Abenddämmerung auf dem Spahn-Gelände: Erwin Plate beobachtet die Abrissarbeiten in dem Betrieb, in dem er mehr als vier Jahrzehnte gearbeitet hat. © Stefan Grothues
Industriegeschichte

Tatort Stuhlfabrik: Spahn-Trümmer wecken schöne und bittere Erinnerungen

Die Stuhlfabrik Spahn hat den Sprung in den „Tatort“ und in die „Sendung mit der Maus“ geschafft. Jetzt liegt das Kapitel der Stadtlohner Industriegeschichte in Trümmern. Eine Randbetrachtung.

Tock-tock-tock. Im stetig gleichen Rhythmus stößt der Pressluftammer des Baggers auf das mächtige Betonfundament. Tock-tock-tock. Hier läuft hämmernd die Uhr ab für ein Stück Stadtlohner Industriegeschichte. Die Stuhlfabrik Spahn liegt in Trümmern. Nur noch wenige Hallenwände, das Kesselhaus und der Schornstein stehen noch.

Leere Hallen, Trümmerberg – das Ende der ehemals stolzen Stuhlfabrik Spahn.
Leere Hallen, Trümmerberg – das Ende der ehemals stolzen Stuhlfabrik Spahn. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Von dort aus beobachtet Erwin Plate die Abbruchszenerie. „Das macht mich schon ein wenig traurig“, sagt der 61-Jährige. 42 Jahre lang hat er als Stuhlmacher hier gearbeitet. Er sieht daher beim Baustellenbesuch am Freitag mehr als nur die Trümmer.

Fertigung vom Sägewerk bis zur Polsterei

Er sieht vor seinem geistigen Auge die Buchenstämme, die hier angeliefert wurden, die damals moderne Gattersäge, die die Stämme in Bohlen schnitt. Er sieht das geschäftige Treiben von über 300 Mitarbeitern im Sägewerk an den Hobeln, Pressen und Fräsen. Er sieht den betriebseigenen Bahnanschluss, von dem aus die fertigen Stühle ihre Reise nach ganz Europa antreten.

Auch die Tage dieser Halle sind gezählt, in den nächsten Tagen fallen die letzten Mauern.
Auch die Tage dieser Halle sind gezählt, in den nächsten Tagen fallen die letzten Mauern. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

1921 war die H. & F. Spahn GmbH aus einer kleinen Schreinerei hervorgegangen. Damals war die Sitzmöbelfabrik der erste industrielle Möbelhersteller in Stadtlohn. Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte Spahn vollstufig vom Sägewerk bis zur eigenen Polsterei Stühle vor allem für die Gastronomie. Das war ein Fall für die „Sendung mit der Maus“, die hier prima erklären konnte, wie aus einem Baum ein Stuhl wird.

Requisit im Tatort-Krimi

Erwin Plate ist heute noch stolz auf die Stühle. „Das war echte Qualitätsarbeit. Die gehen nicht kaputt.“ So erschreckt Erwin Plate seine Frau Mechthild beim Tatort oder Wilsberg-Krimi immer wieder mal mit einem Ausruf: „Da ist wieder ein 2631er!“ Dann hat der Stuhlbauer in einer Kneipenszene wieder das Erfolgsmodell der Stuhlfabrik entdeckt: „Den erkenne ich immer sofort.“

„Bei Betriebsruhe Türen schließen“: Diese Aufschrift bekommt in diesen Tagen eine ganz neue Bedeutung.
„Bei Betriebsruhe Türen schließen“: Diese Aufschrift bekommt in diesen Tagen eine ganz neue Bedeutung. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

In den Stolz und die Trauer mischt sich bei Erwin Plate aber auch eine Prise Bitterkeit. Im Sommer 2017 meldete die Spahn GmbH Insolvenz an. Kurz vor Weihnachten wurden die letzten 60 Mitarbeiter entlassen, auch Erwin Plate. „Das war natürlich schon schlimm genug.“ Was ihn aber richtig ärgert: „Auf Teile unseres Lohns warten wir heute noch.“

„Mitarbeiter am Ende der Nahrungskette“

Das Verfahren, so Plate, der auch über 25 Jahre im Betriebsrat war, könne noch Jahre dauern. „Wir haben bis zum Schluss noch Überstunden gemacht, um den Betrieb zu retten. Aber dann standen wir Mitarbeiter am Ende der Nahrungskette. Für etliche Mitarbeiter geht es um mehrere tausend Euro, die sie nicht bekommen haben.“

Doch dann denkt Erwin Plate lieber an die 40 guten Jahre vor der Insolvenz. „Ich habe immer gerne hier gearbeitet. Die Kameradschaft unter den Kollegen war sehr, sehr gut.“ Im Stadtlohner Volksmund, so Plate, sei die Stuhlfabrik auch „Knochenmühle“ genannt worden, weil die Arbeit so hart war. Das hat zusammengeschweißt.

Wohnhäuser und Gärten statt Industriehallen

Erwin Plate hofft, dass „seine“ Stuhlfabrik und mit ihr einer der ältesten Industriebetriebe Stadtlohns nicht spurlos verschwindet. „Es wäre doch schön, wenn später einmal auf diesem Gelände etwas an die Geschichte des Unternehmens erinnert.“

Das Ende der Stuhlfabrik Spahn aus der Vogelperspektive gesehen.
Das Ende der Stuhlfabrik Spahn aus der Vogelperspektive gesehen. © Thomas Willemsen © Thomas Willemsen

Später einmal werden auf dem Areal Wohnhäuser mit Gärten stehen. Die Stadt hat 25.000 Quadratmeter des früheren Spahn-Betriebsgeländes erworben – mitsamt den alten Betriebshallen. Bis Anfang Juni soll das Baufeld aufbereitet sein.

Wenn der Schornstein fällt, wird es noch einmal „mulmig“

Bis dahin wird auch der alte Schornstein gefallen sein, der vorletzte Fabrikschlot der Stadt. Dann bleibt nur der Schornstein der Spinnerei und Weberei Hecking Söhne. Erwin Plate will sich die Sprengung nicht entgehen lassen. „Aber dann wird mir wohl richtig mulmig. Dann ist die Geschichte der Stuhlfabrik Spahn endgültig vorbei.

Vergessen wird er sie aber nicht. Tick-Tick-Tick. Dafür sorgt die alte große Betriebsuhr der Stuhlfabrik, die jetzt an der Terrassenwand des Hauses Plate hängt. „Die konnte ich nach dem Konkurs erwerben“, sagt Erwin Plate. Und sonntagabends beim Tatort wird immer wieder mal ein Verdächtiger auf einem 2631er aus der Stuhlfabrik Spahn sitzen.

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Stefan Grothues

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