier vernünftig und artgerecht aufwächst, anderen ist Bio wichtig“, sagt Stefan Benkhoff-Liesner. Das ist auch im Supermarkt zu sehen: Lange versteckte der Lebensmitteleinzelhandel Bioprodukte in der hinterletzten Ecke, heute gibt es Bio-Produkte selbst beim Discounter.

Bio ist kein Nischenthema mehr

„Bio ist im Mainstream angekommen“, hieß es vor einiger Zeit bei der Marktforschungsgesellschaft GfK. Das lässt sich auch mit Zahlen untermauern. Nach Angaben des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) stieg der Umsatz von Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken allein im Jahr 2019 um 11,4 Prozent auf mehr als 7 Milliarden Euro.

Während Gemüse, Obst und Eier in Bio-Qualität schon länger gefragt sind, erfreut sich Bio-Fleisch erst seit kurzer Zeit steigender Beliebtheit. Inzwischen kauft jeder Zweite laut eigenen Angaben ausschließlich oder häufig Fleisch in Bio-Qualität, wie aus dem Öko-Barometer des Landwirtschaftsministeriums hervorgeht. Als wichtigste Motive für den Bio-Kauf gaben die Verbraucher Umwelt- und Klimaschutz sowie artgerechte Tierhaltung an.

Wer bei den Liesners Fleisch bestellt, muss mindestens zehn Kilo abnehmen. „Viele Interessenten telefonieren mit mir und möchten das ausprobieren“, sagt Stefan Liesner. Wenn genügend Interessenten vorhanden sind, legt er einen Schlachttermin fest. Das sei derzeit alle vier Wochen der Fall, dann werden ein oder zwei Tiere geschlachtet.

Und was bekommen die Fleisch-Liebhaber dann? Was das Rind bietet, einmal „querbeet“ von Rouladen über Hack, Beinscheibe bis Filet. Leber-Liebhaber bestellen vor, Kalbs- und Ochsenbäckchen sind der Renner. Die müssen reserviert werden, das Angebot ist logischerweise sehr eingeschränkt, wenn nur ein oder zwei Tiere geschlachtet werden.

Bald kommen Hähnchen an die Reihe

Anschließend wird das Fleisch über zehn Tage abgehangen: „Sowas passiert bei den Großen gar nicht mehr, das geht auch nicht“, so Stefan Benkhoff-Liesner. Der Chef höchstpersönlich holt es dann mit dem Kühlwagen ab und liefert es frei Haustür. 14,50 Euro kostet das Kilo – Bio-Fleisch ist nicht nur für Großverdiener eine Alternative. Der Rest wird über eine Biofleischgenossenschaft vertrieben und kommt in den Biomarkt.

Derweil hegen die Liesners schon weitere Pläne. Bei Rindern soll es nicht bleiben. Neuerdings bauen sie auch Kartoffeln an, Hähnchen kommen bald dazu. „Vielleicht versuche ich nächstes Jahr Schweine“, überlegt Stefan Benkhoff-Liesner. Der Rinderstall sei ja im Sommer leer: „Wir werden mal sehen, der Wunsch ist auf jeden Fall da.“ Ob Kuh Nummer 139 das noch miterleben wird? Bei der derzeitigen Nachfrage stehen ihre Chancen schlecht.

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